Früher sprach man von deutschen Tugenden und spanischer Disziplinlosigkeit. Heute kann der scheidende spanische Ministerpräsident José María Aznar, der nach acht Jahren im Amt nicht mehr für die Konservativen bei den Parlamentswahlen am 14. März antritt, Sparerfolge vorzeigen und den Deutschen mangelnde Haushaltsdisziplin vorwerfen. "Wenn jemand sagt, dass wir die Regeln einhalten sollen, es aber selbst nicht tut, dann schadet dies dem Vertrauen in die europäische Wirtschaft", sagte Aznar der ZEIT zur Verletzung des europäischen Stabilitätspaktes durch Deutschland.

So ändern sich die Rollen. Vor zehn Jahren litt Spanien unter hoher Inflation und Arbeitslosigkeit. Heute kann Aznar sagen, dass er "in der EU einer der wenigen Regierungschefs ist, die einen ausgeglichenen Haushalt vorweisen können". Unter ihm fielen Spaniens Schulden von 60 auf 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), die Arbeitslosigkeit sank von 17 auf 11 Prozent, die Wirtschaft wuchs um 2 bis 4 Prozent pro Jahr.

Zwar ist das immer noch die höchste Rate in der EU, ein Drittel der Arbeitsverträge ist nur befristet, und viele Jobs sind schlecht bezahlt. "Aber zumindest gibt es wieder Arbeit", sagt die 35-jährige B‚atriz Loncha, die in den neunziger Jahren lange ohne Job überleben musste. Sie ist keine Anhängerin der Konservativen, aber in den Sozialisten, der zweitstärksten Partei des Landes, sieht sie keine Alternative. Sie setzt wie viele andere Spanier auf Kontinuität und Stabilität, symbolisiert durch Mariano Rajoy, den von Aznar ernannten konservativen Kandidaten für die Ministerpräsidentschaft. Der 49-jährige ehemalige Innenminister und Regierungssprecher wirkt wie Aznar zwar auf viele nicht sympathisch, aber ernsthaft und kompetent. In Umfragen liegen die Konservativen klar vorn.

Schwer wird es für Rajoy erst nach dem zu erwartenden Sieg: Das Land kann nicht länger davon leben, dass ausländische Konzerne ihre Fabriken ins billige Spanien verlegen und Arbeitsplätze schaffen. Die Löhne steigen, die Produktivität aber stagniert, was angesichts des Abbaus der Arbeitslosigkeit kaum verwundert. Firmen wie der Autobauer Seat verlagern Teile der Produktion bereits nach Osteuropa, Konzerne wie Samsung und Philips schließen Werke. Nach einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger könnte Spanien binnen sechs Jahren von Platz fünf auf Platz zwölf der weltweiten Autoproduzenten rutschen - der Sektor stellt gut zehn Prozent des BIP und der Beschäftigung. Laut Gewerkschaften verschwinden bis 2009 zehn Prozent der gesamten spanischen Industrie.

Problematisch ist, dass die Hilfen der EU - im Durchschnitt jährlich etwa acht Milliarden Euro - nach der Osterweiterung deutlich sinken dürften. Nach Ansicht von Finanzexperte Jos‚ Manuel Campa von der Business School IESE hätte die Regierung die Gelder lieber in Forschung und Bildung statt in Bauprojekte stecken sollen. Rajoys Ansatz, binnen vier Jahren zwei Millionen weitere Arbeitsplätze zu schaffen, sei falsch: "Wir müssen nicht unbedingt viele, sondern qualifizierte Arbeitsplätze schaffen, um die Produktivität unserer Wirtschaft zu steigern." Durch die hohe Inflation der vergangenen Jahre habe das Land ohnehin schon an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Konjunkturexperte Angel Laborda von der Sparkassen-Stiftung Funcas in Madrid warnt überdies, dass der durch die niedrigen Zinsen der Europäischen Zentralbank stimulierte Binnenkonsum "abflaut, sobald die Zinsen wieder steigen".

Rajoy will dem durch deutliche Steuererleichterungen für Privateinkommen und mehr staatliche Investitionen in Forschung und Entwicklung vorbeugen. Wirtschaft und Universitäten sollen enger kooperieren und die im EU-Vergleich noch immer geringe Zahl von Patenten erhöhen. Eine eigene Behörde soll Firmen durch günstige Kredite und Beratung helfen, wettbewerbsfähiger zu werden. Experten wie Campa und Laborda bezweifeln indes, dass diese Maßnahmen ausreichen und schnell genug greifen.