Gesine Schwan hat schon Übung darin, in schlossartigen Regierungsgebäuden ihrem Tagewerk nachzugehen. Die Rektorin der Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder nimmt der neobarocken Einschüchterungsarchitektur des Uni-Hauptgebäudes mit ihrer strahlenden Herzlichkeit jeden Schrecken. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie angenehm Gesine Schwans helles Lachen, das ihre übermütig hochgetürmten blonden Locken wippen lässt, sich auch im Schloss Bellevue machen würde, das sie jetzt erobern soll.

Als der Kanzler in der vergangenen Woche ihr Handy klingeln ließ, war Schwan auf dem Campus von Harvard unterwegs, um neue Allianzen für die Viadrina zu schmieden. Am folgenden Tag flog sie nach New York, um eine Rede über die "Chancen einer gemeinsamen politischen Kultur in Europa" zu halten. Bildungsreform und Osterweiterung – in diese Themen müsste Gesine Schwan sich als Präsidentin nicht mehr einarbeiten.

Sie hat ohne Quote und oft im Streit mit ihrer eigenen Partei Karriere gemacht. Meist stand die heute Sechzigjährige auch gegen den linken Mainstream ihrer eigenen Generation. Ihre Geradlinigkeit hat am Ende viele ihrer einstigen Gegner zu Freunden gemacht. Der Bundeskanzler selbst, der sie jetzt über Nacht zur rot-grünen Kandidatin kürte, hat auch einmal zum linken Lager gehört. Als die Debatte über den Nato-Doppelbeschluss die SPD im Jahr 1983 zu zerreißen drohte, stellte sich Schwan öffentlich hinter die Nachrüstungspolitik von Helmut Schmidt. Die Gegner der Nachrüstung, vorneweg Lafontaine und Schröder, täuschten sich, glaubte Schwan, über die aggressiven Absichten der Sowjetunion. Es ging ihr gegen den Strich, dass die Bedrohung der Freiheit durch den Kommunismus im Namen des Friedens heruntergespielt wurde. Das reichte, um sie als "Rechte" abzustempeln. Peter Glotz warf sie 1984 aus der Grundwertekommission der Partei, ein bis dahin einmaliger Vorgang.

Gesine Schwan hatte schon in den siebziger Jahren gewarnt, die Entspannungspolitik drohe im Zeichen der friedlichen Koexistenz den "Lebensnerv der SPD, die Freiheit", zu ersticken. Für sie war das mehr als eine Programm-Frage. Seit sie Ende der sechziger Jahre an ihrer Doktorarbeit über den polnischen Philosophen Leszek Kolakowski und dessen "marxistische Philosophie der Freiheit" schrieb, hatte Schwan viele Freunde in der polnischen Opposition. Sie spricht inzwischen fließend polnisch. Manchmal, sagt sie, habe sie sich diesen Freunden in ihrem Kampf um die Menschenrechte näher gefühlt als ihrer eigenen Parteiführung.

Woher nimmt die Frau nur ihren ungekünstelten Optimismus? Der Glaube wird etwas damit zu tun haben. Ihr größtes Unglück wäre es, nicht glauben zu können, lässt sie durchblicken. Die Freiheitsliebe ist sicherlich auch ein Familienerbe. Ihre sozialistisch geprägten Eltern hielten Kontakt zu Widerstandskreisen und versteckten im letzten Kriegsjahr ein jüdisches Mädchen. Der Nonkonformismus ihres Herkunftsmilieus mag die Beherztheit und Angstlosigkeit erklären, mit der Schwan sich immer wieder, auch noch nach ihrem Rauswurf aus der Grundwertekommission, in die Debatten ihrer Partei eingemischt hat. Sie hielt die Annäherung der SPD an die DDR-Oberen für politisch und moralisch falsch. In ihrer glasklaren Analyse des gemeinsamen Papiers von SED und SPD von 1987 steht ein Satz, der für die Präsidentin Schwan programmatisch sein könnte: "Der Abbau von Misstrauen setzt Ehrlichkeit voraus, und es ist ehrlicher, offen die Legitimität der gegensätzlichen Position zu bestreiten, als den Schein einer Anerkennung zu erwecken."

So hat sie es selber immer wieder gehalten – als Moderatorin zwischen osteuropäischen Bürgerrechtlern und westeuropäischen Entspannungspolitikern, als Dekanin an der Freien Universität Berlin im Streit mit ihren linksradikalen Gegnern von früher und schließlich als Rektorin der Viadrina im Dialog mit Mitläufern des DDR-Regimes. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich Vertrauen über Gegensätze hinweg nur schaffen kann, wenn ich die Differenzen anspreche." Gesine Schwan schätzt es sehr, dass ausgerechnet sie, die Antikommunistin ohne Reue, mittlerweile in Frankfurt an der Oder als eine Art Ostfrau ehrenhalber gesehen wird. "Letztens wurde ich gefragt", sagt sie, "ob ich eigentlich aus dem Osten oder aus dem Westen komme. Das hat mich beglückt."

Gesine Schwan attestiert den Deutschen einen Mangel an Vertrauen – "zu sich selbst, aber auch zu ihren politischen und wirtschaftlichen Eliten". Sie glaubt nicht, bei aller Hochschätzung für die beiden Amtsvorgänger, dass pastorale Versöhnungsappelle oder weitere Ruckreden geeignet wären, den Fortgang der Reformen zu befördern. Von ihr kann man eher einen verbindlich-konfrontativen Stil erwarten, das Pathos durch Humor in Schach gehalten.

Als Präsidentin könnte Gesine Schwan nicht nur die Einsicht in die Notwendigkeit weiterer Reformen verkörpern, sondern auch die Bedenken gegen einen einseitig ökonomistischen Begriff von Modernisierung. Sie kämpft zwar seit Jahren gegen eine "Instrumentalisierung der Wissenschaft für rein wirtschaftliche Zwecke". Dass dies mit Praxisferne und Wirtschaftsfeindlichkeit nichts zu tun hat, will sie an der Viadrina vom Herbst dieses Jahres an mit einer "School of Governance" für die künftige Elite der osterweiterten EU beweisen. Die rein private Finanzierung des ehrgeizigen Reformprojekts ist schon gesichert. Nun fragt sich nur noch, ob Gesine Schwan beim Festakt als Rektorin oder als Bundespräsidentin reden wird.