die zeit: Herr Professor Lewis, Selbstmordattentate, religiöser Fanatismus, Aufruf zum Dschihad – vielen im Westen erscheint der Islam seit dem 11.September 2001 als eine aggressive Religion, einigen sogar als ein Synonym für Terrorismus…

Bernard Lewis: Das ist eine völlig falsche Vorstellung. Ganz im Gegenteil, wenn wir uns die Hauptströmungen des Islams ansehen, ist der Terror sogar ausdrücklich verboten – und das gilt auch für den Selbstmord. Natürlich gibt es eine Doktrin vom Heiligen Krieg. Aber weil der Heilige Krieg gesetzlich verpflichtenden Charakter für alle Muslime hat, ist er auch nach dem islamischen Recht genau geregelt. Wie man Feindseligkeiten eröffnet, wie man sie durchführt und beendet, wie man Gefangene macht und wie man mit ihnen umgeht – all das ist genau festgelegt. Auch dass Kinder und alte Menschen in jedem Fall verschont werden müssen, ebenso Zivilisten. Sogar der mögliche Einsatz von chemischen Waffen (wie vergifteten Pfeilen) und ballistischen Geschossen (Katapulten) ist geregelt – fast so wie in einer vorweggenommenen Genfer Konvention. Und Selbstmordattentate sind für den Islam völlig unvorstellbar. Selbstmord ist die schlimmste Todsünde. Wer sich umbringt, wird dadurch bestraft, dass er bis in alle Ewigkeit den Moment seines Selbstmordes immer wieder erleben muss. Wenn die Attentäter wüssten, was sie erwartet, würden sie es nicht tun.

zeit: Dennoch gewinnt der religiöse Extremismus an Zulauf, zum Beispiel im Umkreis der saudischen Wahhabiten, auf die sich Osama bin Laden beruft…

Lewis: Die wahabitische Lehre ist eine völlig marginale Strömung aus Saudi-Arabien, die es erst in allerletzter Zeit durch das Zusammenspiel von Macht, Öl, Geld und Fundamentalismus zu einiger Berühmtheit gebracht hat. In der Geschichte des Islams spielt sie aber praktisch keine Rolle. Leider fällt sogar der Westen auf die Wahhabiten herein – aus bloßer Ahnungslosigkeit. In vielen Ländern wie Deutschland oder den USA liefern die Wahhabiten gratis Lehrbücher für den Religionsunterricht, die eine besonders radikale Version des Islams verbreiten. Wir haben also die völlig paradoxe Situation, dass Kinder in Hamburg oder in Kalifornien eine fanatischere und intolerantere Version des Islams gelehrt wird als irgendwo sonst in der islamischen Welt – außer in Saudi-Arabien.

zeit: Wirtschaftlich, politisch, aber auch kulturell fällt die arabische Welt immer weiter hinter den Westen zurück. Pro Jahr werden in sämtlichen arabischen Ländern nur 300 Bücher übersetzt. Und das Bruttosozialprodukt aller arabischen Staaten ist kleiner als dasjenige Spaniens

Lewis: Das Wichtige ist diese ungeheure Frustration von innen. Vor kurzem sagte ein iranischer Exilschriftsteller, der Nahe Osten sei das schwarze Loch zwischen dem fortgeschrittenen Westen und dem fortschreitenden Osten. Den Muslimen wird jeden Tag deutlicher, wie arm und elend ihre Situation ist. Es gibt inzwischen mehr als 250 Universitäten in den arabischen Ländern, die jedes Jahr viele ausgebildete Ingenieure entlassen. Aber wenn man einen Flughafen bauen will, dann holte man früher Amerikaner – jetzt holt man Koreaner. Die Koreaner lagen vor 50 Jahren noch ein Jahrtausend hinter dem Nahen Osten zurück.

zeit: Lassen sich verarmte Bevölkerungsschichten besonders leicht für den Terrorismus begeistern?