Religion Gefährlicher Glaube

Die westliche Toleranz verfehlt das Wesen der Religion

Die Lauterkeit derer, die Mel Gibsons Film vor seiner Premiere heftig kritisierten, könnte nicht größer sein: War ihre Sorge, dass der Film eines katholischen Fanatikers antisemitische Ansichten anheizen könnte, nicht vollkommen berechtigt? Ist Gibsons Film nicht ein Manifest unseres eigenen (westlichen, christlichen) Fundamentalismus? Und ist es nicht die Pflicht eines jeden Säkularisten, diesen Film abzulehnen?

Wie man weiß, wurde die anfängliche Zustimmung des Papstes zu Gibsons Film rasch dementiert und durch eine „offizielle“ Haltung ersetzt. Dies zeigt am besten, was mit der liberalen Toleranz nicht stimmt, was falsch ist an der politisch korrekten Angst, religiöse Empfindlichkeiten könnten verletzt werden. Viele sagen: Selbst wenn in der Bibel steht, die jüdische Menge habe Christi Tod gefordert, solle man diese Szene nicht zeigen. Doch damit würde die aggressive religiöse Leidenschaft lediglich unterdrückt. Sie schwelt weiter und wird stärker.

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Nehmen wir ein anderes Beispiel. Oriana Fallacis Buch Die Wut und der Stolz ist die leidenschaftliche Verteidigung des Westens gegen die islamische Bedrohung, mehr noch: Es verunglimpft den Islam als Barbarei. Genau genommen ist Fallacis vitale Leidenschaft die Kehrseite unserer leblosen, politisch korrekten Toleranz.

Die einzige „passionierte“ Antwort auf die fundamentalistische Passion scheint ein aggressiver Säkularismus zu sein, so wie in Frankreich. Dort hat die Regierung das Tragen auffälliger religiöser Kleidungsstücke in Schulen verboten, nicht nur des Kopftuches, sondern auch der jüdischen Kopfbedeckung und großer christlicher Kreuze. Doch es ist nicht schwer, vorherzusagen, welche Folgen diese harte Entscheidung haben wird. Der Ausschluss aus dem öffentlichen Raum wird die Muslime dazu bringen, sich als nichtintegrierte fundamentalistische Gemeinschaften zu konstituieren.

Das Verbot, sich leidenschaftlich zu seinem Glauben zu bekennen, erklärt, warum „Kultur“ zu einer zentralen lebensweltlichen Kategorie geworden ist. Religion ist erlaubt – aber nicht als eine substanzielle Lebensweise, sondern als „Kultur“ und Lifestyle-Phänomen. Was sie legitimiert, ist nicht ihr innerer Wahrheitsanspruch, sondern die Art, wie sie uns den Ausdruck innerster Gefühle erlaubt. Wir müssen nicht mehr „wirklich gläubig sein“, solange wir bloß (einige) religiöse Rituale und Sitten befolgen. Sogar die Religionen selbst, von der New-Age-Spiritualität bis zum Hedonismus des Dalai Lama, bedienen inzwischen den postmodernen Vergnügungshunger, die Religion als „Kultur“.

Vielleicht ist „Kultur“ der Name für all jene Dinge, die wir praktizieren, ohne wirklich an sie zu glauben, ohne sie „ernst zu nehmen“. Ist das nicht auch der Grund dafür, warum wir fundamentalistische Gläubige als kulturfeindliche „Barbaren“ abtun – nur deshalb, weil sie es wagen, ihre Überzeugungen ernst zu nehmen? Man rufe sich die Empörung in Erinnerung, als die Taliban die buddhistischen Statuen in Bamiyan in die Luft sprengten. Obwohl niemand von uns aufgeklärten Westlern an die buddhistische Gottheit glaubt, waren wir empört, weil die Taliban ihrem „kulturellen Erbe“ den Respekt verweigerten. Aber weil die Taliban an ihre eigene Religion glaubten, waren sie nicht besonders empfänglich für den kulturellen Wert der Denkmale anderer Religionen. Für sie waren die Buddha-Statuen Götzenbilder, keine „Kulturgüter“.

Nebenbei gesagt: Ähnelte unsere Empörung damals nicht der eines aufgeklärten Antisemiten, der zwar nicht an die Göttlichkeit von Jesus Christus glaubt, dennoch aber die Juden für seinen Tod verantwortlich macht? Ähnelte sie nicht der Entrüstung des typischen säkularen Juden, der zwar nicht an Jehova und Moses als seine Propheten glaubt, gleichwohl aber meint, die Juden hätten ein gottgegebenes Anrecht auf das Land Israel?

Wie auch immer, Leidenschaft „als solche“ ist heute politisch nicht korrekt. Alles scheint erlaubt; tatsächlich aber sind die Verbote lediglich verschoben worden. Denken wir an die Sackgasse, in der Sexualität und Kunst stecken. Was ist langweiliger, opportunistischer und steriler, als unaufhörlich neue künstlerische Tabubrüche zu erfinden? Was ist steriler als ein auf der Bühne masturbierender Performance-Künstler oder ein Bildhauer, der Tierkadaver oder menschliche Exkremente ausstellt?

In einigen „radikalen“ Kreisen in den USA gab es jüngst den Vorschlag, die Rechte von Nekrophilen zu „überdenken“. Warum, so lautete das Argument, sollten diejenigen, die gern Sex mit Leichen haben, rechtlos sein? Ähnlich wie ein Organspenderpass im Falle eines plötzlichen Todes die Verwendung der Organe für medizinische Zwecke erlaubt, sollte man doch eine Erlaubnis ausstellen können, die den Körper im Todesfall Nekrophilen zur Verfügung stellt. Eine solche Haltung verwirklicht Kierkegaards alte Einsicht, nur ein toter Nachbar sei ein guter Nachbar. Ein toter Nachbar – ein Leichnam – ist der ideale Sexualpartner für ein „tolerantes“ Subjekt, das jede Belästigung vermeiden will. Schließlich kann ein Leichnam per definitionem nicht belästigt werden.

Das passt ins Bild. Wir kennen eine Reihe von Produkten, deren schädigende Eigenschaft neutralisiert wurde: Kaffee ohne Koffein, Sahne ohne Fett, Bier ohne Alkohol. Die Liste ließe sich fortsetzen, angefangen beim virtuellen Sex als Sex ohne Sex über die Colin-Powell-Doktrin vom Krieg ohne zivile Opfer (auf unserer Seite natürlich) als Krieg ohne Krieg bis hin zur Umdeutung von Politik als Kunst der Expertenberatung, eben als Politik ohne Politik.

Auch die liberale und tolerante Einstellung gegenüber anderen Menschen gehört in dieses Bild, die Forderung nach Offenheit gegenüber seinem Anderssein bei gleichzeitig obsessiver Angst vor Belästigung: Der andere ist einem recht, solange er nicht wirklich anders ist. So schält sich das Recht, unbehelligt zu bleiben und andere auf Distanz zu halten, immer mehr als das zentrale „Menschenrecht“ in spätkapitalistischen Gesellschaften heraus.

Ganz ähnlich verhalten wir uns zur kapitalistischen Profitgier. Sie ist in Ordnung, sofern sie durch karitative Handlungen ausgeglichen wird. Erst werden Milliarden angehäuft, dann wird ein Teil davon den Bedürftigen zurückgegeben. Dasselbe gilt für die Logik des humanitären Militarismus. Der Krieg ist in Ordnung, sofern er dazu dient, Demokratie oder humanitäre Hilfe zu ermöglichen.

Bedeutet das, wir sollten uns von der falschen Toleranz des liberalen Multikulturalismus abwenden und zum religiösen Fundamentalismus zurückkehren? Nein, denn das Lächerliche an Gibsons Film verdeutlicht die Unmöglichkeit einer solchen Lösung. Gibson beabsichtigte nämlich zunächst, Die Passion Christi in Latein und Aramäisch zu drehen und ihn ohne Untertitel zu zeigen. Unter dem Druck der Verleihfirmen entschied er sich, Untertitel zuzulassen. Sein Kompromiss ist jedoch nicht nur ein Zugeständnis an den kommerziellen Druck. Hätte Gibson an seinem Plan festgehalten, wäre die Widersprüchlichkeit seines Projekts offenbar geworden. Denn nehmen wir einmal an, der Film wäre ohne Untertitel im Kino eines amerikanischen Einkaufszentrums gezeigt worden: Die beabsichtigte Treue zum Original hätte sich ins Gegenteil verkehrt, in ein unverständliches exotisches Spektakel.

Kehren wir zur „politisch korrekten“ Unterscheidung zwischen religiösem Fundamentalismus und eigentlicher Religion zurück. Bush und Blair (und selbst Scharon) versäumen es nie, den Islam als eine Religion der Liebe und Toleranz zu loben, die mit dem abscheulichen Terror nichts zu tun habe. Doch die Unterscheidung zwischen einem „guten“ Islam und „schlechtem“ islamistischen Terrorismus ist ebenso fragwürdig wie die „radikal-liberale“ Unterscheidung zwischen den Juden und dem Staat Israel. Juden und jüdische Bürger sollten nicht nur die Politik des Staates Israel kritisieren dürfen, ohne des Antisemitismus beschuldigt zu werden; es sollte ihnen auch möglich sein, dass sie sich auf ihre leidenschaftliche Bindung an das Judentum berufen dürfen – also auf das, was sie am jüdischen Erbe als erhaltenswert betrachten.

Es gibt aber eine dritte Position, jenseits von religiösem Fundamentalismus und liberaler Toleranz. Im Umgang mit dem Judentum sollte man zum Beispiel den Fehler vermeiden, das „gute“ Judentum eines Lévinas, das für Gerechtigkeit steht, auszuspielen gegen die „schlechte“ Tradition Jehovas mit seinen Rachegelüsten. Man sollte also allen Mut zusammennehmen, um die Spannung in den Kern des Judentums hineinzutragen, schließlich geht es nicht mehr um die Frage, die reine jüdische Tradition von Gerechtigkeit und Nächstenliebe gegen die zionistische Durchsetzung des Nationalstaats zu verteidigen. Ebenso sollte man, statt die Größe des „wahren“ Islam zu verherrlichen, seinen Widerstand als Chance begreifen. Er muss nicht notwendig zum „Islamo-Faschismus“ führen, er kann sich auch in einem sozialistischen oder demokratischen Projekt artikulieren. Gerade weil der Islam ein faschistisches Potenzial auf moderne Fragen birgt, kann er sich auch als Ort für die „besten“ Potenziale erweisen. Kurzum, anstatt zu versuchen, das reine ethische Herz einer Religion vor seiner politischen Instrumentalisierung zu retten, sollte man dieses Herz rückhaltlos kritisieren – in allen Religionen.

Aus dem Englischen von Karin Wördemann

 
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