Washington Nun soll sich John Kerry also entschuldigen. Weil er sagte, was man nicht sagen darf, jedenfalls nicht öffentlich. Kerry wollte es auch gar nicht öffentlich aussprechen, hatte aber vergessen, dass er ein Mikrophon am Körper trug. Es ist einer dieser kleinen Fehler, die im Wahlkampf Folgen haben können. Was hat er also behauptet? Nun ja, dass seine Gegner von den Republikanern "der größte Haufen Lügner und Betrüger" seien, die er "je gesehen" habe. So etwas gehört sich nicht. Ganz sicher nicht. Dass John Kerry so spricht, ist trauriges Merkmal dieses Wahlkampfes. Noch nie zuvor wurde ein Kampf ums Weiße Haus so früh so hart geführt. Noch acht Monate sind es bis zum Urnengang, aber schon überziehen sich die beiden Bewerber mit persönlichen Attacken, gerne unterhalb der Gürtellinie.Zum Beispiel die Werbekampagne, die George Bush diese Woche im Fernsehen gestartet hat. Da behauptet der Präsident, John Kerry habe während der ersten 100 Tage im Amt vor, "die Steuern um 900 Milliarden Dollar zu erhöhen". Stimmt das? Natürlich nicht. Kerry will die Steuern für den Durchschnittsverdiener sogar weiter senken. Aber er will Bushs Steuersenkungen für die Großverdiener rückgängig machen, also für jene Bürger, die mehr als 200.000 Dollar im Jahr verdienen. Und er will Steuerschlupflöcher für Firmen schließen, die sich der Besteuerung entziehen. Hat die Bush-Kampagne also gelogen? Kommt auf die Definition an. Bushs Leute verteidigen sich damit, dass Kerry sich zu diversen neuen Staatsausgaben schon verpflichtet und zudem versprochen habe, das Haushaltsdefizit nicht weiter anschwellen zu lassen. Er müsse also die Steuer erhöhen, damit seine Versprechungen finanzierbar seien. Es handelt sich also um eine großzügige Annahme Bushs, nicht gedeckt von irgendeiner Behauptung Kerrys.Beispiel zwei: In einer Wahlkampfrede hat Präsident Bush soeben behauptet, John Kerry habe 1995 als Senator die Geheimdienste "entkernen" wollen. Er habe nämlich vorgeschlagen, deren Budget binnen eines Jahrfünfts um 1,5 Milliarden Dollar zu senken. Der Vorschlag sei "so unverantwortlich" gewesen, dass er im Senat ohne jede Unterstützung geblieben sei. Auch diese Behauptung ist weit hergeholt. Richtig ist: Kerry war für die Kürzung, aber sie hätte die Dienste nicht "entkernt". Der Kürzungsvorschlag hätte den Diensten ein Prozent ihres Haushalts entzogen. Kurz vor der Abstimmung war herausgekommen, dass einer der Dienste heimlich Haushaltsmittel in Höhe von fast 1,7 Milliarden Dollar gehortet hatte. Die Kürzung sollte wegnehmen, was bei den Geheimen übrig geblieben und heimlich gespart worden war. Tatsächlich fand sich für diesen Vorschlag keine Unterstützung. Kerry zog ihn zurück. Denn die republikanische Mehrheit wollte noch mehr kürzen, genau 3,8 Milliarden Dollar. Diesem Vorschlag der Republikaner schloss Kerry sich an. Bush hätte also, um bei der Wahrheit zu bleiben, sagen müssen: wenn Kerry kürzt, ist das verantwortungslos. Wenn Republikaner mehr kürzen, ist das hingegen verantwortungsvoll. Ginge es nicht um die Macht im mächtigsten Land der Welt, wäre das alles irgendwie amüsant. So aber ist es bizarr und auch ein bisschen traurig. Ist John Kerry also Opfer einer unfairen Kampagne, auf die er ungeschickt reagiert? So einfach lässt sich die Schuld nun auch wieder nicht zuordnen. Kerry spielt seinen Part im Drama. Da behauptete er etwa in Florida, er habe ausländische Spitzenpolitiker "getroffen", die ihn "angeguckt" und ihm gesagt hätten, was sie öffentlich nicht behaupten dürften: "Sie müssen diese Wahl unbedingt gewinnen, wir brauchen einfach eine neue politische Ausrichtung." Vorstellbar ist das gewiss. Solche Staatsmänner könnten aus Europa stammen. Aber stimmt es auch? Die konservative Washington Times hat die Sache geprüft. Das war leicht. Denn seit Kerry im vergangenen Jahr ankündigte, er wolle Präsident werden, ist er ein Mann im Rampenlicht. Kein Tag vergeht, ohne dass Journalisten jede Bewegung protokollierten. Der Reporter der Washington Times hat jedenfalls keine Berichte über Begegnungen mit ausländischen Regierungschefs im Archiv finden können. Und Berichte über Auslandsreisen Kerrys erst recht nicht. Kerry weigert sich, seine Äußerung zu erklären. Besonders gravierend ist diese Episode nicht. Aber sie zeigt doch, wie assoziativ auch Kerry mit den Fakten umgeht. Und bevor die Demokraten sich über die "republikanische Angriffsmaschine" beschweren, sollten sie sich ihrer eigenen Rambo-Auftritte erinnern. Die Schlacht begann nämlich, als der Parteichef behauptete, George Bush sei während des Vietnamkrieges ein "Drückeberger" gewesen. Inzwischen handelt es sich nicht mehr um einen Wahlkampf, sondern um einen Wahlkrieg.