Russlanddeutsche Unsere Landsleute aus KaragandaSeite 6/6
Letzte Lebensjahre, Kehl
Maria Pauls, die mir als erste Karaganda nahe brachte, ist verstummt. Ihr Rückzug aus der Welt ging langsam, in Etappen, vor sich. Nach Jahren der Zufriedenheit – ihre Kinder, Enkel und Urenkel sind nahe, scheinen in Kehl ihren Weg zu finden – wurde sie von der Vergangenheit eingeholt. Ein Sturz auf vereister Treppe, Hüftbruch, Narkose, niemand weiß genau, wie und warum, jedenfalls war sie wie verwandelt. Überall vermutete sie den KGB, nachts sah sie zerstückelte Kinder herumliegen, Katzentiere. Das Einzige, das gegen die Angst half, war ihr Lieblingslied: „Wehrlos und verlassen, sehnt sich oft mein Herz nach stiller Ruh.“ Eines der berühmten Trostlieder der Mennoniten; es hat ihr ganzes Leben begleitet.
Jahre dauerten diese Angstzustände, dann verdunkelte sich ihr Geist, allmählich wurde sie ruhiger. Singen, beten, das mochte sie noch, das Wort „Lysanderhöh“ nahm sie gern in den Mund. Ab und zu sagte sie unvermittelt: „Ich will nach meine Schwester.“ Auf den Friedhof, hieß das. Schwester Anna war die Erste aus der Familie, die in Kehl beerdigt wurde. Ihr Grab war für Maria Pauls offenbar ein Fixpunkt, ein Ort, den sie, neben der Gewissheit der metaphysischen „ewigen Heimat“, brauchte. Die anderen Verstorbenen waren fern, ihre Gräber meistens ortlos, wie das ihres Mannes, der irgendwo in der Steppe bei Karaganda verscharrt wurde. Oder ihrer Großeltern, die nicht mehr aufzufinden sind. Von Lysanderhöh ist kaum etwas übrig.
In diesem Winter hat Maria Pauls das Bett nicht mehr verlassen. Sie liegt einfach nur friedlich da, ohne das Kopftuch, das sie immer trug. Worte, auch die zärtlichsten, deutsche oder plattdeutsche, scheinen sie nicht mehr zu erreichen. Nur wenn die Krankenschwester Larissa, eine Landsmännin, sie auf Russisch bittet, beim Umbetten den Po etwas anzuheben, horcht sie auf. Auf die Sprache der Befehle, die sie in Karaganda lernte, reagiert Maria Pauls noch.
In Karaganda spielt auch Ulla Lachauers dokumentarischer Roman:
Ulla Lachauer: „Ritas Leute. Eine deutsch-russische Familiengeschichte“
Rowohlt TB, Reinbek 2003; 432 S., 9,90 Euro
- Datum 21.04.2009 - 18:53 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.03.2004 Nr.12
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