Auf internationalen Festivals laufen seine hochstilisierten Filme im Dunstkreis von Schock und Skandal. Eine Begegnung mit dem koreanischen Regisseur Kim Ki-Duk hat ähnlich verstörende Qualitäten. Die Gewalt, immer wieder letztes Ausdrucksmittel seiner von Schuld und Wut getriebenen Figuren, ist während des Interviews physisch anwesend, weil Kim Ki-Duk sie am eigenen Leib erfahren hat. Ohne auch nur zu blinzeln, schlägt er sich plötzlich mit der flachen Hand ins Gesicht. "Mein Vater ist ein Korea-Kriegsveteran", sagt Kim. "Ich wurde sehr militärisch aufgezogen. Schläge gehörten zur Tagesordnung. Ich spüre den Schmerz nicht mehr." Wie zur Selbstbestätigung schlägt er noch einmal zu. Langsam färbt sich seine Wange rot, man erkennt die Fingerabdrücke.

Die brutalen Demütigungen von Kindheit und Jugend verarbeitete Kim Ki-Duk vor drei Jahren in Address Unknown. Es ist ein Film über ein Land, das durchdrungen ist von entsetzlicher Gewalt. Hunde werden zum Verzehr gefangen. Bevor man sie schlachtet, wird ihr Fleisch stundenlang mit Baseballschlägern weich geprügelt. Bis in den letzten Winkel der meist menschenleeren Bilder hallt das dumpfe Geräusch der Schläge. Drei Teenager streifen in diesem geisterhaften Korea umher, das seine Verletzungen an die nächste Generation weitergibt. Beim Soldatenspielen schlägt ein Junge seiner Schwester ein Auge aus. "Erst war Korea von den Japanern besetzt. Dann kamen der Korea-Krieg und die amerikanische Besatzung. Natürlich hinterlassen diese Militärmächte Spuren. Aber sie bleiben abstrakt, man kann die Unterdrückung, die man erlitten hat, nicht wirklich greifen und richtet die Aggression gegen sich selbst. Korea ist eine gebrochene Nation."

Kim Ki-Duks Filme nur als düsteres Stimmungsbild eines angeschlagenen Landes zu lesen, hieße jedoch, einen Großteil ihrer befremdlichen Wucht zu verdrängen. Mit distanzierter Trauer betrachten sie die unausweichliche Brutalität der menschlichen Seele, schicken ihre Figuren gewissermaßen in die freie Wildbahn, um Verhalten und Reaktionen im rechts- und moralfreien Raum zu erkunden. In seinem vielleicht obsessivsten Film The Isle versetzt Kim seine Figuren in eine Art Urzustand, lässt Mann und Frau in einer paradiesischen Seenlandschaft aufeinander treffen. Die Liebenden finden jedoch nur in einer Sprache der Grausamkeit zueinander. Ein halb filetiert im See herumschwimmender Fisch, Angelhaken, die Münder und Geschlechtsteile durchbohren – bei den Filmfestspielen in Venedig kam es bei der Vorführung von The Isle im Publikum zu Ohnmachtsanfällen. "Die Gewalt in meinen Filmen hat nichts Provozierendes", sagt Kim Ki-Duk. "Es geht mir dabei um eine Art von Magie. Um die Beziehung zwischen zwei Menschen, um die Magie der Liebe oder der Zuneigung, die allein in der Gewalt ihr adäquates Ausdrucksmittel findet."

Eben weil die Grausamkeit dem tiefsten Innern entspringt, wirkt sie in diesen Filmen nie dumpf, sondern auf perverse Art wahrhaftig. Sosehr die Menschen quälen, vergewaltigen, prügeln, so unbestreitbar ist ihr Verhalten Ausdruck einer Sehnsucht nach Zärtlichkeit oder Unschuld, die sie nie kennen gelernt oder längst verloren haben.

Auch der buddhistische Klosterschüler in Kim Ki-Duks Frühling, Sommer, Herbst, Winter… und Frühling verliert seine Unschuld. Obwohl vor dem Leben draußen gewarnt, verlässt er die mönchische Enklave, weil er sich in eine junge Frau verliebt hat. Aus Eifersucht wird er sie erschlagen und reuevoll zurückkehren. Immer wieder finden sich Kims Figuren in einem Kreislauf aus Schuld und Sühne. "Schuld fasziniert mich", sagt er, "denn sie prägt alle Religionen. Ich wurde christlich erzogen und war sogar zwei Jahre auf einer Priesterschule. Jetzt fesselt mich der Buddhismus und sein Streben nach umfassender Harmonie."

Tatsächlich fügen sich Bilder und Figuren in seinem neuen Film erstmals zu einer friedvollen Einheit. In der meditativen Ruhe der langen Einstellungen spiegelt sich das ritualisierte Leben der Mönche mit seinen sorgfältig aufeinander abgestimmten Gesten. Doch die Schönheit ist vordergründig. Die Grausamkeit bleibt zwischen den Bildern, findet sich wieder in den Weisheiten des Lehrers. Als kleiner Junge bindet der Filmheld ein Steinchen an die Schenkel eines Frosches. Zur Strafe lässt ihn der Mönch einen Felsbrocken den Berg hochziehen. Selbst im Buddhismus entdeckt dieser Regisseur seine Arithmetik der Gewalt.