Allmählich machen sich die Zürcher warm für den Abschied. Christoph Marthaler verlässt am Ende der Saison das Schauspielhaus. Und in der Stadt wird schon jetzt ein Klageton angestimmt, als ziehe nicht lediglich eine Theatertruppe dahin, sondern als sterbe eine Gattung aus.

Man hat Marthaler stets eher als ein Phänomen gepriesen denn als Regisseur. Etwas, das lange gefehlt hatte und das große Ganze erleuchtete. Ein Missing Link zwischen Pina Bausch und Loriot oder zwischen Samuel Beckett und Helge Schneider. Eine Laune der Theaterrevolution, ein Wesen, das plötzlich zwischen einander so fremden Genres wie der Farce und dem Kunstgesang, der Kleintierschau und der Oper, dem Nachmittagsvarieté und der Tragödie aufgestiegen war und der Welt nun zeigte, wie eng das alles zusammenhängt.

Nun taucht Marthaler wieder ab, und der große Zusammenhang löst sich auf. Seine letzte Produktion, sein Abschied von Zürich, heißt O. T. – Eine Ersatzpassion und ist ein Produkt des Zerfalls: die Potpourrisierung und Medleysierung der Marthaler-Welt mit anschließendem Abbau der tragenden Teile und ihrer Verbringung ins kollektive Theaterdepot unter vollständiger Rührung aller Beteiligten.

Wie bei allen Medleys und Potpourries ist Rührseligkeit die oberste Antriebskraft: herrliche Melodien, wunderbare Szenen, wie lange ist das her, ach, wären wir nur jung wie damals! Marthaler zeigt den Zürchern, was es bedeutet, gemeinsam vier Jahre älter geworden zu sein, er führt ihnen noch einmal die Kreaturen seiner Arche in typischen Körperstellungen vor. Da ist der Unter-den-Teppich-Kriecher, der Linoleumliebkoser, der Tischbeinumschlinger. Da sind die Staubtaucher und Wollmäusefänger, Milbenwirte und Schimmelpilzreiter, die nur in den versiegelten Räumen der Anna Viebrock lebensfähig sind. Marthalers Figuren sind wie verrückte Turner, die in unsichtbaren, schlingernden Rhönrädern feststecken. Nur der geringste Teil dieser Wesen ist sichtbar, und der sichtbare Teil ist eher schäbig. Es sind Wesen ohne Unterleib, die zur sexuellen Lust der Prothesen (Stuhlbeine, Teppichrollen, Reifröcke et cetera) bedürfen und mit Mundtrockenheit zu kämpfen haben. In ihren Tänzen geben sie uns eine Ahnung von ihrer wahren seelischen Spannweite.

Jedes Leben ein Gemisch aus wenigem Sichtbaren und unermesslichem Unsichtbaren. Es gelingt Marthaler immer dann, das Unsichtbare leuchten zu lassen, wenn Musik zum Einsatz kommt. Dann schweben sie in ihren Riesenrhönrädern; ohne Musik sind sie eher schwitzende Klamaukmöbelpacker, die schwer am Ruhm schleppen.

Bei O. T. gelingt der Leuchtzauber, wohl auch dank der Gewissheit, dass es ihn in Zürich nicht mehr lange geben wird. Man sieht etwas Entschwindendes, von dem man später erzählen kann. Und er gelingt, weil O. T. (= Ohne Titel) aus Mar-thalers vorletzter Zürcher Inszenierung aufsteigt wie ein heiterer Spuk aus einer Ruine. Im Dezember hatte Marthaler hier Büchners Dantons Tod inszeniert. Im selben Bühnenbild spielt nun O. T.

Wenn sie gähnen, sind sie Bestien

Dantons Tod in der Regie Marthalers – ein Revolutionsdrama in Händen eines Evolutionstheoretikers. Das konnte kaum gutgehen. Marthaler zeigt die Revolutionäre als Pensionäre, gleichsam durch das Griffloch des Aktenordners hindurch, in dem ihre Daten abgelegt sind. Sein Danton, Robert Hunger-Bühler, spricht seinen Text nicht, er holt ihn mit dem Sentenzenmeißel aus dem Stück heraus. Der Revolutionär als eitler schwarzer Aphoristiker und verdämmernder Erotiker, der nicht mehr seinen Visionen, sondern nur noch seinen Erektionen folgt. Eigentlich ist er schon tot, nur sein Penis lebt wohl noch; von drüben, aus dem Jenseits, behaucht Danton den Text.