UMTS Fernsehen auf dem Handy
Die UMTS-Technik bedient vor allem den Spieltrieb
Das Netz der Netze ist da. Und kaum jemand hat es gemerkt. Das Universal Mobile Telecommunications System (UMTS) ist Anfang Februar von Anbietern wie Vodafone und Deutsche Telekom fast beiläufig in Betrieb genommen worden. Nichts ist mehr zu hören von den Schwärmereien über das sagenhafte System, das uns unterwegs mit Fernsehen und Multimedia beglücken sollte. Die Euphorie der frühen Jahre, die bei der Auktion der UMTS-Frequenzen die Preise allein für die deutschen Lizenzen auf wahnsinnige 50-Milliarden-Euro-Höhen schießen ließ und Firmen wie Mobilcom fast um die Existenz brachte, hat sich ins Gegenteil verkehrt: lieber keine Nachrichten über UMTS als noch eine schlechte Nachricht über UMTS.
Vieles, was das neue Mobilfunknetz braucht, fehlt noch. Abseits der Ballungsgebiete gibt es keinen Empfang. Nur in etwa 200 Städten, und dort häufig auch nur in der Innenstadt, ist ein UMTS-Signal vorhanden. Vernünftige Telefone sind Mangelware. Von Nokia gibt es das Modell 7600, fast quadratisch, fast praktisch und fast gut, doch für eine jugendliche Zielgruppe konzipiert, für die UMTS einfach noch viel zu teuer ist.
So ist es konsequent, wenn Vodafone bei der Vermarktung des neuen Netzes auf ein Stück Hardware setzt: eine schmucke rote Karte für den Laptop, die pro Sekunde 384 Kilobit an Daten transferiert – in der Stadt. Im Umland sind es 144 Kilobit, das ist immer noch schneller als im ISDN-Netz. Und draußen auf dem Lande gibt das Kärtchen bei fehlendem UMTS-Netz nicht einfach auf, sondern sendet mit dem zum alten Mobilfunknetz gehörenden Standard GPRS. Und wenn es eines der noch schnelleren drahtlosen WLANs entdeckt, nutzt es diese mit zwei Megabit pro Sekunde. So schnell ist die Karte, dass die Kollegen von der FAZ beim Test auf der Autobahn ins Jubeln gerieten: „Das japanische Auto hat mit 220 km/h seine Leistungsfähigkeit erreicht, nicht aber unser mobiler Internetzugang.“ Und bei der Handy-Fachzeitschrift Connect ging dem Tester die Fantasie vollends durch: „Mit den UMTS-Endgeräten in den jungen UMTS-Netzen surfen, das ist wie mit einem Erlkönig auf fast leerer Autobahn zu brausen.“
UMTS als Killerapplikation für notorische Linksdrängler, das hat noch wenig mit der schönen neuen mobilen Multimediawelt zu tun, die uns die Hersteller versprochen hatten. Vorerst wird für den, der es sich leisten kann, die mobile Welt einfach ein Stückchen schneller, wird es ein wenig leichter, das Büro huckepack an jedes Plätzchen der Erde mitzunehmen. Mussten dafür Milliarden investiert und das Land flächendeckend mit neuen Sendemasten überzogen werden?
Vielleicht findet der mobile Business-Mensch der Zukunft ja Gefallen an multimedialen Spielereien. Die Erfahrungen, die man heute in der Businessclass der Linienflieger machen kann, deutet darauf hin: Auf den Laptops sind seltener Excel-Tabellen, Projektpläne und Reisekostenabrechnungen zu sehen, sondern immer häufiger spannende Filme, oder es wird in der Hit-Sammlung auf der Festplatte gestöbert.
Diese entspannte Einstellung zum mobilen Büro vorausgesetzt, werden die Wunderdinge erst plausibel, die in Hannover Premiere haben. Zum Beispiel das V601N-Handy von NEC, das auf dem winzigen Bildschirm den Empfang von Fernsehprogrammen ermöglicht. In Japan, wo das V601N bislang ausschließlich vertrieben wird, wirbt NEC mit der Möglichkeit, unterwegs Businesskanäle wie CNN und Bloomberg-TV auf dem Kleinst-Display zu empfangen – auch wenn die Buchstaben der durchs Bild laufenden Börsenkurse nahezu unlesbar sind. Auch Nokia geht mit seinem neuen Communicator 9500 den Weg aller Spielerei. Bisher war das Klapp-Handy mit Terminkalender, E-Mail und Textverarbeitung ein Gerät fürs Geschäft, jetzt kann es Fotos knipsen und verschicken wie viele andere auch.
Zwar sind diese beiden Geräte noch nicht mit UMTS ausgestattet, doch dafür können sie – wie Vodafones Laptop-Superkarte – in drahtlosen WLAN-Netzwerken kommunizieren. Die dahinter steckende Idee kommt auf der Cebit noch bei anderen Herstellern zum Vorschein und trägt den Namen VoIP, Voice over IP: In einem Computernetz, das auf die Vermittlung von Datenpaketen optimiert ist, lässt es sich komfortabel (und billig) telefonieren, wenn die Sprache päckchenweise übers Internet verschickt werden kann. Dazu braucht es eine Rechnerleistung, wie sie auch beim Dekodieren von Multimedia-Inhalten benötigt wird.
- Datum 18.03.2004 - 13:00 Uhr
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- Serie cebit2004
- Quelle (c) DIE ZEIT 18.03.2004 Nr.13
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