Am Abend der spannungslosen Präsidentschaftswahl hätte der Kreml fast doch noch überraschend Feuer gefangen. 50 Meter hoch loderten die Flammen jenseits der roten Mauerzinnen und schickten schwarze Rauchwolken wie zu napoleonischen Kriegszeiten in den Nachthimmel. Die fast zweihundert Jahre alte Manege-Ausstellungshalle am Kreml brannte ab, während Russland Stimmzettel zählte. Wladimir Putin wurde in seiner Rolle als Stabilisator erwartungsgemäß mit großer Mehrheit bestätigt. Doch der Widerschein der Flammen des einstürzenden Manege-Daches zuckte wie ein Menetekel über die Kremlmauer.Am Nachmittag des Wahltages hatte Putin die russische Boxermannschaft in ihrem Trainingsquartier nahe Moskau besucht. Er übte Links- und Rechtshaken und verkündete bei einem Tee den Sportlern präsidiale Weisheiten: "Man darf nie Angst haben zu verlieren." Er hatte leicht reden. In den vergangenen vier Jahren ist es Putin nach eigenem Regelwerk gelungen, die politische Opposition in die Seile zu drängen.Seinen Sieg stellten endgültig die staatskontrollierten Medien sicher: "Wenn man die letzten Wahlen unehrlich nennen konnte, so sind diese gar nicht mehr als Wahlen zu bezeichnen", resümierte der Generalsekretär der Moskauer Journalisten-Union. Unabhängige Untersuchungen ergaben, dass Putin während des Wahlkampfes zu 70 Prozent die Nachrichten und zu fast 100 Prozent die analytischen Fernsehprogramme dominierte.Die größte Sorge des Kremls galt schon lange der Wahlbeteiligung: Mindestens die Hälfte der Wähler musste für ein gültiges Ergebnis zur Urne kommen. So hatten die Regionalfürsten informell den Auftrag erhalten, ihr Gebietsvolk entsprechend aufzuklären oder anzulocken.In den Nahverkehrszügen rund um Tambow behelligten die Zugführer ihre Fahrgäste mit der befehlsgleichen Aufforderung, zur Wahl zu gehen. In Omsk machten Wurstbrote zum Dumpingpreis von vier Cent und flaschenweise Billigbier dem Begriff des Wahllokals alle Ehre. Lotterien versprachen Geldgewinne, Rentner erhielten hinter der Wahlkabine Gutscheine für den Friseurbesuch. In einer Moskauer psychiatrischen Klinik wurde den Patienten ihr Wahlformular bereits ausgefüllt überreicht – mit einem Kreuzchen hinter Putin. Die Übererfüllung der Moskauer Wünsche ging in sowjetischer Tradition so weit, dass durchorganisierte Republiken wie Inguschetien, Tatarstan und Baschkirien diktatorengerechte Wahlergebnisse von mehr als 97 Prozent für Putin meldeten.Doch Betrug und Wahlkampfraffinessen spielten diesmal letztlich keine bedeutsame Rolle: Die Mehrheit der Wähler wünscht sich Putin als Präsidenten. Sie hat sich von den Errungenschaften der so genannten demokratischen Phase und ihrem kapitalistischen Haifischbecken abgewandt auf der Suche nach sozialer Sicherheit. Sie sehnt sich nach einem starken Staat, der international als Großmacht respektiert wird, und tritt dafür individuelle Freiheitsrechte ab. Dabei offenbaren viele Russen vor den Augen irritierter Soziologen geradezu schizophrene Züge: Zwar stimmen nur 16 Prozent mit der Politik Putins vollständig überein.Doch für mehr als 70 Prozent bleibt er der einzige Hoffnungsträger und thront über allen Enttäuschungen. Für seine zweite Amtszeit hat der Präsident ein Mandat der faktischen Allmacht erworben. Doch wofür genau er steht, bleibt unklar. Putin erinnert wie sein neuer Premierminister Michail Fradkow an einen Spiegel, in dem jeder erblicken kann, was er sehen möchte: ein Stück Reformeifer, einen Schuss Militarismus, eine Prise Liberalität oder auch manches Pfund Geheimdienstregime. Noch ist nicht abzusehen, welches Modernisierungsprojekt der selbst ernannte Reformer auswählen wird.Der autoritäre Weg betont die Staatskontrolle über Gesellschaft und Wirtschaft. Das neoliberale Modell möchte den Markt vom Staatseinfluss befreien. Die Verfechter beider Modelle in der Kremlverwaltung entsprechen nicht dem Idealbild westeuropäischer Demokratieexporteure. "Auch unsere Liberalen sind vor allem Vertreter der Idee des starken Staates", erklärt der Soziologe Lew Gudkow vom "Analytischen Zentrum Jurij Lewada". "Sie wollen ihn nur mit den Mitteln des freien Marktes zurückerobern. Von einer liberalen Bürgergesellschaft und den Menschenrechten ist da kaum die Rede." Alle Machtgruppen im Kreml tendieren dazu, der Bevölkerung Mitsprache nur in Zustimmungsritualen wie der Wahl am Sonntag zu gewähren.Zwar hat Putin noch in der Wahlnacht Reformeifer und die Stärkung der demokratischen Institutionen und der Zivilgesellschaft angekündigt. Doch diese für den Westen wohlklingenden Worte können wieder der Putinschen Dialektik entstammen, die ihn gerne – je nach Zuhörerschaft und taktischer Gefechtslage – gegensätzliche Positionen und Versprechen ohne Folgen verkünden lässt.Im Wahlkampf hatte Putin die Bedeutung eines "zivilisierten politischen Wettbewerbs" hervorgehoben und dann jede Teilnahme an den Fernsehdebatten mit den anderen Kandidaten verweigert. In seiner letzten Rede zur Nation hatte der Staatschef angekündigt, die neue Regierung müsse die Mehrheitsverhältnisse im Parlament widerspiegeln. Doch vor einer Woche präsentierte sich die Regierung als ein Technokratenkabinett fast ohne Vertreter der Duma-Parteien. Die als Wahltrumpf ausgerufene Verwaltungsreform führte zwar zur Streichung von 13 Ministerien. Doch an ihre Stelle trat eine Vielzahl von neuen Staatsagenturen, auf deren Führungsplätzen sich der Großteil der entlassenen Minister wieder behaglich einrichten durfte.Putin hat am Sonntag den Zenit seiner Macht erreicht. In den ersten vier Jahren seiner Präsidentschaft errichtete er ein System, das autoritäre Züge mit Großmachtgeste und wirtschaftlichen Reformen mischt. Sein Führungsverständnis zeigt sich traditionell: eine fast unbegrenzte personifizierte Macht, die auf dem Stützpfeiler der Staatsbürokratie, auf Zentralisierung und Unterordnung beruht. Es ist ein System der Machtsicherung, nicht der Modernisierung.Wenn die Hoffnung auf einen Putin, der eigenhändig die steigenden Preise für Brot und Gas nach unten schraubt und den Oligarchen wie ein Drachentöter nachstellt, enttäuscht wird, kann sich die Stimmung in der Bevölkerung schnell ändern. "Im Kreml herrscht jetzt ein Gefühl der Euphorie", konstatiert der Politologe Andrej Rjabow vom Moskauer Carnegie Zentrum. "Sie glauben dort, wie Zaubermeister im Zirkus alles zu vermögen. Aber sie beginnen bereits zu verlieren."Rjabow beobachtet seit kurzem das Auftauchen von Putin-Witzen. "Das ist ein ernstes kulturelles Phänomen, denn es zeigt, dass die Bevölkerung zwischen Wirklichkeit und der vorgegebenen Realität unterscheidet.Der neueste Witz lautet: Präsident Putin hat einen Ukas unterzeichnet, der alle Tage, an denen kein U-Boot sinkt, kein Gebäude abbrennt oder einstürzt und kein Dorf überschwemmt wird, zum russischen Nationalfeiertag erklärt. Der Funkenflug des Manege-Feuers konnte dem Kreml nichts anhaben. Aber gemäß dem Witz war der Tag der Präsidentenwahl Putins für Russland kein Feiertag.