Lyrik
Der leuchtende Garten
Ein englischer Dichter aus Deutschland, einer der großen Lyriker Europas: Am 22. März feiert Michael Hamburger seinen 80. Geburtstag
Zwei junge Engländer, Michael Hamburger und sein Freund John Pettavel, auf Bildungsreise durch Italien, kurz nach dem Krieg. Aus dem Kunstführer haben sie erfahren, dass sich im alten Spital von Castiglione eine Kostbarkeit befindet, ein gewiss farbenrauschendes Werk des Renaissance-Meisters Pietro Vannucci, genannt „il Perugino“. Doch als sie an der Pforte fragen, ist die Verblüffung groß: Die beiden Engländer wollen den Perugino sehen? Das sei nicht so einfach. Sie müssen die Pässe abgeben, müssen ihren Wunsch den Aufsichtsbeamten erklären. Schließlich werden sie durch endlose alte Korridore geführt, durch alte Türen. Eine Nonne nimmt sie in Empfang, auch sie erstaunt darüber, dass die beiden Fremden in ihr Spital gekommen sind, um den Perugino zu sehen. Die Schwester „führte uns durch weitere Gänge hindurch in einen weißgekalkten Raum. ,Ecco il Perugino!‘ rief sie. Wir starrten auf die Wände, die nackt waren bis auf ein kleines Kruzifix über dem Bett, welches das einzige Möbelstück im Raum war. In diesem Bett lag ein alter Mann, offensichtlich im Sterben. Seine weit aufgerissenen Augen waren unfähig zu irgendeiner Reaktion auf unser Eindringen. Er war ,der Perugino‘ – der Mann aus Perugia.“
Nachhall eines Schreckens
Es ist eine kleine beiläufige Geschichte aus Michael Hamburgers Biografie Verlorener Einsatz, eine der vielen kleinen beiläufigen Geschichten, aus denen dieses Buch besteht. Sie ist unvergesslich, und immer wieder auch taucht sie auf bei der Lektüre der Gedichte. Denn in ihr sammeln sich, wie in einem Handspiegel, Grundmotive seines ganzen Werkes. Zwei junge Bildungsbürger, in gieriger Vorfreude auf ein erschütterndes Kunsterlebnis, stehen plötzlich vor kahlen Wänden und einem Sterbenden. Ein jäher Bruch, ein verwirrender Schock. Und im Anfang war nichts als ein harmloses Wort, der richtige, aber falsche Name.
Seit seinen ersten Gedichten, die er in Jugendjahren schrieb, konfrontiert der englische Autor aus Deutschland Kunst mit Sterben, riskiert er eine Sprache der Brüche und Risse. Hoher Ton trifft auf Alltagsgemurmel, Goldgrund mischt sich mit rostigem Dunst, grauer Hitze, durch schwingenden Redebogen lässt er ein störrisches Schweigen wuchern. Fast alle Gedichte Hamburgers sind Verlauf- und Verlern-Gedichte. Verlust-Gedichte. Die Balance der Sätze, oft über viele Zeilen schwebend, bricht, Kunst löst sich kunstvoll auf in Natur; denn Sterben ist ja nur ein anderes Wort für Natur. Ach, Wörter, Wörter.
„Lebt wohl, Wörter“, heißt es 1968 in Envoi, einem seiner berühmtesten Gedichte, das er selber ins Deutsche übersetzt hat. „Lebt wohl, Wörter. / Ich mochte euch nie,/ der ich Dinge und Orte mag und / Leute am liebsten mit geschlossenem Mund. / … / Das mag ich an euch, Wörter. / Selbstzerstört, selbstaufgelöst / werdet ihr getreu. /… / Lauft, dann folge ich euch, / um euch nie einzuholen. / Kehrt um, dann laufe ich. / Also lebt wohl.“
Der Hamburger-Ton, spröde und seltsam unnahbar, verschwiegen. Aber lockend doch, hinüberziehend in seine Assoziationsgeflechte oder Träume. So lockt er selber die Wörter, so weist er sie ab. So ziehen sie ihn an, verlassen sie ihn. So macht er sie gefügig, so belügen sie ihn. Und immer sind da diese Lücken, weißen Flecke. Nachhall eines Schreckens, bleibt da eine Leere oder Stille, die zu überbrücken ist, to bridge a lull.
Wer sich auf die Suche macht, der findet in Hamburgers Werk die Spuren eines ganzen Jahrhunderts der Sprachkritik, des Sprachmisstrauens, von Hofmannsthal und Wittgenstein bis Jandl und Pastior, um nur bei den Autoren der deutschsprachigen Literatur zu bleiben, die für ihn ein Leben lang genauso wichtig geblieben ist, wie es die Meister der englischsprachigen Moderne sind. Yeats, Eliot, Auden, Dylan Thomas: Den meisten von ihnen begegnete er persönlich; in seinen Erinnerungen gedenkt er dieser Helden eines inzwischen klassischen Zeitalters mit manchmal leicht ironisch verkratzter Wehmut. Denn ihr heiligmäßiges Kunstvertrauen, das am Ende alle Krisen und Anfechtungen bezwang, will ihm nicht mehr gelingen.
„Schriftsteller nennst du dich? Und sitzt da und stotterst, / Wenn die andern von Büchern reden?“ So fragt er sich selber in einem seiner frühen Texte. Dabei spricht er, als Leser und Lehrer, gern von Büchern. In seinem literaturhistorischen und -theoretischen Hauptwerk Wahrheit und Poesie von 1969 (in vielem ein Pendant zu Hugo Friedrichs Struktur der modernen Lyrik), hat er, von Baudelaire bis zum Existenzialismus, den Prozess der großen Desillusionierung oder Sprachentzauberung nachgezeichnet. An dessen Ende, in immer neuen Anfängen und Aufbrüchen, das eigene Werk steht: „String of beginnings, a lifetime long“ – „Faden der Anfänge, lang wie ein Leben…“
Doch da sind, in den zwei Dutzend Gedichtbänden, die Michael Hamburger veröffentlicht hat, überall auch die Spuren der Biografie. Geboren wird er in Berlin am 22.März 1924; der Vater ist Kinderarzt an der Charité. 1933 muss die Familie erleben, wie die Nazis sie zu „Juden“ machen. Sie flieht nach England, wo der Vater, nachdem er sich in Edinburgh durch die britischen Examina gequält hat, in London eine Praxis eröffnet. Sohn Michael wird Engländer, besucht Westminster School, Oxford, wird Soldat. Ein paar freie Jahre freier Autor in London, dann kehrt er, 1952, als Lehrer zurück an die Universität. Während sein jüngerer Bruder Paul – unter dem abgewandelten Nachnamen Hamlyn – das Kaufmannsleben vorzieht und später einer der größten Großverleger Englands wird, bleibt er an der Universität: in London, in Reading und viele Jahre lang an Hochschulen in den USA, von San Diego bis Boston und New York.
Shakespeares Äpfel
Mit Hölderlins Gedichten begann es, mitten im Krieg, und erst einmal musste der junge Mann seinen Landsleuten erklären, dass Hölderlin kein Zeitgenosse Rilkes ist. Seither hat Hamburger in vielen Übersetzungen der englischsprachigen Welt deutsche Literatur zu lesen gegeben, Trakl, Celan und Johannes Bobrowski (dessen Gedichte ein toller Erfolg wurden!), Huchel, Enzensberger, Grass. Keine einfache Aufgabe, da der common reader mit dem Begriff „deutsche Literatur“ traditionell nicht allzu viele Namen verbindet. Auch hier also, in diesem ganz handfesten Sinn, gab es Brücken zu bauen, und da ist ja kein Zweiter, der so in beiden Literaturen lebt wie er. Der uns hier von Dylan Thomas erzählen kann, von Theodore Roethke, John Riley oder dem wunderbaren New Yorker Charles Reznikoff – wie jenen dort von Ingeborg Bachmann, von Huchel und Günter Eich.
Auch Nelly Sachs’ Gedichte hat Hamburger übersetzt und sich selber dem tiefsten aller Brüche genähert, dem „Zivilisationsbruch“ Auschwitz. In einer kalten Jahreszeit heißt der Zyklus, in dem er die Erinnerung an die eigene Großmutter beschwört, die nicht fortwollte aus Berlin, verschleppt wurde und ermordet. Gegen die falschen Namen und Wörter des bürokratischen Terrors ruft er das Bild auf, das ihm, dem Kind, das er war, geblieben ist, bevor das Schweigen wieder alles zudeckt: „Wie sie konspirierte mit uns Kindern, / Mit Bonbons uns bestach falls wir versprachen / Vater nichts zu verraten, daß sie – Diabetikerin – / Eine Kapsel Bonbons in der Handtasche hatte / Und wie ein Kind heimlich naschte – / Als keiner es ahnte, daß nicht Bonbons ihren Tod verursachen würden. / Ein Radiogerät samt Kopfhörer gehörte zum Zauber / Über den sie gebot und reichlich gewährte, / Ihrerseits kindlich und liebend und wissend…“
Früh schon nach dem Krieg hat Michael Hamburger Berlin besucht und ist seitdem immer wieder zurückgekommen. Wie zum höhnischen Spuk sind viele der Orte, die ihm hier zerstört wurden, erhalten geblieben. Auch stehen da noch, in seinem Haus in England, einige Möbel aus der Berliner Wohnung (soweit sie den deutschen Bombenangriffen auf London entgangen sind). Sie bilden einen seltsamen Kontrast zu der idyllischen Wildnis, die alles hier umgibt, in diesem uralten Gewinkel, in dem er seit über zwanzig Jahren lebt: im Haus Marsh Acres bei Saxmundham in der Grafschaft Suffolk, nordöstlich von London. Zusammen mit der Schauspielerin und Dichterin Anne Beresford, seiner Frau seit 1951 und Mutter der gemeinsamen drei Kinder.
Dieser endlose Garten, mehr ein großer grüner Raum, sumpfig und durchwuchert, ist zu seinem Meditationslabor geworden. Zeigt Hamburger in dem Zyklus Travelling sich selbst in Bewegung, in der Veränderung durch die Reisen, wechselnden Orte seines Lebens, verschwindet er in den Versen des Gegenstücks,In Suffolk, gleichsam im Bleiben: „Launen des Lichts, Himmels, / Solcher Fluß der Wolken, / Die Farben schwimmend, schimmernd, / Und wie der Wind vertraut wird: / So viel Bewegung im Namen des Bleibens.“
Der akademische Tramp als Gärtner, der Fahrende, heimgekommen aus der Stadt. Der Stadtdichter Hamburger und der Landdichter, der beides sich grausam verschlingen sieht: Stadt und Industrie fressen das altenglische Idyll – nicht weit von Marsh Acres an der Nordseeküste liegt das Atomkraftwerk Sizewell –, dem Gesetz der Natur selbst aber, also dem Sterben, der Selbstzerstörung, entkommen auch die Städte nicht. Oft streift er die Ränder entlang. In der tristen Londoner Shakespeare Road zitiert er wie Zauberworte die alten Apfelsorten aus Shakespeares Stücken: pomewater, costard, codling, apple john. Im Ruhrgebiet (Ruhrland Szene, 1993) beobachtet er das Nebeneinander von ländlicher Restkultur und sterbender Schwerindustrie. Überrascht von Bussarden und Haubentauchern in Bochum-Langendreer, fragt er sich: „Wird der verbliebene Wald sich ausbreiten wieder, herrschen? / Heute ist alles Funktion, doch größere Stille dämpft / Zuggemurmel, Motorenzischen, ferne Sonntagsglocken.“
Der Wald stirbt – und herrscht weiter. Hamburger, der Gärtner, der Apfelzüchter (jenen alten Sorten gilt seine Lust), kann sich mit kräftigen Expektorationen in rabiatökologische Rage steigern, ein Schwärmer ist er nicht. Man muss nur seine Baumgedichte aufschlagen. Eichen, Buchen, Ulmen, Birken hat er darin porträtiert. Ohne sie zu bedichten. Ohne sie sprechen zu lassen. Konzentriert schneidet er stattdessen Scherenschnitte ihres botanischen Charakters, zeigt, wie die Eiche sonderbar „zur Erde hin“ wächst, wie die Weide überlebt: „Nimm irgendeinen Zweig, ruhend / Oder vom Sturm abgerissen, / Steck ihn in die feuchte Erde, / Und er wird ein Baum. / Laß einen Stamm, gefallen / Oder gefällt, über / Dem Bach liegen, / Und er lebt weiter /… // Hau die trocknen Reste klein, / Verbrenn sie; sie werden spucken.“
Vollendet lakonisch sind diese Baumgedichte von 1995, die zu seinen schönsten Texten zählen, und emphatisch zugleich. Es ist dieser immer ein bisschen libellisch schwebende Hamburger-Ton. Eine spröde Melodie, in der sich plötzlich ein Wort quer stellt, seltsam beharrt im Fluss, im Vergehen der Zeilen, Stille um sich verbreitet oder ein rauschhaftes Leuchten. Sanft gehandhabt in dem Langgedicht Late (1997), das, in Peter Waterhouse’ Übersetzung, leider unter dem etwas verquollenen Titel Das Überleben der Erde erschienen ist: „Ehe die Farben sich trüben, / Verschwimmen Baumform und Blattbild. / Die bunten Grüne der Farne / Verschmelzen als erste im Halblicht, / Scharlach, Malve, Blau harren aus. / Die Nachtkerze / Den ganzen Tag schlaff / Öffnet vierblättrige Blüten/ Eines so reinen Gelb, / Sie erstrahlen, sie scheinen / Als hätte die Erde ein Licht / Das sie nicht Sonne, Mond, Sternen verdankt.“
In die stille Apokalyptik mischt sich ein feiner Restjubel, mit dem Garten scheint die Dämmerung selbst zu leuchten. Schon in den früheren Gedichten gibt es dieses euphorische Glühen. Oft ist es nur ein kurzes Aufleuchten, wie in den Peter Huchel gewidmeten Versen In Staufen : „ Von Hochoben, einem Baumwipfel / Gleitet ein Pirol / Durch seine enge Tonskala, / Und plötzlich, einmal nur, / Leuchtet er auf in raschem Flug, / Läßt Eichen, Eschen, Fichten / Schwärzer erscheinen.“ Am Ende dann, der Vogel ist lange schon verschwunden, bleibt in Hamburgers Hand ein totes Insekt zurück. Das letzte Aufleuchten ist jetzt nur noch ein Nachglühen: „Ich schloß das Buch/ Und behielt den toten Körper / Wegen des Grüns und Golds seiner Flügel.“
In einem Satz vereint Hamburger das Buch (in dem er gerade gelesen hatte) und den Nachglanz der Natur. Aus dem Naturbild wird ein Sprachbild. Das Ende der Lektüre und das winzige Todesstillleben in seiner Hand.
Von Anfang an ist Michael Hamburgers Literatur Abschied von der Literatur gewesen. Nicht nur Abschied von Dichtung, nicht nur Abschied von einem Stil, den er einst in jungen Jahren als bildungsbeflissen und papieren, als bookish, empfand. Sondern Abschied von den Wörtern selbst. Lebt wohl, Wörter!, ruft er ihnen zu, inmitten von Huchels Garten in Staufen. Oder seines eigenen Gartens in Suffolk, inmitten der Natur, also des Sterbens. Und schreibt weiter, immer wieder beginnend, glücklich von ihnen, seinen Wörtern, verfolgt.
Die umfangreichste Auswahl aus dem lyrischen Werk Hamburgers bietet immer noch der Band „Unteilbar“ mit Übersetzungen seiner „Gedichte aus sechs Jahrzehnten“ von Richard Anders, Erich Fried, Hans Magnus Enzensberger, Reiner Kunze, Michael Krüger und vielen anderen (hrsg. von Richard Dove, Hanser Verlag; 239 S., 23,50 Euro).
Im Sommer soll im selben Verlag, wieder von vielen bekannten Autoren übertragen, eine weitere Auswahl erscheinen. Vor dem Abschluss steht derweil die Hamburger-Übersetzung des österreichischen Autors Peter Waterhouse, die in 7 Bänden einige der großen Zyklen umfasst. Die zweisprachige Ausgabe ist im Folio Verlag, Wien/Bozen, erschienen; die Bände sind einzeln erhältlich (zwischen 58 und 154 S., 12,50 bis 18,– Euro). Folio hat auch Hamburgers große Studie „Wahrheit und Poesie“ neu aufgelegt (übersetzt von Hermann Fischer; 352 S., 28,– Euro)
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- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 18.03.2004 Nr.13
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