Harald Welzer, Professor der Sozialpsychologie, hat lange Zeit ein Doppelleben geführt. Die Spuren davon kann man in seiner Hannoveraner Wohnung besichtigen, sie hat ihm einige Jahre zugleich als Galerie gedient. In einem 50 Quadratmeter großen Raum fällt als Erstes ein lebensgroßes Kinderfoto der Documenta-Künstlerin Rosemarie Trockel ins Auge; ihre Werke hat er hier einmal ausgestellt. Auf einer halbhohen Säule steht Welzer selbst mit seinem zehnjährigen Sohn, eine Miniatur aus Kunststoff nach einem Konzept von Karin Sander, deren Werke auch schon im New Yorker Museum für Moderne Kunst gezeigt wurden. Dass Welzer sich mit biografischen Objekten umgibt, passt ins Bild. Schließlich ist er Spezialist für private Erinnerung. Sein Buch Opa war kein Nazi wurde mehr als 11000-mal verkauft. Für ein wissenschaftliches Taschenbuch ist das ein beachtlicher Erfolg.

Die Untersuchung handelt davon, wie in Familien die Geschichte des Holocaust weitergegeben wird. Die Ergebnisse aus 40 Familiengesprächen und 142 Interviews waren so überraschend, dass sie Fachwelt und Publikumsmedien mehr als ein Jahr lang beschäftigten: Neben dem öffentlichen, um Aufklärung bemühten Geschichtsbewusstsein gibt es offenbar ein privates, das ganz andere Inhalte transportiert. Nazi-Großeltern werden in den Augen ihrer Enkel zu verkappten Widerstandskämpfern, antisemitische Handlungen werden in Familienerzählungen zu Hilfeleistungen umgedeutet, die eigenen Verwandten nicht als Täter, sondern als Opfer wahrgenommen. Ginge es nach dem Familiengedächtnis, die Deutschen wären ein Volk von Protestlern. Wie es sich in sechs weiteren europäischen Ländern und Israel verhält, untersucht Welzers Forschungsgruppe derzeit in einem Folgeprojekt. Hierzulande darf man seit seinem Opa-Buch sicher sein, dass fraglose Großvaterverklärung, wie Friedrich Merz sie jüngst betrieb, bissige Kommentare nach sich zieht.

Das liegt auch an Welzers Talent, seine Forschungsergebnisse unters Volk zu bringen. Er ist ein lockerer Typ, bewegt sich im Nadelstreifenanzug so selbstverständlich wie in Lederjacke und Jeans und fehlt neuerdings bei kaum einer Diskussion zur Nazi-Vergangenheit. Gern sorgt er als Autor von Zeitungsartikeln selbst dafür, dass seine Einsichten auch außerhalb der Fachwelt bekannt werden. Ursprünglich wollte er Journalist werden, nie Wissenschaftler. Bei einer Antisemitismuskonferenz der grünen Heinrich-Böll-Stiftung sitzt er neben Mitorganisator Ralf Fücks auf dem Podium. Hier der Alt-68er, tief gefurcht und gestenreich, dem zum Thema Antisemitismus außer Pathos nicht viel einfällt, dort der eloquente, selbstironische Wissenschaftler der No-Generation, wie Welzer die in den siebziger Jahren politisch Sozialisierten selber nennt. Als Fücks beteuert, seine Eltern seien keine richtigen Nazis gewesen, sondern Mitläufer, zwinkert Welzer grinsend ins Publikum – und hat die Lacher auf seiner Seite.

Auf die Frage, wie es zu der Opa-Studie kam, pflegt er eine Episode aus seinen Seminaren über die NS-Zeit zu erzählen. Da habe es kenntnisreiche, kritische Senioren gegeben, die irgendwann mit leuchtenden Augen ihre Erlebnisse in der Hitlerjugend zum Besten gaben. "Die jüngeren Seminarteilnehmer sind darauf eingestiegen, und plötzlich war da kein Klima mehr für Kritik." Wer sich an dieser Stelle dafür interessiert, wie das Thema Nationalsozialismus in Welzers eigener Familie behandelt wurde, wird enttäuscht. "Ich habe da ein Privileg", sagt der 45-Jährige. Die Großeltern seien gestorben, bevor er sie kennen lernte, die Eltern zur Nazizeit noch Kinder gewesen, außerdem stamme er aus proletarischen Verhältnissen. "Da gibt’s keine langen Geschichten." Die fehlende eigene Familiengeschichte, immerhin, könnte das Interesse von Harald Welzer für die Biografien und das Familiengedächtnis anderer erklären. Oder auch nicht. Wer weiß schon, warum er geworden ist, wie er ist?

Der innere Lügendetektor versagt

"Das ganze Leben ist eine Erfindung", scherzt er gerne. Oft sagt er diesen Satz im Zusammenhang mit seinem jüngsten Projekt: einer Theorie der Erinnerung, gewissermaßen dem Unterbau zur Opa-Studie, an dem er gemeinsam mit dem Neurowissenschaftler Hans Markowitsch arbeitet. Die beiden Forscher wollen die Methoden ihrer Disziplinen zusammenführen, um herauszufinden, wie Menschen im Alter von 14 bis 75 über ihr Leben erzählen. Eins steht für Welzer bereits fest: Was wir erinnern, hat extrem wenig mit Vergangenheit zu tun. "Der Rückgriff auf Vergangenes ist dafür da, dass wir uns in der Gegenwart orientieren." Somit ist unser Gedächtnis keineswegs das verlässliche Archiv, für das wir es gerne halten. Es wählt Eindrücke aus, ergänzt sie, formt sie neu, und zwar so, wie es für das Überleben in einer komplexen Welt nützlich ist. Lebensgeschichtliche Erinnerungen müssen nicht mal auf eigene Erlebnisse zurückgehen, sie können sich auch aus Erzählungen anderer speisen. Bewusst ist uns all das nicht. "Wir haben keinen inneren Lügendetektor."

Solche Erkenntnisse stimmen Welzer skeptisch gegenüber Deutungen, auch der eigenen Biografie. Wir entscheiden ja vieles aufgrund von Intuitionen und Assoziationen, deren Ursprung uns eher selten bewusst ist. Warum etwa beschäftigt sich Welzer so intensiv mit der NS-Täterproblematik? Er weiß keine Antwort darauf. Nur eine Geschichte fällt ihm ein. Am Psychologischen Institut in Hannover hielt vor mehr als zehn Jahren ein Psychiater einen Vortrag über Rudolf Höß, den Kommandanten von Auschwitz. Der Referent lieferte zwar eine in Welzers Augen untaugliche Interpretation der Hößschen Lebenserinnerungen, faszinierte ihn aber auf andere Weise: "Der hat den Höß zu einem Objekt gemacht, mit dem ihn nichts mehr verband, um ihn dann wissenschaftlich zu sezieren." Viele Forscher, die über NS-Täter arbeiten, schreiben nach Welzers Beobachtung aus einer unreflektierten Distanz heraus. Es gebe da ein egoistisches Schutzbedürfnis, sagt er: "Die Holocaust-Täter müssen um Gottes willen anders sein als man selbst."

Woher kommt diese Angst? Welzer besorgte sich die autobiografischen Aufzeichnungen von Höß und veröffentlichte selbst einen Essay über ihn. Darin skizziert er Höß nicht als pathologische Täterpersönlichkeit, sondern als Prototyp eines Sozialingenieurs. Nicht sadistische oder schizoide Veranlagungen hätten ihn zu einem effizienten Manager der Vernichtung gemacht, sondern "ausgeprägte Leitungs- und Organisationskompetenz". Welzer stellt fest, dass Täter wie Rudolf Höß keineswegs "so gravierende psychische Probleme gehabt haben, wie man annehmen möchte". Ein gewisses Quantum an Mitgefühl, kombiniert mit professioneller Rollendistanz, habe Höß sein unmenschliches Handeln sogar erleichtert, weil es ihm die Möglichkeit verschaffte, sich trotz des Massenmords als "anständig" wahrzunehmen. "Das", so lautet Welzers Fazit, "beinhaltet zweifellos mehr Schrecken als die insgeheime Hoffnung, er möge doch ein pathologischer Täter sein."