Das sensationelle spanische Wahlergebnis vom 14. März ist eine der größten Überraschungen der jüngeren europäischen Demokratiegeschichte. Ein derartiger Umsturz innerhalb der bestehenden Parteienlandschaft – also ohne das folgenreiche Auftreten neuer Parteien wie beispielsweise der Rechtspopulisten in Holland, Österreich oder der Schweiz – hat es unter den Bedingungen des kontinentalen Verhältniswahlrechts lange nicht gegeben. Die Sozialistische Arbeiterpartei (PSOE) unter ihrem jungenhaften Vorsitzenden José Luis Rodríguez Zapatero wurde mit einem Zuwachs von fast neun Prozentpunkten stärkste Partei (42 Prozent). Aznars Volkspartei, der Partido Popular (PP), verlor sieben Prozentpunkte (37,6). Besonders gedemütigt wurde der PP in Katalonien, wo die Partei hinter die katalonischen Sozialisten (PSC) und die beiden wichtigsten Regionalparteien auf den 4. Platz abstürzte. In den am selben Tag stattfindenden Regionalwahlen in Andalusien holten die Sozialisten außerdem die absolute Mehrheit. Die Wahlbeteiligung lag mit 77 Prozent auf dem Niveau der Wahl von 1996: Damals hatte der PP mit dem Kandidaten Aznar bei dessen drittem Anlauf die PSOE aus der Regierung gedrängt.Manche verglichen noch in der Wahlnacht vom Sonntag den Linksrutsch nach acht Jahren PP-Regierung mit dem Rechtsruck vor acht Jahren: Korruptionsaffären der Sozialisten und eine Auseinandersetzung um den sogenannten "schmutzigen Krieg" der Gonzalez-Regierung gegen die Eta hatten die bis dahin starke Stellung der wirtschaftlich erfolgreichen Sozialisten geschwächt.Dieses Mal stand ebenfalls eine Regierung zur Wahl, deren wirtschaftspolitische Bilanz sich trotz einiger Einschränkungen eigentlich sehen lassen konnte. Ihre Wiederwahl zumindest mit relativer Mehrheit galt als ausgemachte Sache, trotz des beabsichtigten Wechsels an der Spitze. Der künftige erste Mann, der Galizier Mariano Rajoy, galt als vertrauenswürdig und schien wie der sichere Sieger. Dann aber kam der 11. März , Spaniens "Ground Zero", der Terroranschlag auf die Bahnhöfe in Madrid – und nichts galt mehr.Es war aber nicht das terroristische Massaker selbst, das die Regierung des stets demonstrativ selbstbewussten und unerschütterlichen Ministerpräsidenten José María Aznar die Mehrheit gekostet hat. Die Sache ist komplizierter. Entschieden wurde die Wahl in den 48 Stunden nach dem grausamen Massaker. Dabei gab den Ausschlag die ignorante und arrogante Art, in der die Regierenden, von Aznar über die Außenministerin bis zum Staatsfernsehen, sich bemühten, ihre Lesart der Tat brachial durchzusetzen. Jede andere Vermutung über die Attentäter als die, dass es sich um baskische Terroristen gehandelt habe, sollte unterbunden werden. Die arabisch-islamistische Spur war tabu. Auf die Eta kam es an, denn dieses Thema ließ sich besser auf die Wahlkampfmühlen der Regierung lenken. Und so sollten die spanischen Journalisten – aber auch viele Korrespondenten der Auslandspresse – auf die Eta-Täter-Version vergattert werden. Die spanischen Botschaften im Ausland wurden auf diese Sprachregelung festgelegt, wobei einem der spanische Botschafter in Berlin einem richtig leid tun konnte, wie er sich da in seinen Auftritten im Fernsehen mit dieser blassen Vorgabe aus Madrid abstrampelte. Und schließlich war es wieder einmal der Regierungschef selbst, der die öffentliche Meinung nach seinem Wunsch zu formen versuchte, wie immer von oben herab, kurz angebunden und belehrend, ein Mann im Vollbesitz der Wahrheit.Das aber war dies eine Mal zu dick aufgetragen. An diesem 14. März kochte die Volkswut über. Man hatte genug von der Schönrederei der Regierung. Als nun der berechtigte Eindruck entstand, Aznar und die PP wollten die öffentliche Meinung abermals manipulieren, ähnlich wie seinerzeit, als sie gemeinsam mit Bush und Blair die Legende von den Massenvernichtungswaffen des Irak verbreiteten, um damit den eilbedürftigen Kriegseintritt Spaniens zu legitimieren, trug der Zorn mit einem Mal Früchte.Vor einem Jahr noch war der massive Protest der Spanier gegen den Irakkrieg in den Regionalwahlen ohne Wirkung geblieben. Der Protest ist verpufft, hieß es damals. Die spanische Rechtsregierung spottete über die Fehlkalkulation der linken Opposition. Und die Kriegsgegner waren frustriert. Einer ihrer wenigen Helden und Hoffnungsträger war damals übrigens der deutsche Kanzler (der sich für diese Zuwendung und Zuneigung allerdings, wie man weiß, im fernen Deutschland nichts kaufen kann).Nun, in der Aufarbeitung von 11-M – das spanische Kürzel für das Schreckensdatum 11. März – wurde Aznars kritiklose Vasallenpolitik an Amerikas Seite plötzlich zum Politikum. Das Votum vom Sonntag wirkt wie ein verspäteter Wutausbruch: Jetzt reicht’s! Basta ya! Als Aznar und der Mann, der ihm nachfolgen sollte, Mariano Rajoy, am Sonntag in ihre Wahllokale kamen, wurden sie von empörten Wählern ausgebuht und ausgepfiffen. Man sah ihnen an, wie ihnen, den bisher so Selbstgewissen, dies unter die Haut ging. Es war, als ahnten sie, was am Abend die Auszählung bringen würde: Den überraschendsten Machtwechsel zumindest in der jungen und wechselhaften Geschichte der spanischen Demokratie. Eine Art Reifezeugnis.Zum Wahlergebnis