Das oberste Fach eines grauen Stahlschranks in der Kölner Kunsthochschule für Medien birgt eine Anzahl von Terminplanern und Kladden. Sie dokumentieren die Wege einer nomadischen Gelehrtenexistenz. Die Wege des Vilém Flusser (1920 bis 1991), eines Prager Juden, Autodidakten und Exilanten, einer faustischen Gestalt mit spitzer Nase, Brille, Bart, Pfeife. Als "Computerphilosoph" erlebte er in der Zeit nach dem Fall der Mauer 1989 einen späten Durchbruch.

Die Botschaften aus Flussers nachgelassener Kalenderwelt sind karg. Oft notiert er nur Tage und Orte und immer wieder: Alpenpässe. Den Ofenpass, der von den Einheimischen Pass dal Fuorn genannt wird und seinen Namen den mittelalterlichen Metallschmelzen auf der Passhöhe verdankt, erwähnt er häufiger als alle anderen. "Ich benutzte sie oft", schreibt Flusser über die alpine Passage in dem mit Wege überschriebenen Eröffnungsessay der Sammlung Vogelflüge , "und bewunderte jedesmal nicht nur den majestätischen Anblick auf die Berggipfel und Gletscher, sondern auch die Schönheit ihrer Kurven".

Noch bis in die frühe Neuzeit zählte der Fuorn zu den wichtigsten Verbindungen zwischen dem nördlichen und dem südlichen Alpenraum. Von Chur kommend, führt die Straße über Davos, den Flüela, Zernenz, den Ofen und das Münstertal in das Vinschgau und nach Südtirol. Für das schon jenseits der Alpenkämme im östlichsten Zipfel der Schweiz gelegene Münstertal bildete der auf 2149 Meter ansteigende Pass den einzigen direkten Zugang zum bündnerischen "Mutterland".

Heute hat sich der große Verkehr auf andere Traversen verlagert wie den nahen Reschen. Aus dem Übergang über den Ofenpass ist eine Nebenstraße geworden, "eine asphaltierte, nicht eben übermäßig breite Straße, die selten befahren wird", schreibt Flusser im Wege- Essay. Ihr Band durchschneidet den 1914 gegründeten Schweizer Nationalpark, eine wohl behütete künstliche Wildnis, die daran erinnert, dass die Passage über den Fuorn nicht erst moderner Sprengtechnik zu verdanken ist, sondern ursprünglich durch die Züge der Wildtiere und die Herden der steinzeitlichen Hirten in die Landschaft eingekerbt wurde. Die Flussers liebten solche Nebenwege. Edith Flusser chauffierte gern den alten Renault 12, während er danebensaß und das Gesehene in sich einsaugte. Das Paar teilte ein ausgeprägtes Faible für Berge.

Südtirols Lage kommt der Reiselust entgegen

1972 meldet Federico Steinhaus, Sprecher der jüdischen Kultusgemeinde von Meran, an die Dortmunder Staatsanwaltschaft, dass in der Via Petrarca 30, einen Steinwurf von der Synagoge entfernt, der als Vertreter einer Radiofirma tätige Anton Malloth lebe. Malloth, ein gelernter Metzger und der "schöne Hans" genannt, wird Jahrzehnte später als der "Schlächter von Theresienstadt" bekannt werden. Lange Zeit bewegt sich in dem Fall nichts. Man wisse nicht, wo sich Malloth aufhalte, vermelden die Meraner Behörden. Erst 2001, 88 Jahre alt und ein Jahr vor seinem Tod, wird Malloth vom Münchner Landgericht abgeurteilt.