Berlin

Als im März 1999 der damalige SPD-Vorsitzende und Finanzminister Oskar Lafontaine die Flucht ins Private antrat, wurde viel darüber gerätselt, ob der spektakuläre Abgang womöglich eine Spätfolge des Attentats sei, bei dem Lafontaine neun Jahre zuvor lebensgefährlich verletzt worden war. Wolfgang Schäuble empörten diese Erklärungsversuche seinerzeit besonders. Er fand es geradezu verwerflich, wie da öffentlich allerlei Psychoanalyse über den Gescheiterten angestellt wurde. Und auch deren Ergebnis, der vermeintliche Zusammenhang von Attentat und spätem Fluchtimpuls, erschien dem CDU-Vorsitzenden reichlich abwegig.

Da reagierte einer auch in eigener Sache, so viel war klar. Wolfgang Schäuble, selbst Opfer eines Attentats und seitdem im Rollstuhl, wollte nie zum Objekt psychologischer Spekulation werden. Und dass er auf Niederlagen und Verletzungen nicht mit Flucht reagiert, hat er seitdem mehr als einmal bewiesen.

Die jetzige Niederlage bei der Kandidatur um das Präsidentenamt ist besonders bitter. Nicht dass er den Sturz als Partei- und Fraktionschef Anfang 2000 leicht hätte verwinden können. Damals zerstob die Hoffnung, der über Jahrzehnte engste Wegbegleiter Helmut Kohls könne noch einmal eine Ära unter eigenem Namen beginnen.

Seit seinem Sturz als Partei- und Fraktionschef hat es für Wolfgang Schäuble keine Rolle mehr gegeben, die ihm wirklich entsprochen hätte. Umso faszinierender muss für ihn dann die präsidiale Perspektive gewesen sein. Für einen Moment lang schien ein politisches Amt greifbar, in dem Schäuble seine ganze Erfahrung und Überzeugungskraft hätte einbringen können und in dem er zugleich der engen Sphäre der Machtpolitik entkommen wäre. Natürlich kennt er die Niederungen der Machtpolitik wie kaum ein anderer. Aber sonderbarerweise blieb Schäuble in dieser Sphäre nur erfolgreich, solange er als Zweiter, im Dienste Helmut Kohls agierte. Auf eigene Rechnung blieb er glücklos. Anders als den Kohls, Fischers oder Schröders fehlt ihm etwas zum Machtpolitiker.

Vielleicht war darin auch seine Niederlage auf dem Weg zum machtlos-mächtigen Präsidentenamt vorgezeichnet. Wäre es um Eignung gegangen – von so etwas wie biografischer Gerechtigkeit nicht zu reden –, Angela Merkel hätte sich für Schäuble entscheiden müssen, von dem sie behauptet hat, er sei immer ihr Favorit gewesen. Doch immer war ihr das Unbehagen zu groß, mit Schäuble einen Kandidaten zu fördern, der sich fortan jenseits ihrer Einflusssphäre bewegen würde. Warum ihn erst dorthin befördern?, wird sie sich gedacht haben. Die Vorstellung von Schäubles präsidialer Macht gab den Ausschlag: gegen ihn. Eine Machtpolitikerin Kohlscher Schule im Bündnis mit dem Polit-Hallodri Guido Westerwelle hat Schäuble um seine Chance gebracht. Bitterer hätte die Pointe kaum ausfallen können.

Doch bitter will Schäuble nicht wirken. Fluchtgedanken liegen ihm heute so fern wie im Frühjahr 2000, als er sich nach seinem Rücktritt als Partei- und Fraktionschef wieder in das Präsidium seiner Partei wählen ließ – unter dem Vorsitz seiner Nachfolgerin. Und auch jetzt macht er einfach weiter. In seinen ersten öffentlichen Äußerungen nach dem Kandidatengezerre bestreitet er jegliche Enttäuschung. Im Grunde, so hört sich das an, sei ihm nichts widerfahren als die Ehre, für das höchste Staatsamt genannt worden zu sein. Dann wurde es eben ein anderer.

Man weiß nicht recht, ob man Wolfgang Schäubles Disziplin im Umgang mit seinen Niederlagen bewundern soll. Es ist seine Art, die Opferrolle von sich zu weisen. Er wäre fast Kanzler geworden – oder Präsident. Beides blieb ihm verwehrt. Aber was soll das bedeuten? Als einer der wichtigsten Politiker dieses Landes besteht er darauf, weiter gehört zu werden. In welcher Funktion auch immer.