Sind Minusvisionen denkbar? Eine Vision ist immer eine Zugabe, wenn auch bisweilen alles andere als eine Bereicherung. Wie könnte eine Vision aussehen, deren Wesen es ist, sich selbst aufzuheben? Ingo Niermann spekuliert darauf, dass man sich solche oder ähnliche Gedanken zu dem Titel seines Buches macht, denn Minusvisionen, die Protokolle der Unternehmer ohne Geld, wollen mehr sein als Berichte vom finanziellen Ruin einiger Mittdreißiger in Berlin. Dieses Buch will Mentalitätsgeschichte schreiben: Die der deutschen "Generation X".

Damit präsentiert uns Suhrkamp nach Jürgen Teipels Doku-Roman Verschwende Deine Jugend einen weiteren Band, in dem eine alternde Nischenkultur aus dem Nähkasten plaudert. Ging es bei Teipel um deutsche Punks, die eine Vorliebe dafür hatten, Gläser neben ihre Matratzen zu stellen, in die sie nachts hineinurinieren konnten, geht es nun um die Jahrgänge 1963 bis 1970, die glaubten, wenn sie ihre Sandwichs Jens nennen, ließe sich ein Millionengeschäft daraus machen. McKinsey-Praktikant Jens Thiel, der Ende der neunziger Jahre diese Spitzenidee hatte – Niermann würde sie eine "Vision" nennen – und damit baden ging, gehört noch zu den Realisten unter den Hasardeuren. Ganz im Gegensatz zu "Eventmarketing-Experte" Losberg, der der Metapher Gelddruckmaschine neuen Sinn verleiht. "Aus meiner Versicherungserfahrung hab’ ich mir Anträge für Kapitalanlagen drucken lassen und hab’ die dann verscheuert und dieses Geld natürlich nie in irgendwelche Kapitalanlagen gesteckt, sondern in meine eigene Tasche gewirtschaftet." Mit dem selbst gedruckten Geld fliegt Hochstapler Losberg erster Klasse nach New York – was damals "halt mal 14 000 Mark" gekostet hat – und gleich wieder zurück.

In Minusvisionen wird nicht die Jugend verschwendet, hier haben wir es mit jugendlichen Verschwendern zu tun. Hier verbreiten Berlin-Mitte-Boys ihre Knabenmorgenblütenträume – dass die Blüten echtes Geld waren, stellt man nach der Lektüre mit Bestürzung fest. In der Welt der "Generation X" sind Träume und Geld nahezu identisch. Solange noch Ideen an den Käufer gebracht werden können, und sei es die des eigenen Loser-Daseins, ist noch nichts verloren. Man kann sich vorstellen, wie Thiel oder Losberg oder der Journalist Ingo Romeo Mocek oder die Nachtclubbetreiberin Lena Braun mit Niermann in einem Café in der Oranienburger Straße sitzen, erzählen und sich dabei denken: Und nachher stell ich das Ganze ins Netz.

Ingo Niermann kommentiert die Mentalität der Berliner Goldgräber der neunziger Jahre nicht, sondern traut einem formalen Kniff der Alltagsliteratur der siebziger Jahre: dem Protokoll. Erika Runge und ihre Bottroper Protokolle haben gezeigt, wie hervorragend es funktioniert, Sozialtypen durch ihre sprachlichen Codes zu charakterisieren. In Minusvisionen wird so elaboriert davon geplaudert, wie spannend es ist, eine Sandwich-Kette zu eröffnen, dass man Laune bekommt, es selbst mal auszuprobieren. Oder einen Hipster-Shop im Internet. Oder ein australisches Restaurant in Berlin-Mitte. Oder einen Porno mit Minderjährigen. Oops.

Norbert B. kam für seine Pornofilme mit Kindern ins Gefängnis. Jens & Friends mussten Konkurs anmelden. Stylegames löste sich in den unendlichen Weiten des Netzes auf. Alle der hier versammelten Geschäftsleute sind, finanziell gesehen, Versager. Trotzdem haben sie weder den Freitod gewählt, noch sind sie in der Psychiatrie gelandet. Im Gegenteil: Die meisten von ihnen sind glücklich. Scheitern macht Spaß.