Altersblindheit Lichte Aussichten
Alte Cholesterinsenker und neue biotechnische Medikamente wecken Hoffnung im Kampf gegen ein Volksleiden, die Altersblindheit
Wer stets diese Pille schluckt, dem wird geholfen. Vielleicht mehr, als der besorgte Doktor ahnt. Denn jener Stoff, den Millionen meist übergewichtige, rauchende Zeitgenossen einnehmen, um das schlimme Cholesterin aus den Gefäßen zu drängen, kann anscheinend nicht nur dem vorzeitigen Herztod wehren: Die vorsorgliche Behandlung mit cholesterinsenkenden Statinen wirkt womöglich zugleich und völlig unbeabsichtigt vorbeugend gegen Altersblindheit. Jedenfalls hoffen Augenärzte seit kurzem, mit Statinen endlich auch ein sehr häufiges Netzhautleiden, die altersabhängige Makuladegeneration (AMD), bekämpfen zu können.
Viele Menschen über fünfzig sind von der AMD gefährdet. Bereits jeder vierte über 75-Jährige leidet an der weithin mysteriösen Netzhauterkrankung, mindestens sieben Prozent sind so schwer sehgeschädigt, dass sie vor dem Gesetz als blind gelten. Das Leiden lässt zwar die peripheren Sehbereiche unbehelligt, zerstört aber ausgerechnet die Stelle schärfsten Sehens auf der Retina: Zuerst erscheinen gerade Linien verzerrt und verbogen, dann nimmt die Sehschärfe immer weiter ab. Zeitunglesen, Fernsehen oder Autofahren werden unmöglich. Am Ende steht der totale Sehausfall in der Mitte des Gesichtsfeldes.
Dieses Schicksal sollen nun gleich drei neue Strategien abwenden: Laser und neue Medikamente bremsen die Gefäßwucherungen, die bei der AMD das Gesichtfeld verdunkeln, Statine könnten die Netzhautdegeneration stoppen. „Statine ins Trinkwasser“ müsste man fast fordern – wenn sich die schöne Hoffnung bewahrheitet.
Den Schutzeffekt der Statine gegen AMD haben amerikanische Augenärzte und Epidemiologen der University of Alabama aus Krankenakten von 550 Statin-Patienten und 5500 unbehandelten Kontrollpersonen ähnlichen Alters errechnet, als sie die Häufigkeit des Leidens bei beiden Gruppen verglichen. Das Fazit des Teams von Gerald McGwin im British Journal of Ophthalmology klingt beeindruckend: Die Medikamente mindern die Gefahr einer AMD-Erkrankung um 53 bis 80 Prozent. Eine vorbeugende Wirkung von Statinen gegen das unheilbare Augenleiden hatten zuvor auch schon kalifornische und britische Mediziner herausgefunden.
Wirkungsweise unbekannt
Gute Nachrichten also für viele Alte – allein in Deutschland dürften weit über eine Million Menschen betroffen sein, in den USA rechnen die Experten bereits mit bis zu 13 Millionen Erkrankten. Sollten sich die Befunde der Forscher bestätigen, werden so manche Vorstände in der Pharmabranche Champagner ordern. Statine sind jetzt schon Superseller in der Herz-Kreislauf-Medizin. Die Heerscharen von Augenpatienten – und von Gesunden, die keine werden wollen – könnten erneut für große Umsatzsprünge sorgen.
Doch hinter den Zahlen der Medizinstatistiker stecken noch viele Fragezeichen. Keiner kann so recht erklären, wie die Statine – sie blockieren die Cholesterinproduktion des Körpers – dem Netzhautverfall entgegensteuern. Das ist auch kaum verwunderlich, da die Ursachen der Krankheit weithin mysteriös sind. Zudem ruhen die Ergebnisse der US-Forscher auf rückwärtsblickenden Fallkontrollstudien, in denen Krankengeschichten von Patienten und Kontrollprobanden im Nachhinein verglichen werden. Solche Erhebungen genießen keinen guten Ruf. Weitaus solider sind prospektive Studien. Dabei bekäme eine Versuchsgruppe Statine verordnet, eine zweite nicht, die Häufigkeit der AMD-Erkrankungen würde nach längerer Beobachtung für beide Gruppen verglichen. „Wir brauchen weitere und bessere Studien, um die Wirkung der Statine sicherer beurteilen zu können“, räumt auch McGwin ein.
Bislang ist auch unklar, ob Statine vor beiden Formen des Netzhautleidens schützen. Etwa 85 Prozent aller Erkrankten leiden an „trockener“ AMD, bei der die Sehzellen im Retinazentrum wohl durch Mangelernährung oder Stoffwechselgifte verkümmern. Diese Form verläuft zwar meist milder und langsamer, man kann sie aber weder therapieren noch ihr vorbeugen. Gefährlicher, aber zuweilen mit begrenztem Erfolg behandelbar ist die „feuchte“ Form des Leidens. Dabei wachsen neue Blutgefäße in die Netzhaut; die allerdings neigen zu Blutungen und Vernarbungen, die das Sehzentrum zerstören.
- Datum 18.03.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 18.03.2004 Nr.13
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