Russlanddeutsche Unsere Landsleute aus Karaganda
Minna wurde Miss Niedersachsen, Maria ist verstummt, und Waldemar baut ein Haus - Begegnungen mit Russlanddeutschen
Russlanddeutsche sind nirgendwo zu Hause, nicht in Russland, nicht in Deutschland. Ihre Biografien sind gebrochen, ihre Geschichten Zeugnisse politischer Willkür. Sie kommen aus der kasachischen Steppe nach Bonn, Berlin, in den Schwarzwald, fühlen sich wie Fische, die man aufs Trockene geworfen hat. Den einzigen Halt finden sie in ihren Familien. Unsere Autorin hat einige dieser Familien besucht. Eine von vielen Fragen war: Was ist deutsch?
Sie stamme „aus Russland“, antwortete Maria Pauls ihren Nachbarn in Kehl am Rhein und allen, die sie fragten, wo sie denn herkomme. „Ach so“, hieß es dann, und das Thema war erledigt. Richtiger wäre gewesen, Maria Pauls hätte gesagt: „Aus Karaganda, Kasachstan.“ Aber davor scheute sie zurück, seit sie einmal ganz furchtbar in Erklärungsnot geraten war. Sie hatte erzählen wollen, wie sie als Mädchen, 1931, in Kasachstan auf die nackte Steppe geworfen wurde, weil sie ein „Kulakenkind“ war. Als sie sich bemühte, das Wort „Kulak“ zu erläutern, bemerkte sie die Ratlosigkeit ihres Gegenübers und verhedderte sich, indem sie weitere russische Wörter hinzufügte wie „kollektivisazija“ und „deportazija“. Sie sprach von „semljanki, Erdhütten, mit bloßen Händen erbaut“, von ihrem „Schwesterchen Leni, das im Buran verfror“, schließlich von „Herzeleid“, von „Verheerung“. Dabei hatte sie das Gefühl, dass auch ihr Deutsch, ein leicht „plautdietsch“ gefärbtes Hochdeutsch, in Deutschland unverständlich ist.
Neben der richtigen Antwort gab es noch eine. „Ganz die richtige“ Antwort lautete: „Aus Lysanderhöh“. Das lag in Russland, war aber nicht Russland, sondern eine deutsche Insel im Zarenreich, eine mennonitische Kolonie nahe der Wolga. Dort wurde Maria Pauls 1916, kurz vor der Oktoberrevolution, geboren. Dort wuchs sie auf mit Schneewittchen, Heißa Kathreinerle, Müllers Esel, Schillers Glocke. Diese Kinderheimat hoffte sie in Kehl am Rhein, wo sie seit 1988 lebt, wiederzufinden. Und fand sie nicht, und ihre Geschichten von dem frommen Wolgadorf hatten hier ebenso wenig ein Echo wie die von Karaganda.
„Mariechen aus Lysanderhöh“ war sie nur im Familienkreis, und da auch nur für die Schwester Anna, ein paar Cousinen und Cousins, mit denen sie „dorten“ zur Schule gerannt war, auf dem schmalen Wall längs der Straße, den, wie jedes Lysanderhöher Kind wusste, die aus Westpreußen eingewanderten Vorväter aufgeschüttet hatten.
Maria Pauls war bewusst: Sie lebt seit 16 Jahren in einem Land, in dem sie nicht vermitteln kann, woher sie kommt und wer sie ist. Deutschland hat ihr eine nie gekannte Sorglosigkeit geschenkt, dafür ist sie unendlich dankbar, doch das Land ist ihr fremd geblieben. Einmal nur ist ihr ganz offiziell Verständnis zuteil geworden. Dieser Augenblick, als sie einen deutschen Beamten zum Weinen brachte, hat ihr viel bedeutet. Um ihr Recht auf eine Hinterbliebenenrente zu bekommen, hatte sie ihm den Brief vorlesen müssen, der in der Familie heilig gehalten wird: „Liebes Mariechen! …teile ich Dir mit, daß ich noch lebe, aber seit zwei Tagen bin ich krank – Malaria. Hier gibt es kein normales Leben. … Wie wachsen die Kinder? Sag ihnen, daß ihr Vater bald nach Hause kommt…“ Das letzte Lebenszeichen ihres Mannes Heinrich, das sie im August 1943 in Karaganda erreichte.
Viele Jahre habe ich mit Maria Pauls über ihr Leben gesprochen. Im vorletzten Winter ist sie verstummt.
5.000 Kilometer entfernt liegt Karaganda von Deutschland, unweit von China. Es ist die größte Provinzhauptstadt des Archipels Gulag. Eine „Schachtarbeiterstadt“, wie es auf Sowjetisch hieß, „die ihre Existenz der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution verdankt“. Vor 1917 war hier Nomadenland. Sary Arka, Goldene Steppe, nannten es die Kasachen, für ein sesshaftes Dasein schien es ungeeignet. 50 Grad Hitze und 50 Grad Frost, begleitet von orkanartigen Winden, das kann ein Mensch auf Dauer nicht aushalten.
Bereits 1833 hatte man unter der Grasnarbe Kohle gefunden, russische Unternehmer, später ein britisches Konsortium hatten ein wenig daran gekratzt. Das riesige Ausmaß des Kohlebeckens entdeckten erst Lenins Geologen, und mit Stalins „Industrialisierungsschlacht“ begann die Ausbeutung großen Stils.
1930 wurde die Eisenbahntrasse von Westsibirien nach Süden fortgeführt, Kulaken waren die Bauleute. Diese tüchtigen Bauern aus der Ukraine und dem westlichen Russland, die im Zuge der Kollektivierung enteignet und verschleppt wurden, waren auch die ersten Siedler, unter ihnen die 14-jährige Maria Pauls. Im Sommer 1931 wurde sie mit ihrer Familie und weiteren Bewohnern des Wolgadorfes Lysanderhöh hergebracht. „Wohnt, wie ihr könnt!“, hieß es. Also gruben sie sich in die Erde ein, viele überlebten den Winter nicht. Trotz der hohen Sterblichkeit hatte Karaganda bereits 1934 die für eine Stadt erforderliche Zahl von 125.000 Einwohnern.
Immer neue kamen hinzu: Opfer der Stalinschen „Säuberungen“, 1937 die koreanische Minderheit aus der Gegend von Wladiwostok, nach dem Hitler-Stalin-Pakt 1939 Ostpolen und Balten, im Zweiten Weltkrieg gefangene Finnen, Deutsche und Japaner, Angehörige der als unzuverlässig geltenden Völker wie Tschetschenen, Krimtataren, Inguschen. Der größte Zustrom erfolgte im Herbst 1941, als auf Befehl des Obersten Sowjets Deutsche von der Wolga, aus der Ukraine und dem Kaukasus – unter dem bizarren Vorwurf, sie wären Spione und Diversanten für Hitler – hinter den Ural verschleppt wurden, Zehntausende von ihnen nach Karaganda.
In den frühen Vierzigern dürfte die Stadt eine deutsche Mehrheit gehabt haben; ein Viertel heißt seit damals im Volksmund Berlin. In dieser Zeit geschieht es: Maria Pauls ist gerade vier Jahre verheiratet mit ihrem Heinrich, einem Landsmann von der Wolga, und mit dem dritten Kind schwanger. Ein klassisches Paar der sowjetischen Moderne: sie eine Kolchosarbeiterin, er ein Schachtior, ein Schachtarbeiter. Eines Tages, im September 1942, beherbergen die Pauls einen jungen Bettler, der, wie sich später herausstellt, ein entflohener deutscher Kriegsgefangener ist. Daraufhin wird Heinrich Pauls verhaftet und als Vaterlandsverräter verurteilt, er kehrt aus dem Lager nicht zurück.
Von alldem wusste man im Westen jahrzehntelang fast nichts. Bei Wolfgang Leonhard, den es als deutschen Kommunisten 1941 nach Karaganda verschlug, konnte man einiges erfahren, unter anderem über die Tätigkeit der Gruppe Ulbricht. In den Häftlingserinnerungen von Margarete Buber-Neumann und Solschenizyns Archipel GULag kam Karaganda vor. Wie winzige Gucklöcher in einem schwarzen Vorhang waren die Berichte.
Für europäische Begriffe ist Karaganda keine Stadt. Bei einem ersten Besuch dort war ich mehr als verwundert: ein breiter Boulevard, das einstige Gebietskomitee der KPdSU, ein Kasten von einem Hotel, ein pompöser Kulturpalast, Schwimmbad, Kino, vorzugsweise im pseudoklassizistischen Stil der Stalin-Epoche, wie aus dem Musterbuch sowjetischer Städtegründungen. Eine Kulisse. Jenseits der Hauptstraße ist Karaganda eine wilde Ansammlung verschiedenster Elemente und Welten. Plattenbauten neben dörflichen Isbas, Fördertürme und Fabrikmonster, mit Bergen von Abraum umgeben, die in der Ebene wie mächtige Busen wirken. Und wo immer sich eine freie Fläche zeigt, berittene Hirten mit ihren Herden.
Karagandinski Kerch, Schwarzwald.
Etwa 200.000 Menschen aus Karaganda und Umgebung leben heute in Deutschland. Sie sind so zahlreich wie die Einwohner von Freiburg oder Erfurt, zahlreicher als die bei Kriegsende Vertriebenen aus dem Memelland. Wie Letztere sind sie in alle Winde verstreut, man kann sie überall treffen, sogar auf der Insel Föhr. Vor dem Zechensterben wäre das Ruhrgebiet ein idealer Platz für Karagandiner gewesen. Es gibt kleine Siedlungsverdichtungen, und die haben religiöse Gründe – es gibt sie bei Osnabrück, in Harsewinkel, Neuwied, Frankenthal und im Schwarzwald.
Die Karagandinski Kerch im schwarzwäldischen Lahr ist so ein Ort. Es ist Mittwochabend, lange vor Beginn der Versammlung sitzen sie da, auf rotsamtenem Gestühl. Rechts die Männer in dunklen altväterlichen Anzügen, links die Frauen mit Kopftüchern, wollene mit Rosendruck, duftige aus grellbuntem Chiffon. Dem Gebetsraum sieht man die sündige Vergangenheit noch an. Hier war das Kasino der kanadischen Besatzungsmacht, die in Lahr ihr Hauptquartier hatte. Der Prediger vorn reckt die Arme zum Himmel, jeder Satz ist zugleich große Geste. „Die Weisheit der Welt ist Torheit vor Gott.“ Paulus’ erster Brief an die Korinther ist Thema. „Strebt nicht nach Menschenweisheit“, mahnt die Stimme, „beugt euch vor eurem Heiland.“ Über Jesaja 29, 14 geht es wieder zu Paulus. Dann wird gesungen, und plötzlich sind alle auf den Knien, zwischen den roten Stuhlreihen, jeder murmelt vor sich hin, ein Sündenbekenntnis, Gebete. Einige Frauen schluchzen, Endzeitstimmung ist im Raum. „Die Welt wird immer dunkler“, raunt der Prediger. Anderthalb Stunden dauert es, bis er das Schlusslied ankündigt, die Nummer 682: „Fasse Mut, du kleine Herde, fürchte deine Feinde nicht.“
„Muss ich jetzt Angst haben?“, fragt Johannes Gudi. Er stand der Evangelischen Brüdergemeinde in Karaganda vor, er war es, der Teile davon in Lahr wieder zusammenführte. Gudis Biografie steht für die Geschichte der mutigen Untergrundkirchen Karaganda, die in der ganzen Sowjetunion berühmt waren. 1929 als Bauernsohn auf der Krim geboren, verschleppt an den Polarkreis, später nach Kasachstan, drei Jahrzehnte im Schacht in Karaganda, zweimal verschüttet. Sehr jung, schon in der Stalin-Zeit, fühlte er sich „berufen“, trat in den „Gutdienst“ für die illegale Gemeinde. Man traf sich in abgelegenen Häusern und betete: auf Deutsch. Weil das Deutsche die Sprache der Bibel war, wurde es treu bewahrt. 32 Hausgemeinden waren es schließlich – bis 1974, dann durfte eine Kirche gebaut werden. Verhaftungen gab es weiterhin, Verhöre noch, „als Gorbatschow auf den Thron kam“.
Gudis größte Überraschung in Deutschland war, dass die Versuchung des Konsums schwieriger zu bestehen ist als die Verfolgung. Dieser neuen Gefahr wegen und weil die Predigten der ordinierten Pfarrer ihnen „zu hoch, im Kosmos“ waren, hat das Häuflein der Karagandiner darum gekämpft, innerhalb der EKD für sich bleiben zu dürfen. „Wenn wir nur wüssten einen Platz in der Wüste, wir würden gehen“, soll Gudi in seiner Verzweiflung zum Bischof gesagt haben. „Unsere verwässerte, verweltlichte Kirche bietet ihnen zu wenig“, meint Frank-Uwe Kündiger, Pfarrer der benachbarten Martinskirche in Lahr. Wenn es wenigstens einen Dialog gäbe, er wäre schon froh. Ansonsten sieht er das Ganze gelassen, als unverhoffte Rückkehr des Pietismus in den deutschen Süden, wo er im 19. Jahrhundert beheimatet war und die Gottsucher inspirierte und ausstrahlte bis weit nach Russland hinein.
Lahr ist ein tapferes Städtchen. Kaum irgendwo hat das epochale Ereignis des Mauerfalls das Leben so sehr verändert wie hier, an der französischen Grenze. 1993 zogen die allseits beliebten Kanadier ab, praktisch über Nacht füllten sich die verlassenen Quartiere mit Fremden aus dem Osten. 9.000 Aussiedler sind es heute, 22 Prozent der Bevölkerung.
Tormosok aus Marzahn
Viele, und nicht nur böse Zungen, behaupten, Berlin-Marzahn sei eine Hochburg des Homo sovieticus. Dieser fühle sich im größten Neubaugebiet der späten DDR besonders wohl. Billiger Wohnraum in acht- bis fünfzehnstöckigen Blocks, Traditionslosigkeit als Programm. Äußerlich zumindest scheint Marzahn sowjetischen Großstädten ähnlich. An diesem Februartag ist das Trugbild fast perfekt, es schneit anhaltend und selten ungestüm. Im Schneetreiben ist die Mehrower Allee 46 nur mit Mühe finden. Regina und Anatolij sind 1999 aus Saran, einem „Sputnik“, einer Satellitenstadt, von Karaganda, hierher gekommen, mit vier halbwüchsigen Kindern. Andrijaschin hießen sie drüben, nach ihm, jetzt nennen sie sich Still, nach ihr. Symbolischer Akt eines Kulturwechsels, Veränderung wohl auch in der Beziehung des Paares.
Die Stills fühlen sich wie Fische, die man aufs Trockene geworfen hat. Mit Anfang vierzig eine neue Sprache lernen. Aber Arbeit, wo man sie sprechen könnte – und sie nähmen jede –, gibt es nicht. Marzahn hat 19,5 Prozent Arbeitslose und neuerdings zwei russische Kanäle im Kabel. In die Öde des Tages dröhnt Moskau TV.
Über ihre Herkunft wissen Anatolij und Regina, beide Jahrgang 1957, nur wenig. Ihre Eltern waren Schwarzmeerdeutsche, Regina wurde in der Deportation am nördlichen Polarkreis geboren. 1958 zogen die Stills in die kasachische Steppe, der Arbeit wegen. Die Andrijaschins sind Russen aus der Gegend von Orjol, Anatolijs Vater war als politischer Häftling bei Karaganda festgesetzt, dort lernte er seine Frau kennen, eine Tatarin, die in der Nähe des Lagers wohnte. Jede Familie eine Odyssee. Die Liebe fiel, in dem gewaltsam erzeugten Durcheinander der Völker, immer seltener auf jemanden der eigenen Nationalität.
Kindheiten nach Stalins Tod waren meistens arm. Anatolij war bis zum elften Lebensjahr noch ein „Erdmensch“. Obwohl sein Vater im Schacht gut verdiente, konnte die fünfköpfige Familie erst Ende der Sechziger aus der Erdwohnung im primitiven Alt-Karaganda, Volksmund Shanghai, in einen Plattenbau umziehen. Seine Generation wuchs in ein leichteres Leben hinein. Es weichte den inneren Widerstand gegen das Regime auf, man war Pionier, Komsomolze – Selbstverständlichkeiten mit Ewigkeitsanspruch. Dem nicht zu erliegen, bedurfte es stärkster Überzeugungen. Die Stadt wurde für viele Jüngere Heimat, auch für die deutsche Regina, die oft beleidigt wurde: „Du, Faschistin!“ Ein Wort, dessen Sinn sie nicht wirklich kennen konnte.
An diesem Nachmittag sortiert ein sichtlich verstörtes Paar mir zuliebe die Bruchstücke seiner Welt. Im Kauderwelsch, mehr Russisch als Deutsch, nimmt nichts und niemand Kontur an, mit Ausnahme ihrer Mütter. Weihnachtsbaum und Osternester verdanken sie der einen, der anderen, tatarischen, einige muslimische Bräuche. Reste davon haben die Andrijaschin-Stills an die eigenen Kinder weitergegeben. Vielleicht werden sie eines Tages sagen können, ihre größte Leistung als Eltern war, die vier aus der Steppe herauszureißen und im märkischen Sand neu einzupflanzen. Sie „lernen gut“, die Söhne, sie haben ein Bein draußen in Deutschland. Die Töchter haben sich früh in Ehe und Mutterschaft gestürzt, im häuslichen Nest wird Russisch gesprochen.
Ohne Wegzehrung wird niemand in den Winter entlassen. „Ptitschje moloko“, „Vogelmilch“ steht auf der Packung Pralinen. Als ich nach Art von naseweisen Westlern, die Russland zu kennen glauben, „Danke für das Tormosok“ sage, sind sie wie vom Donner gerührt. Das Wort ist karagandinisch, Tormosok ist in der Bergmannssprache die Vesper unter Tage. „Zu wenig Schnee bei euch“, seufzt Anatolij Still beim Abschied. Es ist die einzige Klage, die er vorbringen mochte.
„Volk auf dem Weg“
„Nachts minus 33“, sagt Yahoo für Karaganda voraus.– Im World Wide Web ist die Karagandinskaja präsent, eine in Deutschland hergestellte Wurst nach Rezeptur des Fleischkombinats in der Steppe. – Bei www.nash-mir.de treffen sich ein Ljoscha, eine Rita, Kids, die sich unter dem Motto „Karagandiner aller Länder, vereinigt euch!“ über Heimweh, selige Schulzeiten, Handys et cetera austauschen. In der Zeitschrift der „Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland“ findet sich Karaganda hinten, in den Kleinanzeigen. Suchmeldungen, Todesnachrichten, eine Schulklasse, Kolchose oder Baubrigade von einst will sich in Hamm oder Ulm versammeln. Im redaktionellen Teil von Volk auf dem Weg – der Titel nimmt Bezug auf die historische Wanderschaft – geht es um anderes. Im Wesentlichen um drei Punkte: 1. Wir sind deutsch! 2. Wir haben gelitten! 3. Wir bringen mehr ein, als wir kosten! Allmonatlich dieselbe Litanei, manchmal zornig, manchmal auch wie ein Schrei. Alles ist richtig und zugleich wirklichkeitsblind.
2,4 Millionen Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion – diese Herausforderung, die zweitgrößte für Deutschland nach der Wiedervereinigung, wird durch rechnerisches Kalkül eher herabgewürdigt. Zweitens ist kaum etwas schwieriger hierzulande, als ein Opfer zu sein. Jede Leidensgeschichte muss sich in einen hoch komplizierten Diskurs einbringen, zum Holocaust in Beziehung gesetzt werden. Ohne dies läuft das Erzählen von der Deportation 1941 oder der Trudarmija, der „Arbeitsarmee“, die Hunderttausende das Leben kostete, über die Stalin-Ära überhaupt, ins Nichts. Und was das Deutschsein betrifft: Deutsch sind sie vor allem als Rechtssubjekte – ein historisch begründeter Anspruch. Als Beschreibung einer Identität jedoch ist das Wort untauglich. Sie und wir Hiesige lebten seit der Oktoberrevolution 1917 in völlig verschiedenen Welten, und im Grunde schon früher, seit Katharina die Große 1763 die ersten Deutschen ins Zarenreich holte. Gut zweihundert Jahre, eine halbe Ewigkeit, sind zu überbrücken.
Im Denken der Landsmannschaft fehlt vor allem die Dimension „Karaganda“. Es existiert eine Scheu, vielleicht auch Scham, die ganze Fremdheit darzustellen, insbesondere die prägende Kraft des Sowjetischen. Wer sind wir? Von der Geschichte zerzauste Deutsche oder, wie es oft scheint, Russen, die ein Tor zum Westen suchten? Dies zu erhellen, bedarf es der Betrachtung von Städten wie Karaganda: wo ein unentwirrbarer Mix von Identitäten entstand, sich die Degradierung von Menschen bis hin zum völligen Selbstverlust vollzog, in unendlichen Variationen.
Deutsche oder Russen? Darauf gibt es keine Antwort, vielmehr ist Imaginationskraft gefragt. Stellt euch Karaganda vor! Und dann einen Karagandiner, der erstmals das Wunder einer alten Stadt erlebt. Oder einen, den im Englischunterricht der große Atem des Satzes „Life and liberty and the pursuit of happiness…“ anweht. Der die Regularien einer bundesdeutschen Metzgerinnung zu begreifen versucht, den rheinischen Karneval.
Den Karagandiner, wie gesagt, gibt es nicht. Deshalb ist er, anders als Königsberger oder Breslauer, auch kaum landsmannschaftlich zu organisieren. Letztere wurden aus uralten Gemeinwesen vertrieben und konnten daher nach 1945 trotz Versprengung, auch mit Hilfe eigener Eliten, einen gewissen Zusammenhalt wahren. Karagandiner dagegen – Nachkommen von Bauern, aus vielen, sehr verschiedenen deutschen Kolonien zusammengekarrt und zu Proleten bestimmt, über ihre Gemeinsamkeiten durften sie sich nicht einmal verständigen – sind atomisierte Wesen. Ihr einziger Verband ist die Familie. In Deutschland ist das „Volk auf dem Weg“ am Ende der Wanderung angelangt, es löst sich nun auf. Sein letzter Treffpunkt ist der virtuelle Raum des Internet.
Das neunte Haus, Königswinter
„Alles Schwarzarbeiter“, unkten die Nachbarn, dabei war auch Neid im Spiel. Monate vergingen, bis einige von ihnen begriffen, dass es „alles Verwandte“ sind, die abends und an Wochenenden auf der Baustelle in Stieldorf bei Königswinter aufkreuzen. Ein gutes Dutzend sind es – Brüder, Onkel, Cousins, die Waldemar Iwanenko helfen. Mauern kann jeder, verschiedene Gewerke sind vertreten, für Dachstuhl, Heizung, Elektroinstallation. Rat und Gebet der Großeltern im Rücken, Großmutter Rebeka Dyck kocht. „Wir müssen zusammenhalten, sonst gehen wir kaputt“, sagt der 32-jährige Bauherr, ein schüchterner, verschlossen wirkender Mann.
Waldemar Iwanenko: vorne altdeutsch, hinten ukrainisch, Namen wie diese halten den Zwiespalt fest. Iwanenko gehört zur etwa siebzigköpfigen, überwiegend deutschen Sippe der Dycks, die sich Ende der Achtziger um Bonn herum angesiedelt hat. Es ist das neunte Haus, das sie gemeinschaftlich bauen. Sie führen damit, ohne dass dies allen bewusst wäre, eine Tradition fort. Ihre Vorfahren setzten im 19. Jahrhundert in der Ukraine und im Kaukasus Häuser ins Nichts. Einfache, dann immer stolzere. Sie standen für Pioniergeist und Erfolg, aber auch für die Abschottung der Deutschen gegenüber der russischen Umwelt. Nach dem Untergang all dessen, 1941, in der Deportation, bauten sie wieder. Dort kreuzten sich die Wege von Heinrich Dyck und Rebeka Ramchen.
Baue mal einer in der kasachischen Steppe! Nichts als Erde, Pfriemgras, Disteln. Kein Holz, kaum Stein. Tierhaut statt Fensterglas. Die erste Behausung des jungen Paars in Karaganda war eine Semlanka. Die zweite ein „Samanhaus“, aus Lehmbatzen, neun Kinder fanden darin Platz. Mal wurde es um einen Dachboden ergänzt, die Wäsche gegen den Kohlestaub zu schützen, mal die Heizung verbessert. In der Mangelwirtschaft musste man auf Dauer erfinderisch sein.
Ganz bewusst sind der Schachtior Heinrich Dyck und seine Frau nie in eines der Hochhäuser umgezogen, wo die „ganze Schlechtigkeit wohnt“. In ihren vier Wänden konnten sie freier schalten und walten. Jeden Freitag wurde „Ribbelkuchen“ gebacken, legte Rebeka Dyck für die Kinder eine Decke auf den Boden und erzählte von besseren, gottgefälligen Zeiten. Das Haus war eine Welt mit eigenen Gesetzen, mit seinem Garten und Stall, Kühen, „Hinkeln“ und so weiter war es zugleich eine private Ökonomie. Chruschtschow… Breschnew… Gorbatschow, es blieb der Lebensmittelpunkt der Familie, für Tochter Pauline, die Turmkranführerin – Bauberufe waren typisch für diese Generation. Paulines ältester Sohn Waldemar wohnte als Kind viel bei Oma und Opa Dyck.
Ebendieser Waldemar wollte partout nicht nach Deutschland. Er war 16, nach der Ankunft 1989 jahrelang heimwehkrank und sprachlos. In der Enge der Notwohnung war an Lernen nicht zu denken. Irgendwann riss er aus, 40 Tage war er spurlos verschwunden. Plötzlich stand er wieder da, kahl geschoren, in wattierter Jacke, er war in Karaganda gewesen. Und schrie: „Maaaaamaaaaa! Danke, dass du mich nach Deutschland gebracht hast.“ Danach hat er noch „viel Scheiße gebaut“, ausgestanden war das Drama erst mit Swetlana, einer Deutschen aus Karaganda, die er 23-jährig heiratete. Wirklich und endlich angekommen sind sie, wenn sie demnächst mit ihren drei Kindern das Haus beziehen.
Der Löwenanteil ist Eigenleistung, Kapital so gut wie nicht vorhanden, der Bankkredit zum Fürchten – das Projekt eines ungelernten Arbeiters und einer Altenpflegerin. So ähnlich haben sich vor 40, 50 Jahren traumatisierte Habenichtse aus dem Osten ein Zuhause geschaffen.
Steppenkinder, Wolfsburg und Werl
Café Wallenstein, Wolfsburg, die Miss Niedersachsen tritt ein. Linna Hensel kommt, wie es schon in der Zeitung stand, nie allein, sondern immer mit ihrer älteren Schwester Alexandra. Schön sind sie beide, in ihren Gesichtern spiegeln sich zwei Kontinente, Alexandra ist mehr Asien, Linna Europa. Linna ist eigentlich Lina: „Das zweite „n“ hat unser koreanischer Vater reingebracht, der Name war ihm zu deutsch.“ – „Unsere Familie ist total verschleust“, lacht Alexandra. „Und wie!“ lächelt Linna, und wieder Alexandra: „Ihnen wird noch der Kopf rauchen.“
„Wir“, sie sprechen immer im Plural, und als Dritte ist die Mutter im Bunde. „Mama, skashi, wie war das? Seit wann ist unsere Oma taub?“, rufen sie ins Handy. Quietschvergnügt durchstreifen sie die Schreckenskammern des 20. Jahrhunderts, es ergibt sich ungefähr folgender Sachverhalt: Ihre Großmutter Lina Hensel, 1935 in Darmstadt/Ukraine geboren, wurde als Zweijährige durch eine Entzündung im Ohr taub. 1941 entgingen die Hensels der Deportation nach Asien, weil die deutsche Wehrmacht schneller da war, man siedelte sie später in den „Warthegau“ um. Linas Vater fiel im Krieg, die restliche Familie wurde 1945 ins Sowjetreich „repatriiert“. Unterwegs mussten Lina und ihre ältere Schwester die Mutter begraben, Endstation: Karaganda. Zwei Waisen, zwei von vielen, vielen in einer wilden, elenden Stadt. Hunger, frühe Schwangerschaft, saufende russische Ehemänner. Die durch Taubheit stumm gebliebene Lina hatte schließlich drei Kinder allein durchzubringen.
„Da war wirklich nichts Schönes in deiner Kindheit, Mama?“, fragt Alexandra ungläubig ins Handy. „Doch, wenn die renetki blühten, das war schön!“ – „Renetki sind Apfelbäume“, erklärt Linna. Ihre Mutter habe auch später wenig Glück gehabt, mit diesem Koreaner, der sie sitzen ließ. Und trotzdem! Nach zwei Generationen familiärer Unordnung habe es die Mutter geschafft, ihnen beiden eine „frohe Kindheit“ zu bereiten.
Geborgenheit in einer Einzimmerwohnung im Karaganda der achtziger Jahre. Wenn die Mutter da ist und nicht in der Käsefabrik schafft, glucken die drei zusammen, die Mutter liest vor, was ihr selbst gerade gefällt, R omeo und Julia, Bulgakows Meister und Margarita. Draußen, vor der Tür des Neubaus, die Steppe. Schlittschuh laufen, Rodeln vom halsbrecherisch steilen Terekonik, dem Abraumhügel des nahen Schachtes. Im Sommer laufen die Mädchen weit ins Grasland. „So was haben Kinder hier nicht. So eine Freiheit!“
Die Ausreise 1992, zusammen mit der deutschen Oma, war zunächst nur ein weiteres kindliches Abenteuer. Geleitet von der Mutter, „Kopf hoch und durch!“, eroberten sie in Wolfsburg die fremde Schule, steckten Püffe und Hänselein ganz gut weg. Verehrer hatten sie an jedem Finger einen, das half auch. Bis zum Abitur war ihr Deutsch perfekt, mit kleinem norddeutschen Akzent. Wenig später dann der Triumph: Linnas Sieg bei der Miss-Wahl, sie war ihrer beider Erfolg. Alexandra war Linnas Coach – Diätplan, Körpertraining, Makeup, sie entwarf und nähte die fantasievolle, zarte Robe.
Deutschland mögen sie sehr, „dass man den Bürgern hilft“. Für die Deutschen, die „so verschlossen, so vereinzelt leben“, empfinden sie ein wenig Mitleid. Wie die beiden so dasitzen und qualmen, laut träumen – ich traue ihnen alles zu.
Zwischen Erfolg und Scheitern liegt oft nur ein schmaler Grat. Michail Z. ist etwa gleich alt, zur selben Zeit ausgereist, er hatte sogar einen Vater. Einen deutschen Stiefvater, „einen guten, die Familie ist nicht schuldig!“, das will der junge Häftling in der Justizvollzugsanstalt Werl gleich klarstellen. Er ist klein, seine Augen verändern unentwegt, wieselflink die Richtung. „Ich vermisse mein Land!“ gibt er als Zweites zu Protokoll.
„Und was vermissen Sie?“ – „Die Luft.“ – „Wie ist die?“ – „Schmutzig, von Kohle.“ – „Nichts weiter?“ – „Es riecht gut.“ – „Nach Wermut?“ – „Ja.“ Und dann legt er los mit Erzählen, es geht um die Steppe und was die Steppe ihm bedeutet. „Ich war ein nicht guter Junge, schon damals…“
Michail Z. kam in dem Jahr zur Schule, als Gorbatschow an die Macht kam, 1985. Aufbruch und Fall der Sowjetunion erlebte das Kind als Autoritätsverlust der Erwachsenen. Was hatten die ihm noch zu sagen? „Raus aus der Schule, Tasche aus dem Fenster, ich hinterher.“ Entweder sprang er auf den nächsten Bus und fuhr endlos durch Stadt und Steppe. Mal ging er „Pilze jagen“. Oder er kroch in Stari Gorod, der Altstadt der dreißiger Jahre, die längst in den aufgelassenen Stollen versackt ist, durch die Ruinen und Tunnel. Winters ging er erst gar nicht zur Schule. „Aufs Dach und Salto in den Schnee.“ Offenbar ist Michail Z. der Steppe völlig verfallen, verwildert.
„Deutschland ist langweilig. Alle Städte sind gleich, Gütersloh klein, Hannover groß“, und das Leben „Arbeit, Fernsehen, ab ins Bett, immer sparen“. Ihm tun die Eltern leid, der Vater, der pausenlos schuftet, die Mutter, die putzen geht. Die Verwandten, „die bauen“, er spricht die Worte voller Abscheu aus. Bemüht zu lernen hat er sich irgendwie schon. Doch in der Hauptschule waren zu viele Russischsprechende, und nach zwei Jahren Kolpingwerkstatt war keine Arbeit in Sicht. „Nicht für Ausländer.“ Weil sein Stiefvater ihn nicht offiziell adoptierte, hat er keinen deutschen Pass. Michail nahm, was er nicht kaufen konnte, klaute, betrog. Dafür bekam er Jugendstrafen, später für ein Delikt, er nennt es nicht, drei Jahre Haft.
Im April wird Michail Z. entlassen und nach Kasachstan abgeschoben werden. Er freut sich wie ein Schneekönig auf das Wiedersehen mit Karaganda. „Bleiben? Nein!!! Alles kaputt. Alle verschwinden von da.“ Nur einen Führerschein will er dort machen und dann als Lkw-Fahrer arbeiten, „in Europa“. Das erweiterte, grenzenlose Europa sei ein idealer Raum für einen puteschestwennik, einen Abenteurer.
Deutschland. Friedland.
Für Adenauer begann am Ostufer der Elbe die asiatische Steppe. Wer hätte gedacht, dass unsere kleine Bundesrepublik ihren Horizont einmal so weit nach Osten würde erweitern müssen? Deutschland reicht heute bis zur Oder, wir haben wieder Städte wie Breslau oder Riga im Blick, ab sofort grenzt die EU an die Ukraine. Unsere Köpfe sind zum Platzen voll, und immer noch ist es nicht genug: Jetzt muss auch noch hinter den Ural geguckt werden.
Als Gorbatschow 1986 mit dem neuen Passgesetz die Tür einen Spalt breit öffnete für Ausreisewillige, die in Deutschland Verwandte ersten Grades nachweisen können, rechneten Experten mit einem Zuzug von 30.000 bis 80.000 Menschen. Allein Karaganda hatte so viele Deutschstämmige. Man wusste von solchen Städten damals buchstäblich nichts. Aus derselben Unkenntnis erwuchs die Illusion, die unerwarteten Menschenmassen ließen sich, wenigstens teilweise, in eines der alten Siedlungsgebiete, an die Wolga, umlenken. „Wiedererrichtung der Wolgarepublik“ (von 1924, bekanntlich eine Schöpfung Lenins) hieß ein Haushaltstitel im gerade wiedervereinigten Deutschland!
Die Deutung des Exodus lief zunächst unter der Überschrift „Heimkehr“. Vielleicht traf dieses Wort die Sehnsucht der Maria Pauls oder der alten Dycks. Aber in ein Schwaben oder Westpreußen früherer Jahrhunderte kann man nicht heimkehren. Niemand hat die Situation der Ausreise bislang treffender beschrieben als die russische Sängerin Veronika Dolina. Lufttransport heißt das Chanson:
„Luftige Reise, irdische Stimme:
,Karaganda–Frankfurt…‘, von einem Pol zum anderen.
Frauen und Kinder, die Alten kehren heim nach Ithaka.
Schrecklich, min Herz, auch wenn es nicht
in die Verbannung geht.“
Und weiter: „Goethe hat sie vergessen, Rilke hat sie im Stich gelassen, sie lernten Russisch, Kasachisch.“ Auf der Gangway ist ihnen zumute, als flögen sie ins All: „Karaganda–Frankfurt, Karaganda–Kosmos.“
Ursachen und Verlauf des Exodus werden künftige Historiker erforschen; für Karaganda ist vorläufig Folgendes festzuhalten: Am 30. September 1973 trafen sich etwa 400 Deutsche zu einer verbotenen Demonstration. Verhaftungen folgten. Ganze Familien, Sowjetfeinde meist aus Glaubensgründen, setzten sich nach Moldawien oder ins Baltikum ab, wo Ausreiseanträge größere Erfolgschancen hatten. Nach Jahren des Wartens durften viele nach Germanija ziehen – eine Vorhut.
Ähnlich mutige Leute waren es, solche wie die Dycks und die Pauls, die sofort das Passgesetz von 1986 zu nutzen versuchten. Wenig später schon war die Entwicklung nicht mehr aufzuhalten. Zum einen kam mit dem freien Sprechen, das nun möglich war, die Vergangenheit ans Licht, Deportation, Zwangsarbeit, der ganze Albtraum der Geschichte. Und die ebenso tabuisierte, gefährliche Lage der Stadt: Karaganda befindet sich zwischen Semipalatinsk (Atomwaffentests), Baikonur (Kosmodrom) und Stepnogorsk (Biowaffen). Zugleich kündigte sich ein gesellschaftliches Beben an. Die Kasachen forderten ihr Recht, der Koloss Sowjetunion schien ins Wanken geraten. Es war mehr ein Gefühl als ein klares Bewusstsein: Raus, bevor wieder etwas Schreckliches passiert! Einmal in Gang, entstand so etwas wie eine Kettenreaktion.
1989 war Karaganda mit seinen 800.000 Einwohnern noch eine moderne Großstadt sowjetischen Typs. 1991 stürzte sie mit dem Reich ins Bodenlose, ihr Niedergang war fast so dramatisch wie ihr Aufstieg 70 Jahre zuvor. 36 Schächte wurden geschlossen, die Kohle, um derentwillen Karaganda gegründet wurde, brauchte keiner mehr. Wer nur eben konnte, Russen, Polen, Ukrainer et cetera floh in die alte Heimat. Heizungsleitungen platzten im Winter, der Strom fiel aus, leere Wohnblocks zerfielen wie im Zeitraffer. „Die Steppe“, sagten die Zurückbleibenden, „erobert die Stadt zurück.“ So war es, als Familie Gudi und die Hensels sie verließen.
Mitte der Neunziger trat der Exodus in seine vorerst letzte Phase ein. Indem die Bundesregierung den Zuzug auf 100.000 Aussiedler pro Jahr begrenzte und Sprachtests einführte, entstanden Wartezeiten von drei bis sieben Jahren. Derweil stabilisierte sich die Situation Karagandas ein wenig. Nach Plan von Präsident Nasarbajew, den russisch kolonisierten Norden kasachisch zu prägen, wurde eine neue Hauptstadt geschaffen, Astana. Man legte Siedlungsprogramme auf, aus den Kolchosen freigesetzte Kasachen zogen in die Städte des Nordens, desgleichen Exilkasachen aus der Monogolei. In Karaganda leben inzwischen 45 Prozent Kasachen, früher waren es drei Prozent. Das Volk der Nomaden und Halbnomaden, das nach 1917 in die Moderne katapultiert wurde und wie kaum ein anderes seine Identität verloren hat, seine Tradition, seine Sprache, den muslimischen Glauben, will die Tragödie mit Macht überwinden. Und in dieser Neuordnung haben, auch wenn sie sich bemerkenswert friedlich vollzieht, die auf Ausreise Wartenden keinen Platz.
Solche wie Familie Onodalo aus Abai, einem Sputnik von Karaganda. Soeben, nach fünf zähen Jahren des Wartens, aus 27 Grad minus in den Vorfrühling geraten, nach Friedland. „I-ch biiin An-gst“, buchstabiert Ida Onodalo und zieht die Stirn unter den braunen Locken kraus. Ihr Mann Alexander und der erwachsene Sohn haben Reißaus genommen, wir sind zu zweit in dem weiß getünchten Schlafsaal. „Ich kann nich verzelle, o gospodi! (Mein Gott!)“. Sie scheint einer Ohnmacht nahe.
Hinter ihr liegen Wochen des Abschieds, vom älteren Sohn und von dessen Familie, von ihrer besten Freundin Sagat, einer Kasachin, von ihren Schülern. Eine Lehrerin, die auf einmal sprachlos ist. Sie, Ida, die Tochter von Wolgadeutschen, wird von jetzt an ihren Mann, den Ukrainer, stützen müssen, der es noch schwerer hat. Seine ganze große Familie blieb in der Steppe zurück, seine Kultur hat in Deutschland so gut wie keine Überlebenschance.
„Ich hab Kopp und Händ. Ich arbeitlich, ich mach alles.“ Im Klartext: putzen gehen. Ida Onodalo ist Anfang fünfzig und hat keinerlei Illusionen. „Schto budjet, to budjet“ (Was sein wird, wird sein).
Ich zeichne ihr auf ein Blatt die Umrisse Eurasiens, darin Deutschland, Friedland als dicken Punkt. „Hier sind Sie jetzt.“ Und erzähle ihr vom September 1945, als der britische Oberstleutnant Perkins die Viehställe des Versuchsgutes Friedland beschlagnahmte, im Kuhstall für die ersten Flüchtlinge Heidekraut aufgeschüttet wurde. „Ein Kuhstall, Ida!“ Sie weint. Ich skizziere Linien mit Pfeil, die Wege der Millionen aus Ostpreußen, aus Schlesien, die der Kriegsheimkehrer, meines Schwiegervaters, 1949 aus Karaganda kommend, der DDR-Flüchtlinge et cetera. Ida Onodalo versteht meinen Versuch zu trösten nicht wirklich. Wir beide sind gleich alt, Jahrgang 1951, sie ist zwei Jahre vor Stalins Tod, ich bin sechs Jahre nach Hitlers Tod geboren. Unsere biografischen Koordinaten kreuzen sich heute zum ersten Mal.
Zum Abschied bekomme ich Küsse und wie üblich Tormosok auf den Weg.
Letzte Lebensjahre, Kehl
Maria Pauls, die mir als erste Karaganda nahe brachte, ist verstummt. Ihr Rückzug aus der Welt ging langsam, in Etappen, vor sich. Nach Jahren der Zufriedenheit – ihre Kinder, Enkel und Urenkel sind nahe, scheinen in Kehl ihren Weg zu finden – wurde sie von der Vergangenheit eingeholt. Ein Sturz auf vereister Treppe, Hüftbruch, Narkose, niemand weiß genau, wie und warum, jedenfalls war sie wie verwandelt. Überall vermutete sie den KGB, nachts sah sie zerstückelte Kinder herumliegen, Katzentiere. Das Einzige, das gegen die Angst half, war ihr Lieblingslied: „Wehrlos und verlassen, sehnt sich oft mein Herz nach stiller Ruh.“ Eines der berühmten Trostlieder der Mennoniten; es hat ihr ganzes Leben begleitet.
Jahre dauerten diese Angstzustände, dann verdunkelte sich ihr Geist, allmählich wurde sie ruhiger. Singen, beten, das mochte sie noch, das Wort „Lysanderhöh“ nahm sie gern in den Mund. Ab und zu sagte sie unvermittelt: „Ich will nach meine Schwester.“ Auf den Friedhof, hieß das. Schwester Anna war die Erste aus der Familie, die in Kehl beerdigt wurde. Ihr Grab war für Maria Pauls offenbar ein Fixpunkt, ein Ort, den sie, neben der Gewissheit der metaphysischen „ewigen Heimat“, brauchte. Die anderen Verstorbenen waren fern, ihre Gräber meistens ortlos, wie das ihres Mannes, der irgendwo in der Steppe bei Karaganda verscharrt wurde. Oder ihrer Großeltern, die nicht mehr aufzufinden sind. Von Lysanderhöh ist kaum etwas übrig.
In diesem Winter hat Maria Pauls das Bett nicht mehr verlassen. Sie liegt einfach nur friedlich da, ohne das Kopftuch, das sie immer trug. Worte, auch die zärtlichsten, deutsche oder plattdeutsche, scheinen sie nicht mehr zu erreichen. Nur wenn die Krankenschwester Larissa, eine Landsmännin, sie auf Russisch bittet, beim Umbetten den Po etwas anzuheben, horcht sie auf. Auf die Sprache der Befehle, die sie in Karaganda lernte, reagiert Maria Pauls noch.
In Karaganda spielt auch Ulla Lachauers dokumentarischer Roman:
Ulla Lachauer: „Ritas Leute. Eine deutsch-russische Familiengeschichte“
Rowohlt TB, Reinbek 2003; 432 S., 9,90 Euro
- Datum 21.04.2009 - 18:53 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.03.2004 Nr.12
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