Washington
Der Werbespot zeigt den Vizepräsidenten im Wahlkampf. Vier Jahre sind die Archiv-Bilder alt, die ab sofort in sieben amerikanischen Bundesstaaten wieder zu sehen sein werden. Richard Cheney sagt darin: "Wir leben in einer freien Gesellschaft. Und Freiheit heisst: Freiheit für jedermann. Menschen sollten die Freiheit haben, mit jedem eine Beziehung einzugehen, mit dem sie eine Beziehung haben wollen. (…)So etwas regeln bei uns die Bundesstaaten. Unterschiedliche Bundesstaaten können dabei zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, und das ist gut so. In dieser Sache sollte es nicht unbedingt eine bundesstaatliche Politik geben". Schnitt. Der Bildschirm ganz schwarz. Dann erscheinen in weiß zwei Sätze: "Finden wir auch. Ändert die Verfassung nicht!" Dieser Spot ist eine Sensation der amerikanischen Politik, vielleicht ein Markstein im Wahljahr. Denn er stammt von den Log Cabin Republicans . Das ist die Organisation der Homosexuellen innerhalb der Republikanischen Partei, 10000 Mitglieder stark. Seit 27 Jahren gibt es diese Gruppierung. Noch nie ist sie mit einer eigenen Werbe-Kampagne an die Öffentlichkeit getreten. Nun tritt sie erstmals auf – gegen den eigenen Präsidenten, der im Wahljahr die Verfassung ändern möchte, um die Schwulen-Ehe zu verhindern. Es ist quasi der Bruch mit der eigenen Partei, die ultimative Illoyalität. Aber mit seinem Vorstoß zur Verfassungsänderung, sagt Log Cabin Geschäftsführer Patrick Guerriero, habe der Präsident "die rote Linie überschritten". Nun hätten die schwulen Republikaner, so meinen sie, keine Wahl mehr. Sie müssten gegen den eigenen Präsidenten kämpfen und gegen den Vize-Präsidenten, der eine lesbische Tochter hat, vor vier Jahren noch Toleranz predigte und jetzt seinen Chef bei der Verfassungsänderung unterstützt. Eine Million Dollar haben die Log Cabin Republicans binnen weniger Tage gesammelt, um Bush mit der Werbekampagne dort zu treffen, wo es ihm weh tut, in den so genannten "battleground states". Dort war bei der vergangenen Wahl die Mehrheit hauchdünn, und auch dieses Mal dürfte dort die Präsidentschaft entschieden werden: Florida, Minnesota, Missouri, New Hampshire, New Mexico, Ohio und Wisconsin. George Bushs Strategen hatten sich die Sache ganz anders vorgestellt. Rund vier Millionen christliche Fundamentalisten waren bei der Wahl im Jahre 2000 zu Hause geblieben, weil ihnen George Bush nicht den Weg ins Wahllokal wert zu sein schien. Die müsse man diesmal mobilisieren, und zwar durch einen kleinen Kulturkampf um die heilige Institution der Ehe. Deren Kern werde durch die Sünde der Schwulen-Ehe ausgehöhlt. So entschloss sich der Präsident, eine Initiative verschiedener ultrakonservativer und fundamentalistischer Gruppen zu unterstützen. Danach würde die Verfassung so geändert, dass die Ehe Mann und Frau vorbehalten bleibt. Rund um die Ehe soll die Republikanische Partei im Wahljahr mobilisiert werden. Das erschien den Strategen vielversprechender als ein Wahlkampf um den Irak-Krieg.Doch nun kommt alles anders als gedacht. Jetzt erwacht auch der Widerstand. Vielleicht sind die Wahlkampfplaner selbst jener Karikatur aufgesessen, wonach Amerika ein Land frömmelnder Kreuzritter ist. Tatsächlich aber sind die Menschen auf diesem riesigen Kontinent leidlich tolerant, auch die Republikaner. Und deshalb zeigt sich in den jüngsten Umfragen, dass Bushs Vorstoß dessen eigene Position geschwächt hat. 53 Prozent der Amerikaner sind nun gegen die Verfassungsänderung, acht Prozentpunkte mehr als noch vor knapp einem Monat. 51 Prozent befürworten jetzt die (von Bush gleichfalls abgelehnten) gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften, die Homosexuellen gleiche Rechte wie Ehepartnern garantieren, aber auf den christlich geprägten Begriff der Ehe verzichten. Das sind sechs Prozentpunkte mehr als vor Monatsfrist. Diese Daten offenbaren, dass ein Kulturkampf nicht so einfach zu entfachen ist wie angenommen. Noch vor einem Jahr schienen die Civil Unions , also die gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften, manchem wie ein Anschlag auf das Wertefundament Amerikas. Heute, so schreibt der Boston Globe, sind Civil Unions "die konservativere Alternative zur Schwulen-Ehe". Staatlich sanktionierte Lebensgemeinschaften werden plötzlich jenen als Kompromiss akzeptabel, die Bushs radikalen Schritt der Verfassungsänderung ablehnen. Unter Homosexuellen hat die Debatte um eine Verfassungsänderung zu einer Radikalisierung geführt. Denn mochte man sich vor kurzem noch mit gleichen Rechten unter anderem Namen zufrieden geben, zwingt George Bush dazu, nun für vollständige Rechts- und Namensgleichheit von gleichgeschlechtlichen Partnern zu kämpfen. Auf manchen Websites wird schon gewitzelt, die Schwulen würden George Bush eines Tages ein Denkmal setzen. Seine kulturkonservative Attacke werde am Ende der Auslöser zur Durchsetzung der Schwulen-Ehe sein. Innerhalb der Republikanischen Partei hat George Bush die Moderaten auf den Plan gerufen. Sie versuchen, sich – sogar im Wahljahr – zu distanzieren. Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger ließ wissen, er habe "keine Verwendung" für eine Verfassungsänderung. New Yorks konservativer Bürgermeister Michael Bloomberg deutete an, er wolle New Yorks Gesetz geändert sehen, damit es künftig Civil Unions gebe. Rund ein Viertel aller Homosexuellen votierten im Jahr 2000 für George Bush. Von diesem Stimmenblock dürfte bei der Wahl im Herbst nicht viel übrig bleiben. Das war den Strategen klar, als Bush mit seinem Vorschlag vor die Kameras trat. Aber mit einem Aufstand und einer innerparteilichen Werbekampagne gegen den Präsidenten hatten sie nicht gerechnet. Ein Alptraum für Wahlkämpfer wäre es, wenn die homosexuellen Republikaner den Parteitag im Sommer als Bühne nutzten und dort gegen den Präsidenten der Intoleranz und der Diskriminierung agitierten. Genau das haben einige Log Cabin Republicans nun vor.