Russlanddeutsche sind nirgendwo zu Hause, nicht in Russland, nicht in Deutschland. Ihre Biografien sind gebrochen, ihre Geschichten Zeugnisse politischer Willkür. Sie kommen aus der kasachischen Steppe nach Bonn, Berlin, in den Schwarzwald, fühlen sich wie Fische, die man aufs Trockene geworfen hat. Den einzigen Halt finden sie in ihren Familien. Unsere Autorin hat einige dieser Familien besucht. Eine von vielen Fragen war: Was ist deutsch?

Sie stamme „aus Russland“, antwortete Maria Pauls ihren Nachbarn in Kehl am Rhein und allen, die sie fragten, wo sie denn herkomme. „Ach so“, hieß es dann, und das Thema war erledigt. Richtiger wäre gewesen, Maria Pauls hätte gesagt: „Aus Karaganda, Kasachstan.“ Aber davor scheute sie zurück, seit sie einmal ganz furchtbar in Erklärungsnot geraten war. Sie hatte erzählen wollen, wie sie als Mädchen, 1931, in Kasachstan auf die nackte Steppe geworfen wurde, weil sie ein „Kulakenkind“ war. Als sie sich bemühte, das Wort „Kulak“ zu erläutern, bemerkte sie die Ratlosigkeit ihres Gegenübers und verhedderte sich, indem sie weitere russische Wörter hinzufügte wie „kollektivisazija“ und „deportazija“. Sie sprach von „semljanki, Erdhütten, mit bloßen Händen erbaut“, von ihrem „Schwesterchen Leni, das im Buran verfror“, schließlich von „Herzeleid“, von „Verheerung“. Dabei hatte sie das Gefühl, dass auch ihr Deutsch, ein leicht „plautdietsch“ gefärbtes Hochdeutsch, in Deutschland unverständlich ist.

Neben der richtigen Antwort gab es noch eine. „Ganz die richtige“ Antwort lautete: „Aus Lysanderhöh“. Das lag in Russland, war aber nicht Russland, sondern eine deutsche Insel im Zarenreich, eine mennonitische Kolonie nahe der Wolga. Dort wurde Maria Pauls 1916, kurz vor der Oktoberrevolution, geboren. Dort wuchs sie auf mit Schneewittchen, Heißa Kathreinerle, Müllers Esel, Schillers Glocke. Diese Kinderheimat hoffte sie in Kehl am Rhein, wo sie seit 1988 lebt, wiederzufinden. Und fand sie nicht, und ihre Geschichten von dem frommen Wolgadorf hatten hier ebenso wenig ein Echo wie die von Karaganda.

„Mariechen aus Lysanderhöh“ war sie nur im Familienkreis, und da auch nur für die Schwester Anna, ein paar Cousinen und Cousins, mit denen sie „dorten“ zur Schule gerannt war, auf dem schmalen Wall längs der Straße, den, wie jedes Lysanderhöher Kind wusste, die aus Westpreußen eingewanderten Vorväter aufgeschüttet hatten.

Maria Pauls war bewusst: Sie lebt seit 16 Jahren in einem Land, in dem sie nicht vermitteln kann, woher sie kommt und wer sie ist. Deutschland hat ihr eine nie gekannte Sorglosigkeit geschenkt, dafür ist sie unendlich dankbar, doch das Land ist ihr fremd geblieben. Einmal nur ist ihr ganz offiziell Verständnis zuteil geworden. Dieser Augenblick, als sie einen deutschen Beamten zum Weinen brachte, hat ihr viel bedeutet. Um ihr Recht auf eine Hinterbliebenenrente zu bekommen, hatte sie ihm den Brief vorlesen müssen, der in der Familie heilig gehalten wird: „Liebes Mariechen! …teile ich Dir mit, daß ich noch lebe, aber seit zwei Tagen bin ich krank – Malaria. Hier gibt es kein normales Leben. … Wie wachsen die Kinder? Sag ihnen, daß ihr Vater bald nach Hause kommt…“ Das letzte Lebenszeichen ihres Mannes Heinrich, das sie im August 1943 in Karaganda erreichte.

Viele Jahre habe ich mit Maria Pauls über ihr Leben gesprochen. Im vorletzten Winter ist sie verstummt.

5.000 Kilometer entfernt liegt Karaganda von Deutschland, unweit von China. Es ist die größte Provinzhauptstadt des Archipels Gulag. Eine „Schachtarbeiterstadt“, wie es auf Sowjetisch hieß, „die ihre Existenz der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution verdankt“. Vor 1917 war hier Nomadenland. Sary Arka, Goldene Steppe, nannten es die Kasachen, für ein sesshaftes Dasein schien es ungeeignet. 50 Grad Hitze und 50 Grad Frost, begleitet von orkanartigen Winden, das kann ein Mensch auf Dauer nicht aushalten.

Bereits 1833 hatte man unter der Grasnarbe Kohle gefunden, russische Unternehmer, später ein britisches Konsortium hatten ein wenig daran gekratzt. Das riesige Ausmaß des Kohlebeckens entdeckten erst Lenins Geologen, und mit Stalins „Industrialisierungsschlacht“ begann die Ausbeutung großen Stils.

1930 wurde die Eisenbahntrasse von Westsibirien nach Süden fortgeführt, Kulaken waren die Bauleute. Diese tüchtigen Bauern aus der Ukraine und dem westlichen Russland, die im Zuge der Kollektivierung enteignet und verschleppt wurden, waren auch die ersten Siedler, unter ihnen die 14-jährige Maria Pauls. Im Sommer 1931 wurde sie mit ihrer Familie und weiteren Bewohnern des Wolgadorfes Lysanderhöh hergebracht. „Wohnt, wie ihr könnt!“, hieß es. Also gruben sie sich in die Erde ein, viele überlebten den Winter nicht. Trotz der hohen Sterblichkeit hatte Karaganda bereits 1934 die für eine Stadt erforderliche Zahl von 125.000 Einwohnern.

Immer neue kamen hinzu: Opfer der Stalinschen „Säuberungen“, 1937 die koreanische Minderheit aus der Gegend von Wladiwostok, nach dem Hitler-Stalin-Pakt 1939 Ostpolen und Balten, im Zweiten Weltkrieg gefangene Finnen, Deutsche und Japaner, Angehörige der als unzuverlässig geltenden Völker wie Tschetschenen, Krimtataren, Inguschen. Der größte Zustrom erfolgte im Herbst 1941, als auf Befehl des Obersten Sowjets Deutsche von der Wolga, aus der Ukraine und dem Kaukasus – unter dem bizarren Vorwurf, sie wären Spione und Diversanten für Hitler – hinter den Ural verschleppt wurden, Zehntausende von ihnen nach Karaganda. 

In den frühen Vierzigern dürfte die Stadt eine deutsche Mehrheit gehabt haben; ein Viertel heißt seit damals im Volksmund Berlin. In dieser Zeit geschieht es: Maria Pauls ist gerade vier Jahre verheiratet mit ihrem Heinrich, einem Landsmann von der Wolga, und mit dem dritten Kind schwanger. Ein klassisches Paar der sowjetischen Moderne: sie eine Kolchosarbeiterin, er ein Schachtior, ein Schachtarbeiter. Eines Tages, im September 1942, beherbergen die Pauls einen jungen Bettler, der, wie sich später herausstellt, ein entflohener deutscher Kriegsgefangener ist. Daraufhin wird Heinrich Pauls verhaftet und als Vaterlandsverräter verurteilt, er kehrt aus dem Lager nicht zurück.

Von alldem wusste man im Westen jahrzehntelang fast nichts. Bei Wolfgang Leonhard, den es als deutschen Kommunisten 1941 nach Karaganda verschlug, konnte man einiges erfahren, unter anderem über die Tätigkeit der Gruppe Ulbricht. In den Häftlingserinnerungen von Margarete Buber-Neumann und Solschenizyns Archipel GULag kam Karaganda vor. Wie winzige Gucklöcher in einem schwarzen Vorhang waren die Berichte.