Schulbus Schulbus mit Vandalenbremse

Schüler durften einen Wunschbus entwickeln. In ihm herrschen weniger Angst und Zerstörungswut

Wenn der Beförderungsauftrag erledigt ist, sieht das Transportmittel alt aus. Der Boden mit Papier und Leergut bedeckt, die Polster aufgeschnitten, die Wände mit wasserfestem Edding dekoriert. Und die Scheiben haben durch dichte Kratzer ihre Transparenz verloren. Auch das Transportgut wurde ramponiert. Der Schaden hat einen wissenschaftlichen Namen: „Schulbusphänomen“.

Längst muss der Schulbus, so meinen Eltern, Lehrer und vor allem Busunternehmer, als rechtsfreier Raum zwischen Zuhause und Schule gelten. Vandalismus und aggressives Verhalten bis hin zu manifestem Mobbing sind Erscheinungen, von denen vor allem Busfahrer zu berichten wissen.

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Der Busunternehmer Lutz König befördert Schüler in und um Bad Langensalza (bei Gotha). Wenn König seinen Alltag schildert, wird er zum Kriegsberichterstatter: „Rädelsführer beherrschen den Bus, schikanieren, treten und verprügeln die Kleinen, werfen Bierflaschen auf Autos.“ Mützen werden geklaut, Schultaschen ausgeschüttet, Schwächere vom Sitz vertrieben oder am Aussteigen gehindert. Der Fahrer als Autorität kann sich bestenfalls noch bei den Kleinsten, den Grundschülern, durchsetzen. Ansonsten ist das sichere Chauffieren Job genug. Gelegentliches Herumbrüllen oder plötzliche Vollbremsungen demonstrieren den 40 bis 50 überaus vitalen Kindern in seinem Rücken lediglich Hilflosigkeit.

Überall im Land werden inzwischen außergewöhnliche Schritte erprobt. In Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein werden Schüler zu Fahrzeugbegleitern, „Bus-Engeln“ oder „Bus-Guides“ ausgebildet. In Bayern gibt es Polizeirazzien in Schulbussen. 17 Prozent der bayerischen Schulbusbetriebe, das hat 2002 eine Umfrage des Landesverbandes der Busunternehmen ergeben, setzen Videoanlagen zur Kontrolle der Schüler ein.

Doch zu Überwachung und Strafe, den klassischen Bekämpfungsmethoden des Vandalismus, gibt es Alternativen. Sie befassen sich mit den Verhältnissen, die an der Stimmung im Bus nicht ganz unschuldig sind, mit dem beinahe trivialen Zusammenhang zwischen der gestalteten Umwelt und den Menschen. Eine schöne Schule beugt jugendlicher Zerstörungswut vor. Von Kindern bemalte Schulbusse und Straßenbahnen wirken auf Grafitti-Künstler und Polsterschlitzer weniger einladend. Wohnlich gestaltete Parkhäuser machen weniger Angst und weniger aggressiv. Seit sie opulent mit zeitgenössischer Kunst geschmückt wurden, sind die U-Bahnhöfe Lissabons wesentlich weniger verschmutzt als früher. Manchmal fördern auch technische Details die Aggressionsabfuhr. Die Deutsche Bahn zum Beispiel installiert keine waagerechten Haltestangen mehr in ihren Zügen. Denn diese verführten dazu, sich dranzuhängen, zu schaukeln, gar Fenster einzutreten.

Mit der Idee vom vandalismussicheren Bus im Kopf starteten im Jahr 2000 Thüringer Studenten, Schüler und der Busunternehmer König mit Unterstützung der Landesregierung das Projekt „Schülergerechter Bus“. Ein neuer Schulbus sollte her, nach den Bedürfnissen der Passagiere entwickelt. Dazu wurden Schüler nach ihren Wünschen befragt. Diese deckten sich überraschenderweise mit denen des Unternehmers: Sauberkeit, keine kaputten Sitze, keine klebenden Kaugummis. Darüber hinaus wünschten sich vor allem die Größeren eine Art Kommunikationsraum, eine Ecke im Bus, wo man reden, zusammen sitzen oder stehen kann. Möglichst auch eine Kuschelecke. Die Kleinen wollten lieber nah beim Fahrer sitzen und niemand hinter sich sitzen haben. Weiter auf der Wunschliste: Schränke für Schultaschen. Fernseher, ein Colaautomat. Mit Ingenieuren des Busherstellers Neoplan konzipierten die Schüler ihren Wunschbus. Sie lernten viel über das Verhältnis von Wunsch und technischer Machbarkeit. Am Ende rollten zwei Prototypen vom Stuttgarter Band.

Seit einem Jahr kurven nun die beiden schülergerechten Busse durchs Langensalzaer Umland. Sie heißen nach ihrem Außenanstrich Dschungelbus (mit Dschungelmotiven) und Nationenbus (mit Kindern unterschiedlicher Hautfarbe bemalt). Die Kuschelecken sind ausgefallen, auch Schränke und Getränkeautomaten. Immerhin: Hinten sitzt man um einen großen Tisch herum. Und im Mittelbereich gruppiert man sich, locker an Wandpolster gelehnt, an hübschen kleinen Tischen. Wer müde wird, klappt sich einen Stuhl aus der Buswand. Über den Köpfen schweben Monitore. So kann der Landesjugendring zum Beispiel Veranstaltungshinweise geben. Für Computerspiele gibt es abschließbare Joysticks. Und wer eine Meinung hat, kann sie statt auf Sitzen auf einer kleinen Litfaßsäule kundtun.

Die neuen Busse sind zehn Prozent teurer als Serienfahrzeuge und haben etwa zehn Sitzplätze weniger. Ob sie sich rechnen, ist eine Frage der Vandalismusquote. Dass die Kinder „ihren“ Bus besser behandeln als die alten Schulbusse, glaubt Lutz König schon heute zu wissen. „Weil sich die Kinder mit den Bussen identifizieren“, sagt er. Die Vandalismusschäden seien um 70 Prozent zurückgegangen, schätzt der Busunternehmer.

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