Wenn Christen im Orient von ihrem Gott sprechen, sagen sie allah. Dieses arabische Wort ist das Äquivalent zum hebräischen el(ohim) und meint zweifellos denselben Gott. Vier Milliarden Menschen, Juden, Christen und Muslime in aller Welt, berufen sich auf Abraham und seine Bekehrung zum einen und einzigen Gott. Angesichts dessen kann man unsere gegenwärtige Art der Auseinandersetzung mit dem Islam nur als stümperhaft bezeichnen. Vor allem ist sie ängstlich. Der unselige Kopftuchstreit hängt ein Detail viel zu hoch, abgesehen davon, dass seine "Lösung" auf Dauer ein christliches Eigentor sein wird. Gerade weil die inneren Motive nicht am äußeren Tuch zu sehen sind, sind Trotzreaktionen der Muslime schon spürbar, und das Stichwort Berufsverbot hat eine unselige Vorgeschichte.

Tatsächlich gibt es eine große Tradition der Auseinandersetzung mit dem Islam. Das Mittelalter hat sie geführt mit Thomas von Aquins Summe gegen die Heiden, im 17. Jahrhundert gab es die großartige Koran-Ausgabe des gelehrten Mönchs Ludivico Marraccio mit dem Versuch der "internen Widerlegung". Zu dieser Auseinandersetzung müssen wir zurückfinden: An Stelle überlieferter Ängstlichkeit und untauglicher Versuche zur abschirmenden Bemutterung sollten die Christen eine klare und offensive Position gegenüber dem Islam gewinnen. Sie wird im Augenblick nur von ultrarechts her eingenommen und hat oft nicht mehr als Dämonisierung des Islams zum Inhalt. Die Mitte zwischen Verteufelung und blinder Sympathie zu finden ist die Aufgabe. Wenn es gut geht, wird die Auseinandersetzung mit dem Islam auch die Verständigung zwischen den christlichen Konfessionen voranbringen. Ein heillos zerstrittenes Christentum war schon im 8. Jahrhundert die große Chance des Islams.

Das gegenwärtig aufgebaute Szenario der Angst ist die falsche Reaktion. Wenn irgendetwas Indikator für den inneren Zustand unseres Volkes ist, dann die Mechanismen des Verbietens, Nichthinguckens und Nichtwahrhabenwollens. Wir haben über zwei Millionen Muslime im Land. Weggucken gilt nicht. Genau das aber praktizieren wir. Wenn ich Seminare anbiete mit dem Titel: "Bibel und Koran. Eine Klärung", kommt nahezu kein Student. "Nicht examensrelevant" ist die Antwort. Für welche Wirklichkeit studieren wir eigentlich?

Wir fürchten, islamische Kultur, Geburtenfreudigkeit und Glaubensstärke könnten uns gleich dreifach treffen. Unsere Situation erinnert an die der christlichen Länder Anatolien und Nordafrika im 7. und 8. Jahrhundert, als ein morsches Christentum einfach überrannt wurde. Auch der Schock von 1683 (Türken vor Wien) sitzt noch, besonders den Süddeutschen, in den Knochen. Eine harte Auseinandersetzung um unsere Identität kommt zu uns zurück. Wir können unsere Schwäche beschwören und hinter Verbote und scheinbare Schutzwälle flüchten. Wir werden dadurch nichts aufhalten. Unsere Versuchung ist die Neigung zu Wehleidigkeit und Leidensscheu.

Das biblische Erbe im Koran

Wer den Koran als Christ liest, wird zwiespältig reagieren. Einerseits ist die Nähe zu Judentum und Christentum unübersehbar. Auch der Koran sagt, Jesus sei der Messias und habe Gottes Geist; die Auffassungen von Maria sind nahezu identisch. Andererseits scheint das Gemeinsame irgendwie "heillos verdreht", fremdartig anders zu sein. Dieses Phänomen bei nachchristlichen Religionen gibt es nicht nur im Islam, sondern ähnlich bei Mormonen und Anthroposophen, so verschieden diese unter sich und gegenüber dem Islam sind.

Vielleicht kann man von dem Bemühen um eine christliche Ökumene etwas lernen für analoge Gespräche mit dem Islam. So sollte man dogmatische Streitgespräche vermeiden, denn zu Anfang wie zu Ende wird jeder Recht haben wollen. Vielmehr könnte die neuerliche Konfrontation des Christentums mit dem Islam dreierlei Konsequenzen haben: Erstens sollten die Christen ihre eigenen Hausaufgaben machen. Religiöse Unkenntnis, Zerstrittenheit und Kompliziertheit der Dogmatik waren die inneren Gründe, weshalb der Islam sich seinerzeit in christlichen Ländern durchsetzen konnte. Zweitens besteht für Christen durchaus Anlass, eigenes Gut im Islam zu entdecken und sich wieder anzueignen. Dazu gehört das tägliche wiederholte Gebet der Muslime. Es entstammt dem christlichen Stundengebet; noch immer läuten dreimal am Tag christliche Glocken zum "Engel des Herrn" oder zum Vaterunser. Viele Formen der moralischen Säkularisierung sind für Muslime mit Recht ein Ärgernis. Es ist die Frage, ob auf Dauer die Gleichgültigkeit gegenüber Wertvorstellungen uns selbst gut tut.

Drittens äußert sich der Koran positiv gegenüber Christen im Allgemeinen ("Die Gläubigen stehen den Nazarenern, das heißt den Christen, am freundlichsten gegenüber", Sure 5, 85) und gegenüber dem Mönchtum im Besonderen. Denn Mönche gelten als "nicht hochmütig" und könnten deshalb eine besondere Brücke zum Islam sein; sie waren es übrigens immer. Das vorislamische Christentum in Arabien war monastisch geprägt.