Wer Israelis in einheimische Filme locken will, muss überzeugende Argumente haben. Wie überall ist die Konkurrenz aus Hollywood groß, genauso wie der Wunsch, der vom Nahostkonflikt geprägten Realität wenigstens ein paar Stunden lang zu entkommen. Oft muss ein Werk erst im Ausland preisgekrönt werden, bevor man sich zu Hause dafür interessiert. Von den jährlich rund 15 Spielfilmen schaffen es überhaupt nur zwei bis drei in die Kinosäle, allenfalls einer mit Erfolg.

Die Mischung aus Skepsis und Eskapismus ist nicht weiter verwunderlich: Jahrelang besaß das eher pathetische, mit großen Gesten und aufgeladenen Themen arbeitende Kino von Amos Gitai ein auch internationales Monopol auf den israelischen Film. Es ist ein Kino, das sich explizit mit Kriegen (Kippur), den sozioreligiösen Verhältnissen (Kadosh) und Israels konfliktreicher Gründungsgeschichte (Kedma) beschäftigt.

Wie man auf Festivals zurzeit erkennen kann, befindet sich die isaraelische Filmlandschaft im Unbruch. Im Mittelpunkt neuerer Produktionen steht in auffälliger Weise das Private. Gerade junge Regisseure erzählen plötzlich Alltagsgeschichten, die politische Ereignisse, wenn überhaupt, nur als Hintergrund benutzen. Einer dieser Filme, in denen die Kamera nun ganz direkt auf die Figuren und ihr Lebensumfeld zugeht, ist Joseph Cedars Campfire. Die Siedlerbewegung, sein hoch aktuelles Thema, bricht Cedar durch eine rückblickende Perspektive. Der Film spielt 1981, als in den nationalreligiösen Kreisen Aufbruchsstimmung herrschte. Er erzählt von jenem blinden Eifer, mit dem man zu neuen Ufern jenseits der grünen Linie aufbrach – und lässt spüren, wie das Projekt schon damals die Saat des Scheiterns in sich trug. Dennoch steht nicht das Politische im Vordergrund, sondern vielmehr die gesellschaftlichen Zwänge, denen sich alle Beteiligten unterwarfen und immer noch unterwerfen.

Cedars Heldin Rachel, eine 42-jährige Witwe, möchte um jeden Preis dem Gründungskomitee angehören, das eine Siedlung im Westjordanland ins Leben rufen will. Weil sie alleinstehend ist, behandelt man sie jedoch als Außenseiterin. Sie muss beweisen, dass sie und vor allem ihre beiden pubertierenden Töchter den religiösen und ideologischen Maßstäben tatsächlich entsprechen. Aus Angst vor der Isolation passt Rachel sich an – und riskiert dabei den Bruch mit ihren Kindern.

Campfire gewährt einen Blick in eine für Außenseiter verschlossene Welt und fördert überraschend Vertrautes zutage. Etwa bei der Figur der jüngsten Tochter, einem Teenie mit Allerweltsproblemen: die Emanzipation von der Mutter, das Austesten der eigenen Attraktivität, die Sehnsucht danach, endlich erwachsen zu werden. In einer Szene tanzt das Mädchen voller Hingabe hinter verschlossenen Vorhängen zu einem Schlager.

Die Korruption der Frommen

Mag sein, dass diese Milieubeschreibung ohne Klischees auskommt, weil ihr Regisseur anderthalb Jahre in einer Siedlung lebte. Mit leisem Spott zeigt Cedar den Gruppenenthusiasmus, der Menschen dazu bringt, sich auf einem windigen Hügel irgendwo in der Nähe von Ramallah niederlassen zu wollen. Seine Heldin Rachel aber wird am Ende aussteigen. Sie distanziert sich von ihren Freunden und bewahrt ihre Integrität, die sie ohnehin zum Fremdkörper machte.

Eher unspektakulär entwickelt sich auch in Avanim ("Steine") von Raphael Nadjari der Widerstand einer jungen Frau gegen die Zwänge eines orthodoxen Milieus. Michal arbeitet im Büro ihres verwitweten Vaters in Tel Aviv, das die Buchhaltung für Religionsschulen erledigt. Dass hier zwei Welten aufeinander prallen, lässt sich schon in den ersten Einstellungen erkennen.