Wie esse ich einen Elefanten? Stück für Stück." Der Wirtschaftsingenieur Stephan Wrage neigt zu bildreichen Formulierungen. Sein Elefant ist ein riesiger Lenkdrachen, den er mit einem mehrere hundert Meter langen Kunststoffseil vor Öltanker und Frachtschiffe spannen möchte. Eine automatische Steuereinheit positioniert das fliegende Segel am Wind. Die Umkehrung des Bremsfallschirms auf den Weltmeeren – in der Größe eines Fußballfeldes. Das ist Wrages Idee. Er nennt sie SkySail.

Seit drei Jahren arbeitet er daran. Anfangs haben ihn Seefahrtexperten als "Ökospinner" verspottet. Inzwischen hat sein Unternehmen acht feste Mitarbeiter, unter ihnen fünf Ingenieure. Rund drei Millionen Euro sind schon in die Entwicklung des Riesendrachens geflossen.

Die TV-Sender stehen Schlange

31 Jahre alt ist Wrage jetzt, und seine Chancen stehen immer besser: Die Idee eines Erfinders, der frisch von der Uni kam und außer seinem Diplom kaum Referenzen hatte, könnte die gewerbliche Seefahrt revolutionieren. Hochseetanker und große Containerschiffe verbrennen jährlich Treibstoff im Wert von bis zu zehn Millionen Euro. Mit zusätzlicher Windkraftunterstützung, rechnet Wrage vor, könnten die Reeder bis zur Hälfte dieser Kosten einsparen – oder ihre Schiffe zehn Prozent schneller fahren lassen.

Das Drachensegel soll die gängigen Dieselmotoren nur unterstützen und nicht ersetzen, aber der Nutzen für die Umwelt wäre gigantisch. 98 Prozent des Welthandels werden über den Seeweg abgewickelt. "Die 88000 Gewerbeschiffe jagen über den Weltmeeren jährlich genau so viel Umweltschadstoffe in die Atmosphäre wie die ganzen USA", sagt Wrage und zitiert dabei eine Studie der University of Delaware in Newark. Diese bezieht sich zwar nur auf einige Umweltgifte wie Nitrogen. Aber auch bei Schwefel und Stickoxiden haben die Dreckschleudern der Meere einen weltweiten Emissionsanteil von sieben Prozent. Beim Klimakiller Kohlendioxid könnte die Windkraft ebenfalls für eine erhebliche Entlasung sorgen.

Stephan Wrage hat drei anstrengende Jahre hinter sich. Um die Augen zeichnet sich langsam die Sorte Falten ab, zu der Manager, Barkeeper und Nationaltorhüter neigen. Doch von seiner Idee ist er überzeugter denn je. In der 90 Quadratmeter großen Werkstatt in einem Technologiezentrum am Hamburger Hafen zeigt er stolz auf den Grund für seine Selbstsicherheit: Der acht Meter lange Prototyp Galileo ist die exakte Kopie eines Containerschiffs im Maßstab 1:26 und voll gestopft mit Computertechnik. Die Hamburgische Schiffsbauversuchsanstalt hat es der SkySails GmbH für intensive Tests zur Verfügung gestellt. Letzten Herbst ließ das Team um Wrage die Galileo an fünfzig Tagen von einem neun Quadratmeter großen Drachensegel vor Mecklenburg über die Ostsee schleppen. Seitdem kann SkySails mit Testprotokollen belegen: "Die Technik funktioniert. Und sie bringt viele Vorteile."

Sobald das Wetter es zulässt, wird der ferngesteuerte Boots-Dummy für eine zweite Testserie erneut unter das Drachensegel gesetzt. Diesmal ist das Fernsehen eingeladen, und die Sender stehen Schlange, um die ersten Bilder von der potenziellen Zukunftstechnologie zu drehen.

Die Idee, Transportschiffe mit Segeln auszustatten, ist nicht neu, doch traditionelle Mastsegel sind nicht einsetzbar. Bei Seitenwind geraten die riesigen Lastkähne zu leicht in Schräglage und drohen zu kentern. Der SkySails-Prototyp hingegen liegt flach wie ein Brett im Wasser, egal, wohin das Segel zieht. Zudem sorgt das SkySail nachweislich für eine ruhigere Fahrt bei schwerem Seegang. Der Zug am Seil gen Himmel dämpft die Schaukelbewegung des Bootes, weil der Rumpf dank des Auftriebs sanfter in die Wellen einsetzt. "Das ist nicht nur für die Mannschaft bequemer, sondern macht das Boot auch langlebiger", erklärt Wrage und prophezeit: "2006 wird das erste große Containerschiff mit einem SkySail segeln."