Es war doch nur ein Intermezzo, das Jahr mit Michelle, ebenso wie das darauf folgende mit Corinna May. Und Lou? Mein Gott, Lou – Schwamm drüber. Statt noch einmal auf Blonde, Blinde oder Pumucklartige zu setzen, streift jetzt auch der Schlager-Grand-Prix die Fesseln der Vergangenheit ab. Schon beim nationalen Vorentscheid nächste Woche in Berlin wird eine bis zur Unkenntlichkeit verjüngte Variante zu erleben sein mit Scooter, Westbam und Sabrina Setlur als junger Garde und einigen Newcomern dahinter. Einen neuen Namen gibt es auch. Statt "Grand Prix Eurovision de la Chanson" bitte jetzt einfach "Eurovision Song Contest" (ESC) sagen.

ESC, das klingt moderner, frischer in den Ohren der Jugend, die über SMS miteinander kommuniziert. Es passt zu GZSZ, DSDS und anderen quotenstarken Tele-Phänomenen, die den Wettbewerb überlieferter Prägung im vergangenen Jahr plötzlich so alt aussehen ließen. No time for losers! Nur noch potenzielle Hitkandidaten, die obendrein ein Video auf Viva laufen haben, werden zum Vorvergleich zugelassen. Stefan Raab, der mit SSDSGPS (Stefan sucht den Super Grand Prix Star) ein Privat-Casting betreibt, wird es als TV-Total- Mann erwartungsgemäß in letzter Sekunde schaffen. Ralph Siegel muss draußen bleiben oder darf für Malta starten. Entschieden wird per TED.

Machen wir uns nichts vor: Es musste sein. Noch ein Siegel-Song für Deutschland, und man hätte sich gefühlt wie in einer k.u.k Monarchie. Der traditionelle Schlager war einfach uncool, megaout, antikrass, nicht mehr konkurrenzfähig. Das Ausland kicherte schon, selbst die Schlagerzwerge Lettland und Estland hatten begonnen, uns auf der Nase herumzutanzen. Mit dem Punk von Mia aus Berlin bieten sich Aussichten, den Reformstau endlich zu überwinden. Und Laith Al-Deen, die Samtstimme aus Mannheim, könnte Deutschland endlich dorthin bringen, wo die Türkei schon im letzten Jahr war: bei globaler Hitfolklore mit unaufdringlichem Lokalkolorit. Wenn den privaten Sendern dabei der eine oder andere Zuschauer flöten geht, ist es kein Schaden.

Mit dem Umbau zur attraktiven Televoting-Show sind die öffentlich-rechtlichen Chancen auf Euro-Anschluss gewahrt, Schwund ist aber auch. Nachdem die Nicoles und Corinna Mays dieser Welt endgültig ihrer Repräsentationspflichten enthoben sind, wird erst deutlich, wie wenig an der These dran war, der Schlager-Grand-Prix sei die Fortsetzung der Außenpolitik mit anderen Mitteln. Es handelte sich vielmehr um eine sinnfreie Zone, ein Refugium der singenden Tonnen, eine letzte utopische Leerstelle im Universum des TV-unterhalterischen Quoten-Trashs. Nirgends sonst war so anschaulich zu erfahren, dass auch das Scheitern seine Größe haben kann, wenn der Vortrag nur engagiert ist. Jetzt brettert an gleicher Stelle der Hochleistungssuperquatsch von Scooter, und die aus Popstars – das Duell hervorgegangene Formation Overground gibt die allgemeine Richtung vor. Sag beim Abschied leise Servus. Im globalen Vergleich hat auch die Schlagerwelt nichts mehr zu lachen.