Tallinn
Es ist kalt, ernsthaft kalt, nicht nur ein bisschen ungemütlich wie in Deutschland. Vor den mittelalterlichen Häusern lodern Fackeln, brennt Feuer in Schalen. Tallinn ist ein Musterbeispiel für sensible Instandsetzung: Der Stadtkern sieht aus wie ein Freilichtmuseum. Im ersten Touristenlokal am Platze, dem Olde Hansa, servieren Hofnarren Wildschweinbraten und Elch, geschmorte Äpfel, Gewürzbier und Wein in dicken Glaspokalen. Malereien auf den Wänden zeigen den Ostseeraum zur Hansezeit. Bei uns trüge ein vergleichbares Restaurant leicht die vulgären Züge der Erlebnisgastronomie. Hier hat Jüri Kuuskemaa, der bedeutendste Kunsthistoriker des Landes, die Innenausstattung besorgt. Man sieht den Unterschied. Gelungene Oberflächengestaltung spielt eine gewaltige Rolle in Estland.

Zweierlei Mittelalter. In Kopli, zehn Autominuten vom Stadtzentrum entfernt, vegetieren Menschen in Löchern dahin, die man formal natürlich Häuser nennen kann, weil sie Wände und ein Dach haben. Aber keinen Strom, kein fließendes Wasser, keine sanitären Anlagen, lebensgefährliche Feuerstellen. Es stinkt, nach Ratten, nach Schnaps, nach Schlimmerem. Natalja und ihr Mann Walerij leben hier, beide arbeitslos, mit drei Kindern, in anderthalb Zimmern, von 2400 estnischen Kronen im Monat - der einzigen Sozialleistung, auf die sie Anspruch haben. 2400 Kronen sind 160 Euro. Wie geht das, bei Preisen, die selbst im Aldi-Äquivalent Säästu nur knapp unter deutschem Niveau liegen? Irgendwie. Manchmal bringt Mati Sinisaar von der benachbarten Peeteli-Kirche Essen vorbei, billige Würstchen, Brot, Käse. Nicht selten hungern sie, erst die Eltern, später im Monat auch die Kinder.

Natalja und Walerij sind Russen, wie fast 30 Prozent der 1,4 Millionen Einwohner Estlands (in Tallinn sind es beinahe 50 Prozent). Viele von ihnen sprechen kaum Estnisch. Sie besitzen keine estnische Staatsbürgerschaft und haben kein Wahlrecht; die sowjetischen Kombinate, in denen sie einst arbeiteten, sind abgewickelt. Leute wie sie haben hier, realistisch betrachtet, kaum eine Chance, ihr Los zu verbessern. Was nicht heißt, dass das Leben in Russland für sie vielversprechender wäre.

Esten in verantwortlicher Position und elegantem Büro - Politiker, Journalisten, Banker, Geschäftsleute - nicken: Es ist ja nicht so, dass sie das Russenproblem kleinredeten. Aber die penetranten Nachfragen westlicher Gesprächspartner ermüden und verärgern sie: Als ob man ihr Land, das sich seit der "singenden Revolution" Ende der achtziger Jahre so dramatisch verändert hat, das so lebendig ist, dessen Bevölkerung sich so beherzt in eine völlig neue Lebensweise gestürzt hat, reduzieren könnte auf einige albtraumhafte Hochhausghettos, ein verzweifeltes Lumpenproletariat, auf Kriminalität, Drogensucht und HIV.

In der Tat lassen sich ja über Estland ganz andere, bessere Geschichten erzählen. Die Demokratisierung ist gelungen, mit einer sehr jungen politischen Elite - Enddreißiger wie Ministerpräsident Juhan Parts von der Mitte-rechts-Regierungspartei Res Publica gehören schon im Kabinett zu den Oldies, in der Verwaltung sowieso. Es gibt keine mächtigen Altkommunisten. Der EU-Beitritt steht bevor, Estland erfüllt die Kriterien des Stabilitätspakts. Noch wichtiger für das nationale Sicherheitsgefühl ist die Nato-Mitgliedschaft - was die offensive Freundlichkeit des Landes gegenüber den USA erklärt. Die Arbeitslosenquote liegt trotz der wirtschaftlichen Umbrüche nur bei rund zehn Prozent - das schiene erträglich, wenn die Lebensbedingungen der Arbeitslosen weniger entsetzlich wären. Die Wirtschaft wuchs, nach Einbrüchen Ende der neunziger Jahre, 2002 um satte 5,8 Prozent. Mehr als zweieinhalb Millionen Touristen besuchten das Land im vorigen Jahr.

Die Elite der estnischen Gesellschaft hat sich in beispielloser Weise erneuert. Junge Leute, die bei uns gerade ihr Examen verkraften und das zweite Ikea-Sofa anschaffen, lenken die Geschicke des Landes. Julia Laffranque etwa, 29 Jahre alt, ist gerade als Richterin an den Staatsgerichtshof in Tartu berufen worden. Laffranque ist Spezialistin für Europarecht, war im Schulaustausch in den USA, studierte in Deutschland, absolvierte nach dem Examen ein Praktikum bei der EU-Kommission in Brüssel, promovierte neben ihrer Arbeit im Justizministerium. "Die Menschen in unserem Land müssen ihre Rechte überhaupt erst kennen lernen", sagt Laffranque. "Sie dürfen nicht länger Angst vor der Justiz haben." Das Tempo der Veränderungen sei für viele zu schnell: "Allein bei der Reform des Rechtswesens mussten wir in zehn Jahren schaffen, wofür andere hundert Jahre Zeit hatten."

Marko Mihkelson, 34, ist Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Riigikogu, dem estnischen Parlament. Der Historiker und Journalist war von 1994 bis 1997 Moskauer Korrespondent von Postimees , der wichtigsten estnischen Zeitung; mit 27 Jahren wurde er deren Chefredakteur. "Wir leben so schnell in diesem Land", sagt auch Mihkelson, "dass man sich ständig fragt: Was werde ich als Nächstes tun?" Das hat einen Grund: Ein kleines Land wie Estland muss, allein für die internationalen Vertretungen, für das nationale Parlament und die Verwaltung der Großstadt Tallinn, alle Begabungsreserven ausschöpfen. Der 101-köpfigen Volksvertretung gehören fast 50 Exminister an.