Moskau

Das Laboratorium der neuen russischen Staatsjugend mag als Amtszimmer im Bildungsministerium auf den ersten Blick eher enttäuschen. Doch hinter den Schreibtischen der "Abteilung für staatsbürgerliche und patriotische Erziehung" herrscht unbürokratische Aufbruchsstimmung. "Die Zahl der militärischen Jugendklubs im Land ist in den letzten drei Jahren von 800 auf 1500 gestiegen", berichtet der stellvertretende Abteilungsleiter stolz unter dem gerahmten Porträt von Präsident Wladimir Putin. 400000 Jugendliche besuchen die kampfsportliche Vorbereitung auf den Wehrdienst. Werbeposter der waffenstarrenden Spezialtruppen und eine Barettsammlung an der Amtswand zeigen die pädagogische Richtung an: rechts um. Auf das Einstiegsalter der Kleinsten von zehn Jahren verweist ein Plüschbär im Camouflage-Anzug.

Zu mehrwöchigen Sommerlagern holen militärische Ausbilder die Jugendlichen "von der Straße runter" – auf den Schießplatz oder zum Geländemarsch in Uniform. Orthodoxe Priester predigen ihnen von Heiligen und Heroismus. Die Armee schickt schon mal einen ausrangierten Panzerwagen zum spielerischen Lernen vorbei. Der Staat als Erzieher soll Putins neuen Menschen, einen "Bürgerpatrioten der Heimat", produzieren. Dafür organisiert das Ministerium auch weniger martialische Veranstaltungen wie das Festival des patriotischen Liedes mit dem Titel Ich liebe dich, Russland.

Unter Putin hat das Land eine geistig-moralische Wende in Schlagworten erlebt. "Entweder gibt es ein großes Russland oder gar keines", verkündete er. Starker Staat, Großmacht und Patriotismus lautet die Losung, kombiniert mit Wirtschaftsreformen. Der passende Fundus entstammt der Rumpelkammer der Geschichte: Die Sowjethymne mit neuem, sakral gefärbtem Text, der zaristische Doppeladler, die rote Flagge und der Sowjetstern für die Armee legitimieren althergebracht die neue Macht. Der Mummenschanz der Symbole ist ein Werk der Polittechnologen im Kreml. Zur Erzeugung der Illusion, dass die Welt wieder mit einem geeinten Russland rechnen muss, ist ihnen jedes Mittel recht. Doch laufen sie Gefahr, dass sich der Flaschengeist der nationalen Erweckung nicht mehr unter den Korken zurückdrücken lässt. Das vorgeblich so stabile Putinsche Herrschaftssystem trägt sein Scheitern bereits in sich.

Am Sonntag jedoch dürfte Putin bei der Präsidentschaftswahl den Höhepunkt seiner Macht erleben. Seine Kampagnenmanager grübeln ernsthaft nur noch darüber nach, wie sie die nötige Wahlbeteiligung von mehr als 50 Prozent erreichen. Poster in der anschlagsgefährdeten Moskauer Untergrundbahn laden wenig geschmackvoll zum Popkonzert Bombe des Jahres am 14. März ein. Eintrittskarten bekommt aber nur, wer gewählt hat. Museums- und Theaterdirektoren wurden verpflichtet, ihre Belegschaft zum Wahllokal zu treiben. In Chabarowsk hat ein Krankenhaus die Behandlung der Patienten gar mit ihrem Kreuzchen auf dem Stimmzettel verknüpft.

Neues von den Welpen

Die Alternativlosigkeit der Wahl und die Apathie der Bevölkerung spiegeln das Dahinsterben der öffentlichen Politik wider. Zuletzt entledigte sich Putin des Ministerpräsidenten, der nicht immer brav mit dem Kopf nickte. Den neuen Kandidaten, Michail Fradkow, zeichnet bei aller politischen Unbestimmtheit die maßgebliche Tugend der Putin-Jahre aus: Loyalität. Der Präsident ist zur traditionellen russischen Herrschaftsform der personifizierten Allmacht in einem Staat der Absprachen und ungeschriebenen Regeln zurückgekehrt. Die ideologische Leere versuchen die Kreml-Technologen hinter einem Patchworkteppich autoritärer Symbole zu verbergen.

Die Patriotismusbeschwörung hat dabei den zwei Jahrhunderte alten Streit zwischen Westlern und Slawophilen auferstehen lassen. Der Sermon von Russlands eigenem Wesen und Weg bedient die Stimmung der Menschen: Die große Mehrheit der Russen fühlt sich verarmt und ist enttäuscht von den Veränderungen der letzten zehn Jahre. Wie die Parlamentswahl im Dezember zeigte, schlägt das Pendel in die antiwestliche, antidemokratische und antiliberale Richtung. Der starke Staat Putins stützt sich auf eine gleichgeschaltete Gesellschaft, auf die Armee und die orthodoxe Kirche.