Revolution von 1848 Amazone der Freiheit
Das Leben der Emma Herwegh - Republikanerin, Kämpferin, große Liebende. Und für eine Nacht des Jahres 1848 die erste Heerführerin der deutschen Geschichte
Paris im Frühjahr 1893. Ein junger Mann, Schriftsteller aus Deutschland, eilt durch die Stadt, in die Rue des Saints-Pères No 40. Er hat die Adresse gerade erst bekommen, kann sich kaum vorstellen, dass die Frau, die er sucht, überhaupt noch lebt. Dass es sie überhaupt gibt, diese legendäre Gestalt, die einst, vor bald einem halben Jahrhundert, in Männerkleidern für Freiheit und soziale Gerechtigkeit das Leben wagte: Und durch Europa bahnen wir / der Freiheit eine Gasse!
Frank Wedekind, der junge Mann, findet die alte Dame, Emma Herwegh, gesund und heiter in der Straße der heiligen Väter. Sie gibt ihm Sprachunterricht, lektoriert sein Stück Die Büchse der Pandora, prüft die französischen Passagen. Sie erkennt sofort sein außergewöhnliches Talent. Die 76-Jährige bemuttert und berät den 28-Jährigen, verwöhnt ihn mit Datteln, Marzipan, mit Rum und Zigaretten. Auf dem Sofa der ärmlichen Mansardenwohnung entwickelt sich eine merkwürdig schöne Vertrautheit, oft geht der Blick zurück.
Früh war sie eine Persönlichkeit, die junge Emma Siegmund, geboren am 10. Mai 1817 als Tochter des Berliner Seidenwarenhändlers und Hoflieferanten Johann Gottfried Siegmund, und eine der begehrtesten Partien der Stadt. Charmant, umfassend gebildet, nicht zuletzt ausgestattet mit einer üppigen Mitgift. Von akademischen Lehrern privat erzogen, beherrschte sie sieben Sprachen, musizierte, zeichnete, schrieb Gedichte. Die Familie wohnte vis-à-vis dem Schloss, führte einen glänzenden Salon - wenn Emma Schnupfen hatte, kam der Leibarzt des Königs. Was sie keineswegs hinderte, den bornierten Nachbarn von Herzen zu hassen. Beim Bogenschießen im Park, berichteten Vertraute, habe sie am liebsten auf Abbilder des Preußenkönigs oder des russischen Zaren gezielt: in tyrannos - gegen die Unterdrücker der deutschen und der polnischen Freiheit.
Emma ritt wie der Teufel, schoss mit Pistolen, schwamm bei Mondschein in Flüssen und Seen, turnte, rauchte. Sie besuchte die rapide wachsenden Elendsviertel Berlins und betreute Polens Freiheitskämpfer im preußischen Gefängnis. In ihren eigenen Kreisen fühlte sie sich kaum noch zu Hause. Sie bekam Wutanfälle, schmiss Türen, mischte sich in die Gespräche der Offiziere und Minister. Machte ironische Bemerkungen. Vergraulte die Bewerber. In ihren Tagebüchern lässt sie ihrem Hohn über das Berliner Männermaterial freien Lauf: Beamtenseelen, Philister, liberales Pack, fahle Brut, Hofschranzen, Speichellecker. Nur ein Künstler oder Freiheitskämpfer kam für sie als Gefährte in Betracht. Ein Zurück hinter die Tage der Französischen Revolution konnte sie sich nicht vorstellen.
Und wo es noch Tyrannen gibt, die laßt uns keck erfassen! / Wir haben lang genug geliebt, wir wollen endlich hassen! Als Emma Siegmund 1841 diese Verse zum ersten Mal las, habe sie es sofort gespürt und vor der Familie ausgerufen: Das ist die Antwort auf meine Seele! Dabei wusste sie damals so gut wie nichts über den Verfasser, nicht, wie er aussah, nicht einmal seinen Namen. Denn das Bändchen, das in ganz Deutschland Furore machte wie kein Werk seit Schillers Räubern, war anonym erschienen: Gedichte eines Lebendigen.
Erst nach und nach sickerte durch, dass er Schwabe sei, im Schweizer Exil leben müsse, da er sich als Rekrut geweigert habe, Loblieder auf den König zu singen und im Stuttgarter Opernhaus württembergische Uniformen zu grüßen.
Mit Ferdinand Lassalle plant sie die Erstürmung des Vatikans
Rasend schnell hatte sich dieser Namenlose einen Namen gemacht. Unerhört waren seine Töne: Reißt die Kreuze aus der Erden, / alle sollen Schwerter werden! Obgleich die Gedichte sofort verboten waren, ließen sie den 24-jährigen Georg Herwegh im Nu zum erfolgreichsten Lyriker seiner Zeit werden - man schmuggelte sie ein, verkaufte sie unterm Ladentisch, sie wurden abgeschrieben, auswendig gelernt, gesungen. Theodor Fontane, Gottfried Keller und Karl Marx, alle im selben Alter wie der Dichter, gehörten zu seinen begeisterten Lesern. Seine größte Bewunderin freilich war Emma Siegmund.
Unter dem Vorwand, unbedingt ein Porträt von ihm zeichnen zu müssen, setzte sie alles daran, ihren Papiergeliebten nach Berlin zu locken.
50 Jahre später in Paris - die Mansarde ist wie ein kleines Herwegh-Museum eingerichtet. Berühmte Gestalten blicken aus goldenen Rahmen auf Wedekind herab: Victor Hugo, Friedrich Hecker, Garibaldi, Franz Liszt, Feuerbach, Fanny Lewald, George Sand, Marie d'Agoult - nahezu das ganze Jahrhundert ist versammelt. Nur Marx, Heine und die (späteren) Intimfeinde Herzen und Wagner müssen in der Schublade bleiben.
- Datum 18.03.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 13/2004
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