Zwei junge Engländer, Michael Hamburger und sein Freund John Pettavel, auf Bildungsreise durch Italien, kurz nach dem Krieg. Aus dem Kunstführer haben sie erfahren, dass sich im alten Spital von Castiglione eine Kostbarkeit befindet, ein gewiss farbenrauschendes Werk des Renaissance-Meisters Pietro Vannucci, genannt "il Perugino". Doch als sie an der Pforte fragen, ist die Verblüffung groß: Die beiden Engländer wollen den Perugino sehen? Das sei nicht so einfach. Sie müssen die Pässe abgeben, müssen ihren Wunsch den Aufsichtsbeamten erklären. Schließlich werden sie durch endlose alte Korridore geführt, durch alte Türen. Eine Nonne nimmt sie in Empfang, auch sie erstaunt darüber, dass die beiden Fremden in ihr Spital gekommen sind, um den Perugino zu sehen. Die Schwester "führte uns durch weitere Gänge hindurch in einen weißgekalkten Raum. ,Ecco il Perugino!‘ rief sie. Wir starrten auf die Wände, die nackt waren bis auf ein kleines Kruzifix über dem Bett, welches das einzige Möbelstück im Raum war. In diesem Bett lag ein alter Mann, offensichtlich im Sterben. Seine weit aufgerissenen Augen waren unfähig zu irgendeiner Reaktion auf unser Eindringen. Er war ,der Perugino‘ – der Mann aus Perugia."

Nachhall eines Schreckens

Es ist eine kleine beiläufige Geschichte aus Michael Hamburgers Biografie Verlorener Einsatz, eine der vielen kleinen beiläufigen Geschichten, aus denen dieses Buch besteht. Sie ist unvergesslich, und immer wieder auch taucht sie auf bei der Lektüre der Gedichte. Denn in ihr sammeln sich, wie in einem Handspiegel, Grundmotive seines ganzen Werkes. Zwei junge Bildungsbürger, in gieriger Vorfreude auf ein erschütterndes Kunsterlebnis, stehen plötzlich vor kahlen Wänden und einem Sterbenden. Ein jäher Bruch, ein verwirrender Schock. Und im Anfang war nichts als ein harmloses Wort, der richtige, aber falsche Name.

Seit seinen ersten Gedichten, die er in Jugendjahren schrieb, konfrontiert der englische Autor aus Deutschland Kunst mit Sterben, riskiert er eine Sprache der Brüche und Risse. Hoher Ton trifft auf Alltagsgemurmel, Goldgrund mischt sich mit rostigem Dunst, grauer Hitze, durch schwingenden Redebogen lässt er ein störrisches Schweigen wuchern. Fast alle Gedichte Hamburgers sind Verlauf- und Verlern-Gedichte. Verlust-Gedichte. Die Balance der Sätze, oft über viele Zeilen schwebend, bricht, Kunst löst sich kunstvoll auf in Natur; denn Sterben ist ja nur ein anderes Wort für Natur. Ach, Wörter, Wörter.

"Lebt wohl, Wörter", heißt es 1968 in Envoi, einem seiner berühmtesten Gedichte, das er selber ins Deutsche übersetzt hat. "Lebt wohl, Wörter. / Ich mochte euch nie,/ der ich Dinge und Orte mag und / Leute am liebsten mit geschlossenem Mund. / … / Das mag ich an euch, Wörter. / Selbstzerstört, selbstaufgelöst / werdet ihr getreu. /… / Lauft, dann folge ich euch, / um euch nie einzuholen. / Kehrt um, dann laufe ich. / Also lebt wohl."

Der Hamburger-Ton, spröde und seltsam unnahbar, verschwiegen. Aber lockend doch, hinüberziehend in seine Assoziationsgeflechte oder Träume. So lockt er selber die Wörter, so weist er sie ab. So ziehen sie ihn an, verlassen sie ihn. So macht er sie gefügig, so belügen sie ihn. Und immer sind da diese Lücken, weißen Flecke. Nachhall eines Schreckens, bleibt da eine Leere oder Stille, die zu überbrücken ist, to bridge a lull.