Vor neun Jahren strandete er in Hamburg. Dreizehn Jahre jung war Amadou damals, im März 1995. Als Kindersoldat hatte er in seiner Heimat, dem Bürgerkriegsland Liberia, mehr Gewalt und Elend gesehen, als sich die meisten Deutschen vorstellen können. Der junge Afrikaner wiederum hatte anfangs keine Vorstellung, wie man in Hamburg lebt. "Nie, niemals habe ich gedacht, dass ich hierher komme und vom Sozialamt lebe", sagt Amadou, der inzwischen 22 Jahre alt ist. "Seit meiner Kindheit habe ich hart gearbeitet, auf den Feldern und mit den Tieren. Und solange ich gesund bin und zwei Hände habe, will ich auch hier selbst für meinen Lebensunterhalt sorgen."

Nur: Das darf er nicht. Stattdessen halten ihn Sozial- und Arbeitsamt mit vereinten Kräften in Abhängigkeit. Er ist zum Almosenempfang verdammt – auf Kosten der Steuerzahler. Wird sich das ändern, wenn Deutschland nun doch ein Zuwanderungsgesetz erhält?

Auch junge Flüchtlinge haben Zukunftswünsche. "Mein Traum ist es, Koch zu werden", sagt Amadou. "Es ist so schön, wenn man anderen zu essen gibt und dann ihr Lachen hört." Und: "Die Gäste vorn im Restaurant wissen ja gar nicht, wie vielfältig und kreativ die Arbeit hinten in der Küche ist." Um ein Haar wäre der Traum von der Ausbildung zum Koch Wirklichkeit geworden. Er hatte ein Praktikum in dem schicken Hamburger Restaurant Nil gemacht. Und weil das Küchenteam einstimmig für ihn votierte, bot ihm der Chef Steffen Hellmann vergangenen Sommer einen Ausbildungsplatz an. Ein Glücksfall, denn in den meisten Restaurants ist man der Meinung, dass Afrikaner allenfalls zum Geschirrspülen taugen.

Amadou glaubte sich am Ziel seiner Wünsche. Doch das Arbeitsamt verweigerte die Erlaubnis. "Ich bekam ein Schreiben, dass ich einen vergleichbaren Deutschen einstellen soll", empört sich Hellmann noch heute. "Ich lasse mir doch nicht vorschreiben, wen ich beschäftige!" Dass Amadou keine Arbeitserlaubnis bekam und dem Restaurantchef somit der Azubi seiner Wahl verwehrt wurde, empfindet Hellmann als "Schikane". Und wirft seither alle Post vom Arbeitsamt "ungelesen in den Papierkorb".

Seit neun Jahren duldet die Bundesrepublik Deutschland Amadous Anwesenheit. Weil in Liberia die politische Situation immer noch angespannt ist. Und weil er an einer schweren Augenkrankheit leidet, die nur hier behandelt werden kann; in Afrika würde er erblinden. Alle sechs Monate erhält er die Bescheinigung, dass er ein weiteres halbes Jahr bleiben darf. Er ist einer von rund 225000 Ausländern, die aufgrund einer so genannten Duldung in Deutschland leben. Einerseits erhalten sie kein Asyl, andererseits will es die Bundesrepublik nicht verantworten, sie in die Herkunftsländer abzuschieben. Knapp ein Drittel von ihnen ist schon länger als neun Jahre hier, gut fünf Prozent sogar schon mehr als zwölf Jahre. Meist haben sie eines gemein: Sie leben in Deutschland, aber ihnen ist nicht erlaubt, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen.

Das geplante Zuwanderungsgesetz würde dies ändern, wenn sich die Regierungskoalition durchsetzt. Wessen Ausreise binnen zwei Jahren nach der Ablehnung seines Asylantrags nicht möglich war, der soll Stück für Stück die Chance auf Arbeit und Integration erhalten. Die Union hingegen möchte die bisherige Praxis beibehalten.

Genau darin sehen Flüchtlingsorganisationen eine Messlatte für das Zuwanderungsgesetz: Was wird mit den Leuten, die nur geduldet sind? Zum Beispiel eben mit Amadou. Er durfte in Deutschland zur Schule gehen, durfte den Hauptschulabschluss machen. Er durfte Praktika absolvieren und an Projekten für schwer vermittelbare Jugendliche teilnehmen. Eine Lehre hingegen ist ihm bislang nicht erlaubt. "Für die von Ihnen angestrebte Tätigkeit stehen im Arbeitsamtbezirk Hamburg genügend deutsche bzw. gleichgestellte ausländische Arbeitnehmer zur Verfügung", teilte ihm das Arbeitsamt lapidar mit. Das heißt: Lehrstellen sind knapp, und deshalb darf er nicht Koch lernen. Selbst wenn er – was schon an ein Wunder grenzt – einen Betrieb findet, der ihn einstellen würde.