Berlin

Im Fußball gibt es den schönen Ausdruck "das Spiel lesen". Man will verstehen, was das unübersichtliche und oft zufällig wirkende Herumgekicke bedeutet, wo es herkommt und wo es hingeht. Auch in der Politik muss man das Spiel lesen können, das ernste. Und das ist selten schwerer gefallen als im Moment. Dabei sieht auf den ersten Blick alles recht einfach aus: Da spielt auf der einen Seite eine Regierung, die an den harten Reformen scheitert und von den Bürgern in Wahlen und Umfragen mit einem scheinbar grenzenlosen Rachebedürfnis überzogen wird. Ihr gegenüber steht eine Opposition, die von einem Wahlerfolg zum nächsten eilt, von ihren historisch einmaligen Umfragewerten gar nicht zu reden.

Im Grunde müssten Angela Merkel, Edmund Stoiber und Guido Westerwelle nur seriöse Gesichter aufsetzen und ansonsten warten, bis die rot-grüne Koalition endlich implodiert ist. Doch ein paar Fragen drängen sich noch auf bis zur mutmaßlichen Regierungsübernahme: Warum beispielsweise bekommt die CDU so hohe Zustimmung dafür, dass sie noch mehr von den Reformen androht, derentwegen die SPD gerade zur Hölle fährt? Und warum spielen bei der Union im Augenblick ihres Erfolges plötzlich alle gegeneinander? Wieso legt sich der Kanzler, der nun seine Politik noch besser vermitteln möchte, dazu ausgerechnet mit der Bild -Zeitung an? Nein, so kommt man nicht weiter, man versteht es nicht. Aus der Nahsicht lässt sich das Berliner Spiel kaum mehr lesen.

Gehen wir weiter weg, ganz weit. Reden wir über uns, über Lebenswelt und Lebensgefühl. Seit einiger Zeit schon fließt der Mainstream der Gesellschaft in eine andere Richtung, nun sind die Wirkungen in der Mitte der Politik angekommen. Jahrzehntelang war es so: Die Lebensumstände waren konservativ, die Menschen steckten in überkommenen Bindungen und Konventionen, auch in Heimaten – das Sinnen und Trachten jedoch ging in die andere Richtung: Emanzipation, Liberalisierung und Individualisierung. Mittlerweile hat sich dieser Trend umgekehrt. Die Umstände, in denen die Menschen leben, sind individualisiert, flexibel und liberal – ihr Sehnen und Streben jedoch geht nun in Richtung Bindung, Konservatismus, Heimat. Das dominierende Lebensgefühl lautet: Liberal sind wir sowieso, für alles andere müssen wir uns anstrengen. Dieses andere, diese neue Alternativität lässt sich umschreiben mit Werten, mit Familie oder zumindest familialer Verbindlichkeit, auch mit Sekundärtugenden wie Verlässlichkeit, Stetigkeit und Disziplin.

Gehen wir von hier aus langsam zurück in die Welt der Politik. Welche politischen Kräfte passen am besten zu diesem neuen, mächtigen Gefühl der Mehrheitsgesellschaft? Nicht die Erzkonservativen oder die als solche gelten, nicht also Edmund Stoiber oder Roland Koch. Denn bei ihnen hören die Leute einen Moralismus gegen die liberalen Lebensumstände, gegen aufgelöste Bindungen und unkonventionelle Lebensformen heraus. Das aber, die Kritik an der eigenen Libertinage, auch am eigenen Scheitern in Bindungsfragen lässt man sich heute nicht mehr von außen und von oben gefallen, schon gar nicht von der Politik. In dem Moment, da ein Politiker versucht, das konservative Streben der Menschen gegen ihre liberalen Lebensumstände auszuspielen, und er sich über andere Lebensentwürfe erhebt, in dem Moment ist die große Mehrheit nur noch liberal. Das macht das Scheitern der Union in der Schwulendebatte aus. Und dieser leichte Geruch von Moralin trug ganz erheblich zur Wahlniederlage von Edmund Stoiber im Jahre 2002 bei.

Auch die FDP des Guido Westerwelle kommt diesem liberal-konservativen Lebensgefühl nicht nahe. Sie vertritt einen Hurra-Liberalismus, der schon längst schal geworden ist. Man möchte sich in dieser Hinsicht nichts mehr vormachen lassen, weil man die Vorzüge ebenso wie die Zumutungen des Liberalismus selbst schon zur Genüge kennt. Und für die konservativen Sehnsüchte der Menschen hat die FDP weder ein personelles noch ein politisches Angebot. Einzig ihre Honoratioren erinnern von Ferne an eine bürgerliche Partei. Allerdings wirkt diese Seite der FDP nicht konservativ, sondern einfach nur alt.

Das rot-grüne Milieu wiederum hat sich von seinem kulturellen Sieg über Edmund Stoiber bis heute nicht erholt. Siege machen blind. Immer noch glaubt es, vorne zu sein, mit der neuen Zeit zu ziehen. Dabei trifft die leicht ins Rote stechende Liberalität, der Multikulturalismus, der Anti-Diskriminierungsimpetus heute ebenso wenig den Nerv der (meisten) Leute wie die sympathische Lebemann-Lässigkeit ihrer wichtigsten Protagonisten. Gegen diese den Zeitgeist verfehlende Liberalität hat die SPD in ihrer intuitiven Klugheit nun Franz Müntefering gesetzt. Kulturell wirkt er wie aus einem längst vergangenen Jahrzehnt in die Gegenwart geschleudert. Das ist interessant und erscheint auf angenehme, Vertrauen erweckende Weise exzentrisch. Ein echtes Angebot zur Identifikation stellt er jedoch nicht dar, nicht einmal für die SPD. Müntefering beruhigt mit seinem leicht gestrig klingenden Sound eine Partei, die gern noch im Gestern verharren würde – Arbeiternostalgie für die Angestelltenpartei. Und hinter dem anderen Klang lauern ja immer noch dieselben Reformen.

Schwarz-gelbes Chaos gegen rot-grüne Verzweiflung