Elite-Uni Der Weltgeist in Harvard
Die amerikanische Elite-Universität versammelt die Besten aller Länder und pflegt die Distanz zu Washington
Was bringt’s, Amerikaner zu sein – ohne den Kalten Krieg? – John Updike, „Rabbit“
Also, was genau geschah, als es den Big Bang, den Urknall gab vor 200 Milliarden Jahren? Und passierte es wirklich exakt zu diesem Zeitpunkt? Ein intelligenter Gesprächspartner, plaudert der Professor, habe ihm einmal gesagt: „Was, wenn Gott die Erde vor 650 Milliarden Jahren schuf, es aber so aussehen ließ, als sei sie erst vor 200 Milliarden Jahren entstanden?“ – „Wir beide“, sagt er, „haben herzlich gelacht.“ Damit beginnt es, mit ganz grundsätzlichen, großen Fragen.
Wie schaffen wir einen bewohnbaren Planeten? heißt eine Vorlesung am Science Center der Harvard University in Cambridge bei Boston. Naturwissenschaftler, nicht etwa Theologen skizzieren die Grundidee so: „Warum sind wir hier? Gibt es andere wie uns, die man andernorts finden könnte? Die Religion sagt uns, Gott habe uns geschaffen. Die Wissenschaft behauptet, der Schöpfer heiße Zufall. Weder Theologen noch Wissenschaftler sind ganz glücklich mit diesen banalen Antworten. Beide ringen um genauere Einsichten. Sind wir die einzigen Mündel Gottes, nur wir? Hat der Zufall an anderer Stelle auch erfolgreich gewirkt?“
Von einem „deutschen Harvard“ ist zurzeit die Rede, als ließe sich das einfach kopieren. Hier geht es um ein anderes Harvard, nicht um die Erziehungsinstitution mit ihren immensen Vorzügen und verborgenen Schattenseiten, sondern um den mentalen Mikrokosmos. Kaum angekommen, stellt sich das Gefühl wieder ein, vieles sei vertraut, auch geistesverwandt, offen, und auf den ersten Blick glaubt man, diese Welt der Aufklärung, der Kommunikation und der Differenziertheit zu kennen. Das Europäische an Amerika, das Amerikanische an Europa, hier kam es ja traditionell und geradezu idealtypisch zusammen in den Werken von Max Weber, Jacques Derrida und Walter Benjamin neben denen der amerikanischen Pragmatiker von John Dewey bis Richard Rorty. Nur sehr allmählich entschlüsselt sich, wie das kommt, dass man sich zu Hause und fremd zugleich fühlt.
Große Fragen stellen, die aber auch zeitgenössisch sind und vielleicht helfen, die „Schlagzeilen bei der Zeitungslektüre“ besser zu verstehen – nicht nur die Evolutionsbiologen halten es so, auch die Ökonomen oder die Moralphilosophen. Bei einem von ihnen, Michael Sandel, geht es um „Gerechtigkeit“. Ein Schiff ist gekentert, fünf Menschen haben sich in das Rettungsboot geflüchtet, sie leiden Hunger. Der Utilitarist Jeremy Bentham hat das Beispiel vor zwei Jahrhunderten durchgespielt. Einer der fünf Havarierten wird krank. Die Frage an das Auditorium lautet, ob der ohnehin Sterbenskranke getötet werden darf, damit vier überleben. Darf’s im Zweifel auch ein bisschen präemptiver Kannibalismus sein?
„Desperate times, desperate measures!“, verzweifelte Lagen erlauben verzweifelte Mittel, erwidert einer der Studenten spontan, einer von tausend, die im traditionsreichen Sanders-Theater der Vorlesung über Moral Values (moralische Werte) folgen. Was pragmatisch ist, ist gut. Der Zeitgeist fasst sich kürzer als Bentham.
Das religiöse Amerika im Dialog mit dem gottlosen Europa
- Datum 18.03.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 18.03.2004 Nr.13
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