Das ist schon starker Tobak, was Michael Hagner seinen Studenten bietet. Einsteins Gehirn heißt der Film, den der Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich zum Abschluss des Semesters vorführt. Der Filmemacher begleitet Kenji Sugimoto, einen japanischen Professor, auf der Suche nach dem Gehirn seines großen Idols. Ein Dr. Thomas Harvey soll es dem toten Einstein 1955 in Princeton entnommen haben. Seitdem ist es verschwunden, Sugimoto und der Film machen sich auf die Suche.

Gebannt folgen die Studenten dem Streifen, auch wenn sie nicht recht wissen, was sie davon halten sollen. Ist das ein ironischer Kommentar auf den bevorstehenden Rummel um Einsteins 125. Geburtstag am 14. März? Oder nur der kuriose Abschluss von Hagners Vorlesungsreihe Gehirn und Geist? Um dessen Vorliebe für Geniale Gehirne weiß man ja. So heißt schließlich sein neues Buch, das demnächst bei Wallstein erscheinen wird und das der Geschichte der so genannten Elitegehirnforschung gewidmet ist – jenen wissenschaftlichen Unternehmungen, deren Ziel es war, den Geist eines Genies in der blumenkohlgroßen Masse namens Gehirn zu lokalisieren.

Ab und an fällt ein fragender Blick auf Michael Hagner. Der kann sich das Lachen nicht verkneifen. "Wissen Sie, wo Einsteins Gehirn ist?", fragt Sugimoto jeden, dem er begegnet. In Kansas City wird er fündig. Der greise Thomas Harvey kramt drei Einmachgläser hervor: Einsteins Gehirn, zerteilt in handliche Würfel. Ob er vielleicht ein Stückchen haben dürfte, stammelt Sugimoto. "Warum nicht?", sagt Harvey und fischt einen Brocken heraus. Er schneidet etwas ab und steckt es in eine Pillendose. "Hirnstamm mit Kleinhirn, bitte sehr."

Ein Student ist empört. Wie dieser Harvey mit dem Gehirn umging: völlig unprofessionell! Mit einem Brotmesser daran herumzusäbeln! Eine Kommilitonin beschwichtigt: Das war doch kein Dokumentarfilm. Hagner lauscht aufmerksam der Diskussion. Es ist seine erste Vorlesung hier in Zürich. Acht Jahre lang hat er am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte verbracht. "Eine wunderbare Institution! Man forscht da mit hundert anderen Wissenschaftshistorikern, und ständig kommen kluge Leute aus Paris, Cambridge oder Harvard vorbei", erzählt der 44-jährige Hagner später. Aber ein bisschen ist es da eben auch wie im Elfenbeinturm. Hier in Zürich, das ist ihm anzusehen, genießt er den Kontakt mit den jungen Studenten.

Die wollen nun vom Professor endlich wissen, ob der Film eine Satire oder eine Dokumentation ist. "Okay", sagt Hagner. Zögert, beugt sich etwas vor, "Sugimoto ist Fiktion". Dann richtet er sich auf: "Der ganze Rest aber, der ist wahr." Harvey hat Einsteins Gehirn tatsächlich über 40 Jahre bei sich zu Hause gehortet, ohne viel mehr damit anzufangen, als es in Würfel zu schneiden. "Wie Oskar Vogt das mit Lenins Hirn gemacht hat", wirft eine Studentin ein. Davon war in der Vorlesung bereits die Rede. Der deutsche Hirnanatom hatte das Gehirn des russischen Revolutionärs in 30000 Scheiben geschnitten und geglaubt, dessen ausgeprägte Pyramidenzellen in der dritten Hirnrindenschicht prädestinierten Lenin zum "Assoziationsathleten". Im neurowissenschaftlichen Kontext der 1920er Jahre, erklärt Hagner, war das umstritten, aber keinesfalls irrational. Was Harvey hingegen tat, ist wissenschaftlich ganz ohne Sinn, ist bloße Imitation.

Hagner weiß, wovon er spricht. Er hat selbst in der Hirnforschung gearbeitet. Als Sohn eines Psychiaters und Neurochirurgen studierte er Medizin und Philosophie. Weil es ihn vor der Arbeit im Krankenhaus grauste – "eine neofeudale Anstalt!" –, forschte er in einem neurophysiologischen Labor der FU Berlin und widmete seine Dissertation der Geschichte der Sehtheorien. Damit betrat er den Weg, der ihn zu einem Wissenschaftshistoriker von Rang werden ließ. Und der ihn im vergangenen Sommer an die ETH führte, die vielen als einzige kontinentale Hochschule gilt, die es mit den amerikanischen Spitzenuniversitäten aufnehmen kann.

Geist in der Hirnwindung

Der Kult um Einsteins Gehirn ist in Hagners Augen der vielleicht skurrilste Auswuchs jener wissenschaftlichen Praxis, die in den vergangenen 200 Jahren versuchte, das Unfassbare der menschlichen Kreativität in der Materie handfest zu machen. Erst glaubte man, ein geniales Gehirn sei besonders groß und schwer. Dann, dass seine zerebralen Windungen außerordentlich ausgeprägt seien. Schließlich machte man, wie Oskar Vogt, die Größe und Dichte bestimmter Hirnzellen für extraordinäre Intelligenz verantwortlich.