spd Leise gehen die Genossen

Die SPD vor dem Sonderparteitag in Berlin: Parteiaustritte, Wahlniederlagen - und die verzweifelte Hoffnung auf Franz Müntefering. Reise durch die Niederungen einer Partei, die nach Wegen aus der Krise sucht

Es gibt Tage, da ist sein Gesicht so grau wie die Gardine vor dem Fenster des Parteibüros in Duisburgs Krummacherstraße. Dann sucht Siegfried Ambrosius, 62 Jahre alt, Halt bei Willy Brandt. Er blickt „ganz bewusst“ auf das Poster, das schräg gegenüber dem Schreibtisch an der Wand hängt: Willy Brandt auf blauem Grund, ein mildes Lächeln umspielt sein Gesicht, daneben eine rote Rose, dazu ein paar Daten, ganz unten die Zeile „gest. 8.10.92“.

Ein paar Minuten kann das Zwiegespräch dauern, je nachdem. Vor gut zwei Jahren besetzten 50 Kurden das Duisburger SPD-Büro, um Druck zu machen für bessere Haftbedingungen ihrer Landsleute in der Türkei. Jemand mit Nerven war da gefragt, jemand wie Siegfried Ambrosius, dem, mit dem Bild von Willy vor Augen, schließlich die friedliche Räumung gelang.

Anzeige

Heute dagegen kann auch Willy Brandt nicht helfen. Zu düster sind die Gedanken, die den Duisburger SPD-Parteigeschäftsführer umwehen. Es macht wenig Spaß, in diesen Tagen in Duisburg SPD-Hierarch zu sein. „Wieder einer weniger“! Ambrosius kann die Meldungen aus den Ortsvereinen nicht mehr hören. Selbst „langjährige Genossen“ machten sich davon, „die hauen einfach ab“.

An der Richtigkeit der Berliner Reformpolitik hat Parteisoldat Ambrosius keinen Zweifel. Die Leute müssten „endlich einsehen“, dass die geplanten Kürzungen der Agenda 2010 notwendig seien. Stichwort Gesundheitsreform. Man brauche sich doch nur umzusehen in den Straßen, entfährt es ihm, „früher überall Menschen, die am Stock gingen – heute alles anders, da geht keiner mehr am Stock“. Zornig blickt Ambrosius durch die dicken Brillengläser auf ein gelbes Heft mit diesen verdammten „Strukturdaten“. 1991 zählte die Partei in Duisburg rund 11000 Mitglieder. Im Januar 2004 besaßen noch knapp 6500 Unentwegte ein Parteibuch.

Meist ist es ein Abschied ohne Worte. Kaum eine Chance zur Seelenmassage, zum Umstimmen eines Abtrünnigen in letzter Minute. Dabei gäbe es in der Stadt genug Leute für den Job, die in der Lage wären, die richtigen Worte zu finden. Jürgen Brandt zum Beispiel, Stadtdirektor in Duisburg und daneben Schatzmeister der örtlichen SPD. Sein Amtszimmer liegt im ersten Stock des Rathauses, vor der Tür prangt ein kleines, fröhliches Plakat. „Jeden Tag, gerne!“ heißt es darauf. „85 Prozent geben bei ihrem Austritt überhaupt keinen Grund an“, sagt Brandt über seinen mächtigen Konferenztisch hinweg, „15 Prozent nennen die Gesundheitsreform und äußern allgemeine Unzufriedenheit.“ Der Stadtdirektor atmet durch, dann gibt er ehrlich zu: „Erschüttert ist unser Gefühl, hier gewollt zu sein.“

Duisburg ist überall. Nirgendwo mehr ist die SPD gewollt. Auf die Sonntagsfrage („Wen würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahlen wären?“) antworten seit Monaten konstant nur noch 25 Prozent der Wähler mit: SPD. Die Werte sackten mit Gerhard Schröders Agenda 2010 in den Keller. Vor einem Jahr stellte der Kanzler sein Reformwerk im Reichstag vor – wie ein Buchhalter, emotionslos, teilnahmslos. Schröder versäumte es, den Bürgern die Ziele aufzuzeigen, für die es sich lohnen sollte, Entbehrungen auf sich zu nehmen. „Kein Licht am Ende des Tunnels“, wie es an der SPD-Basis heißt.

Vielen Sozialdemokraten wurde die eigene Partei fremd. Seit Gerhard Schröder ins Kanzleramt einzog, hat fast jeder siebte Genosse der SPD den Rücken gekehrt. Gerade noch rechtzeitig, um Forderungen nach seinem Rücktritt als Parteichef zuvorzukommen, kündigte Schröder selbst seinen Rückzug an. Auf dem Parteitag am kommenden Wochenende in Berlin soll nun Franz Müntefering zu seinem Nachfolger gewählt werden. Müntefering, der Mann mit dem richtigen Stallgeruch, der Traditionssozi, der schon alles war in der SPD, soll es nun richten. Doch ist der Parteisoldat auch ein Motivierer? Kann er der Partei wieder Mut machen, Perspektiven aufzeigen und die Wähler im Superwahljahr 2004 für die SPD zurückgewinnen?

Neuzeit am Niederrhein. Vorbei die Jahrzehnte, in denen eine Stadt wie Duisburg roter Urgrund war, auf dem Partei und Gewerkschaft mit straffer Hand regierten, Zuruf genügte. Nichts ist geblieben von einem sozialdemokratischen Biotop, wo auch ein „rot lackierter Schubkarren“, wäre er nominiert worden, jede Wahl gewonnen hätte, wie die örtlichen Sozialdemokraten früher mit Behagen scherzten. Bei der letzten Kommunalwahl 1999, Wahlbeteiligung 44,2 Prozent, rutschte die SPD von 58,6 Prozent auf 45,3 Prozent ab (siehe Grafik Seite 20). Die CDU, sonst immer bei 25 Prozent, schoss auf 41,5 Prozent. Ein Erdrutsch bei den Roten – der Tiefpunkt ist noch nicht erreicht.

Es hat sich herumgesprochen, dass ein Parteibuch oder die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft keine zusätzliche Versicherung gegen Geldnöte mehr ist. „Die Erfindung des Multifunktionärs“ habe der Ruhrgebiets-SPD einst Erfolge gebracht, meint Uwe Dorow, Politikwissenschaftler und stellvertretender Leiter der Volkshochschule Bottrop. Ein Multifunktionärstyp, der sich nach dem Motto „Ich mach dat schon für dich“ in den Dienst der Bürger stellte. „Jetzt gibt es nichts mehr zu verteilen“, sagt Dorow, selbst seit 30 Jahren für die Genossen kommunal im Einsatz, „klar, dass die dann weggehen.“ Dorow findet es legitim, „dass die SPD die Arbeitermilieus im Revier benutzt, um an die Macht zu kommen, sich die Macht zu erhalten“, doch ab und an „muss dieses Milieu eben bedient werden“.

Auch Siegfried Ambrosius entstammt einem solchen Milieu. Aufgewachsen im Stadtteil Hochfeld, der Vater starb früh, „die Mutter ging putzen“. Er lernte Fliesenleger. Auf der „Suche nach Sinnhaftigkeit“ fand er die Falken, wurde deren Jugendsekretär. Seit 1967 steht Ambrosius an der Spitze des Parteiapparates, noch immer entbietet er bei Gelegenheit das Wort „Freundschaft“ zur Begrüßung, nach wie vor mag er es, die Internationale anzustimmen.

Kritik an der eigenen Partei? Ambrosius kommt gerade aus Berlin, eine Delegiertenkonferenz. Die Basis hatte dabei Gelegenheit, von der schlechten Stimmung in den Wahlkreisen zu berichten. Einige taten das auch, Ambrosius hielt sich zurück. Wenn es sein muss, hält der Duisburger Genosse seine schützende Hand pflichtbewusst über Gerhard Schröder. Er hat soeben erlebt, „dass ja auch der Gerd mitleidet wegen der vielen Austritte bei uns“. In seiner Erinnerung festgesetzt hat sich das Bild eines Kanzlers, „der die Folgen seiner Reformen im Einzelnen gar nicht überblicken kann, zum Beispiel, dass auch ein Duisburger Sozialhilfeempfänger beim Arztbesuch zehn Euro zahlen muss“. Ambrosius ist überzeugt: „Das wusste der Gerd nicht.“

Die SPD ist auf einem historischen Tiefstand angelangt. In den Bundesländern wird sie für die Berliner Politik abgestraft, wie zuletzt in Hamburg. Nun soll die Halbierung der Macht als Konsolidierung der SPD verkauft werden. Doch gerade zum Sonderparteitag kommt zum ersten Mal seit langem das alte sozialdemokratische Grundübel, die Spalterei, wieder auf. Reformgegner und enttäuschte Gewerkschafter spielen mit dem Gedanken einer neuen Partei (siehe Interview Seite 20). Schon existiert eine „Initiative für Arbeit und Gerechtigkeit“. Wie blank die Nerven liegen, zeigt der Aufruf zur Bespitzelung, die vermutlich letzte Amtshandlung von Olaf Scholz: „… bitten wir euch, uns darüber zu informieren, falls sich in euren Unterbezirken und Kreisverbänden solche Initiativen bilden sollten.“

Die Europawahl im Juni hat die SPD längst abgeschrieben. In der Parteizentrale sieht man die eigentlich nicht eben bedeutenden Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen am 26. September als die wichtigste Herausforderung des Jahres an. In der sozialdemokratischen „Herzkammer“, dem bevölkerungsreichsten Bundesland, hatte die SPD zwar schon 1999 ihre Position als stärkste Kraft eingebüßt und viele Rathäuser verloren. Aber NRW wählt im Mai 2005 einen neuen Landtag, die Kommunalwahl gilt dafür als Stimmungsbarometer.

Im Netzwerk, einer Vereinigung von 40 SPD-Bundestagsabgeordneten, die Wolfgang Clement als ihren Mann im Kabinett ansehen, in dieser Gruppe der Ungeduldigen, die sich regelmäßig in Berlin treffen, fürchten viele, dass Schröder nur noch auf einen Anlass zum Rücktritt auch als Kanzler wartet. Der Verlust der Macht in NRW wäre einer. Die Netzwerker sind unideologisch. Sie eint vor allem das Streben nach Macht. Die Parlamentarische Linke geht ihnen dabei ebenso auf die Nerven wie die alte Rechte. Sie sprechen offen über Schröders Autoritätsverlust und sind sich des Niedergangs der Partei sicher. Sie hoffen nur, dass die gegenwärtige Führung die SPD nicht ganz in den Abgrund reißt.

350000 Medienjobs gibt es in NRW, das Land ist der Medienstandort Europas schlechthin. So trompetet es die Düsseldorfer Staatskanzlei gern hinaus. Und Köln wiederum ist in diesem Medienwunderland die schönste Märchenstadt. Dorthin, wo RTL, Viva und der WDR residieren, zieht es die Superstars, die Megastars. Robbie Williams zum Beispiel, der geht nach Köln, nicht nach Berlin. In drei Stunden kann er sein Programm bei den drei großen Sendern absolvieren und gleich wieder nach New York oder Los Angeles oder sonstwohin zurückdüsen. Wenn ein Sprecher der Landesregierung das so erzählt, schwillt stolz die Brust: Das ist die Wirklichkeit, das ist die Moderne!

Modern in Köln ist indes auch die Regierungskoalition. Die Stadt wird schwarz-grün regiert. Das Bündnis ist längst über das Stadium des Abtastens und Experimentierens hinweg, womöglich auch über die kommunale Ebene schon hinaus. Die grüne Umweltministerin Bärbel Höhn und der CDU-Landes- und Fraktionschef Jürgen Rüttgers gingen jedenfalls schon einmal publicityträchtig zusammen spazieren.

Besuch in Buchforst, einem kleinen Ortsverein der SPD in Köln-Deutz. Dieses Viertel hat die Moderne noch nicht gestreift. Der Verfall ist nicht zu übersehen. In dem traditionell SPD wählenden „Arbeiterviertel“ lebten einst viele Beschäftige von Klöckner-Humboldt-Deutz. 30000 Leute beschäftigte die Motorenfabrik hier einst. Heute sind es noch 700. Den stärksten Zuwachs an Einwohnern verzeichnen die Containerlager für Asylbewerber am Gelände einer aufgelassenen Chemiefabrik. Der Ortsverein spiegelt die Entwicklung der Gesamtpartei besonders dramatisch wider. 150 Mitglieder hatte er 1998, jetzt sind es nur noch 60.

Der stellvertretende Ortsvereinsvorsitzende Martin Zorn ist 39 Jahre alt, Journalist und „links“. Er erinnert sich gerne an die Zeiten, zu denen in der SPD ohne Strafe gestritten wurde. „Heute sind sie nach innen hin verdammt autoritär“, sagt er. Früher seien streitbare Geister wie er „eingebunden“ worden, heute würden sie „diffamiert“. Das sei das Ergebnis der vom ehemaligen SPD-Landeschef Müntefering in NRW durchgesetzten Umstrukturierung, aber auch Folge der unsicheren Haltung gegenüber Schwarz-Grün. Die SPD befinde sich in „Auflösung“, im „freien Fall“, sagt Zorn.

Auf der anderen Rheinseite, im Unterbezirksbüro, einem schlichten alten Gebäude, das sich vor einem mondänen Hotel und einem eleganten Schulzentrum duckt, sitzt unter einem Bild von August Bebel und dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold ein Studienrat, der Geschichte, Sozialwissenschaften und katholische Religion unterrichtet. Er heißt Jochen Ott, ist 29 Jahre alt und der Kölner SPD-Chef. Nichts weniger als eine „Revolution“ habe sich in der Kölner SPD ereignet. Ott redet wie ein Wasserfall. Es sei gelungen, die Partei von ihrer „alten Struktur“ zu „befreien“. Wo gebe es denn noch eine Großstadt, „in der zwei 29-Jährige als Doppelspitze kandidieren“? Das ist also die „Revolution“: die Ablösung der alten, im Korruptionssumpf versackten Garde durch Ott und seinen Partner Martin Börschel. Ott jedenfalls gibt sich fest überzeugt, dass Börschel, er selber und zwei Drittel aller Kandidaten eine „Erfrischung in die Politik“ bringen werden. Das klingt nicht nach Programm, nur nach Personality.

Sie haben sich sicherheitshalber für den kleinen Saal entschieden im Schlosskeller in Brühl bei Köln. Eine alte Regel von Parteimanagern: Lieber einen kleinen, aber vollen Saal, als einen großen, aber leeren. So sitzen sie dicht gedrängt am Samstagvormittag, vielleicht 60 Menschen, um Sigmar Gabriel zu hören. Er hält ein „Impulsreferat“ über „Grundwerte in der Politik“. Im Netzwerk der jungen SPD-Mandatsträger gilt es als ausgemacht, dass Gabriel der nächste Parteivorsitzende sein wird. Noch ist Müntefering nicht gewählt, und schon wird über seine Nachfolge spekuliert.

Vieles ist mehr Schein als Sein in Brühl, an diesem letzten Samstag vor dem Sonderparteitag. Der Schlosskeller ist in Wirklichkeit der Nebenraum eines tristen Restaurants in einem Betonbau am Stadtrand. Und der Hoffnungsträger Gabriel ist in Wirklichkeit der Wahlverlierer von Niedersachsen. Doch Gabriel füllt den Raum. Er ist präsent. Peinlich meidet er jeden Bezug zur Wirklichkeit der Politik in Berlin. „Wir in der SPD müssen“, ruft er zur Freude aller Anwesenden, „den Freiheitsbegriff wieder entdecken.“ Was die Partei heute bieten müsse, fragt jemand. „Sicherheit“, antwortet Gabriel, „Orientierung und Vertrauen.“

Es müsse wieder Programmarbeit gemacht werden, eigentlich eine Aufgabe der Opposition. Dabei spricht er selber die ganze Zeit wie ein Oppositionspolitiker. Er nennt den scheidenden Parteivorsitzenden nicht beim Namen, den künftigen auch nicht. Aber wen sonst als Schröder und Müntefering kann er meinen, wenn er der Runde so einheizt: „Den Krieg über die Interpretation von 2010 haben wir verloren – aber den Krieg um unsere Ziele können wir noch gewinnen.“

In Nordrhein-Westfalen steht die SPD am Abgrund, in Brandenburg ist sie schon abgestürzt. Im ostdeutschen Stammland der Sozialdemokratie gab es bereits im vergangenen Herbst Kommunalwahlen – und sie waren bitter für die SPD. Sie verlor ein Drittel ihrer Wähler, fiel hinter die CDU zurück, kam auf bloß noch 23,5 Prozent. „Es darf nicht alles schwarz werden“, sagte nach der Wahl Ministerpräsident Matthias Platzeck. Nun bangt seine SPD der Landtagswahl am 19. September entgegen.

Derselbe Samstag, 9 Uhr in Friesack im Havelland: Die Delegierten des SPD-Unterbezirks treffen sich zum Parteitag, um ihre Landtagskandidaten aufzustellen. Sie versammeln sich in der sanierten Plattenbauschule. Zum Frühstück gibt es Bockwurst mit Senf und Kartoffelsalat. Der örtliche Europaabgeordnete spricht ein Grußwort. Er ruft: „Die Aussichten sind nicht so schlecht!“ und deutet durch das Glasdach zum Himmel. Dort verschwindet gerade die Sonne, Wolken ziehen auf und hängen für den Rest des Tages tief und grau über der Landschaft.

Die Genossen sind müde. Landrat Burkhard Schröder versucht, sie mit einer tapferen Rede aufzumuntern. Ja, man habe es „gerade nicht leicht“ als Sozialdemokrat. Aber die Reformen der Bundesregierung „sind notwendig“, sie seien „die Last dieser Zeit, die wir zu tragen haben“. Er klingt wie Müntefering und endet mit dem Appell, die Fahne hochzuhalten, er bekommt ordentlichen Applaus. Dann redet ein Delegierter, der sich als hauptamtlicher ver.di-Mann vorstellt. Nach nur drei Minuten ist er bei der Vermögenssteuer und „den 400000 Millionären“ in Deutschland, die gefälligst zur Kasse gebeten werden müssten. Solider Beifall auch für ihn. Als der Versammlungsleiter um weitere Wortmeldungen bittet, meldet sich niemand.

„Wir haben schon oft genug darüber geredet“, sagt in der Pause ein Genosse am Buffet. Er sagt nichts über die Agenda 2010. Er sagt einfach: „Es ist durch.“ Wie bei dieser Stimmung ein Wahlkampf in Schwung geraten soll, wissen sie selber nicht. In Brandenburg kommt es auf jeden einzelnen Genossen an. Der gesamte Landesverband hat weniger Mitglieder als der Unterbezirk Dortmund.

Auch Parteilose wie Udo Folgart sind daher willkommen. Folgart ist Präsident des Landesbauernverbandes. Sein Wort zählt. Bei den Kommunalwahlen 2003 zogen die Bauern mit eigenen Listen in etliche Kreistage ein. Wochenlang hat der Bauernverband damit geliebäugelt, auch zur Landtagswahl anzutreten. Mit 27 von 29 Stimmen ist Folgart nun in Friesack von der SPD nominiert worden. Als auf dem Unterbezirksparteitag das Ergebnis bekannt gegeben wird, kommt das einzige Mal an diesem Tag echte Begeisterung auf. „Ihr seid bei einem historisches Ereignis dabei!“, sagt der Versammlungsleiter. Noch nie in der 140-jährigen Geschichte hat ein Parteiloser auf der SPD-Liste für ein Landesparlament kandidiert. Vorher muss allerdings noch die Parteisatzung geändert werden.

Die neue SPD rast mit einem silbergrauen Audi A8 durch Brandenburg. Im Fond sitzt Sozialminister Günter Baaske, 46. Von einer Feierstunde für Euthanasie-Opfer des „Dritten Reiches“ in Lübben hetzt er zu einem Pressegespräch in Cottbus, weiter zu einem Richtfest, von dort zu einer Podiumsdiskussion in Elsterwerda. Halb Brandenburg an einem Tag. Den Fahrer hat Baaske von seiner berühmten Vorgängerin Regine Hildebrandt übernommen – sonst hat er fast alles geändert.

Die „Mutter Courage des Ostens“ wollte die Menschen behüten, sie vor dem rauen Wind des Wandels schützen. Manfred Stolpe war als Ministerpräsident einst stolz darauf, dass Brandenburg eine „kleine DDR“ genannt wurde. Heute sind die öffentlichen Kassen leer, Stolpes Renommierprojekte pleite. Minister Baaske muss den Leuten ins Gesicht sagen, dass es nicht reicht, auf einen wundertätigen Großinvestor aus Dubai zu warten.

Der Defätismus der Brandenburger regt ihn auf. Neulich traf er in einer Beschäftigungsgesellschaft eine Frau, die wunderbare Figuren schnitzen konnte. Sie klagte, dass ihre ABM-Stelle bald auslaufe. Sich selbstständig zu machen war ihr nicht in den Sinn gekommen.

„Sie müssen sich selber kümmern! Und Fantasie haben!“, ruft er in eine Runde, die ihm in einem stillgelegten Braunkohlekraftwerk in der ausgebluteten Lausitz gegenübersitzt. Um den Tisch herum hocken 20 Ostler und lauschen einem Teilnehmer aus Westberlin, der fantastische Pläne für den gigantischen Backsteinbau hat: eine Schnapsbrennerei! Eine Biodieselanlage! Eine Brauerei! Der Bürgermeister sagt nur, er habe keine Ideen. Vor zehn Jahren wäre ein Projekt des Arbeitsamtes daraus geworden. Heute bietet der Minister bloß ein paar tausend Euro für eine Machbarkeitsstudie. So sieht für die SPD-Basis der Umbau des Sozialstaates in der Praxis aus.

1989 war Baaske in seiner Heimatstadt Belzig Mitgründer des Neuen Forums, stieg ein in die Kommunalpolitik, managte nebenher die ostdeutsche Kultband Keimzeit. Vor zwei Jahren holte ihn Platzeck in die Landesregierung. Seitdem ist Baaske – pragmatisch, sportlich, fotogen – ein Liebling der Medien. Im vergangenen Jahr verhandelte er für Brandenburg im Vermittlungsausschuss über die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe. „Ich habe sehr früh gesagt, dass diese Entscheidung Brandenburg volkswirtschaftlich auf die Füße fällt, weil der Kaufkraftverlust kaum auszugleichen ist“, sagt Baaske. Was kann man noch dagegen machen? „Nüscht mehr.“

Richtfest für das neue Seniorenzentrum der Diakonie in Cottbus. Die Honoratioren der Stadt sind versammelt, die künftigen Heimbewohner sitzen auf wackeligen Klappbänken, eingewickelt in Wolldecken. Die Gemeinde singt Lobet den Herren. Ein Abteilungsleiter der Diakonie tritt ans Mikrofon, begrüßt den Minister und sagt: „Dass es immer sozial bleiben wird, das wünschen wir uns!“ Baaske lächelt verständnisvoll.

Vielleicht ist Klaus Uwe Benneter ja wirklich der richtige Mann zur richtigen Zeit. Am Sonntag soll er neuer SPD-Generalsekretär werden, in dieser Funktion wird er sich auch um Parteiausschlüsse kümmern müssen – und in diesen Dingen hat Benneter nun wirklich Erfahrung. Im Jahre 1977, nur wenige Monate nach seiner Wahl zum Juso-Chef, flog Benneter aus der SPD, weil er eine strikte Abgrenzung zur DKP verweigert hatte.

Heute zieht die SPD wieder eine klare Kante zum linken Rand, wo ein paar Abweichler eine neue Partei gründen wollen. Dass Benneters spezielle Qualifikation nützlich sein könnte, war noch nicht abzusehen, als Müntefering ihn im Februar als Generalsekretär vorschlug. Benneter, 56, ist ein Kumpel des Kanzlers. Das Wort „befreundet“ vermeidet er.

Gerhard Schröder gibt am kommenden Sonntag Macht ab, und wahrscheinlich beruhigt es ihn, wenn er einen Vertrauten im Willy-Brandt-Haus weiß. Dass es dort wirklich etwas zu tun gibt für Klaus Uwe Benneter, den Mann, der einst stolz auf den Spitznamen „Benni, der Bürgerschreck“ war, bezweifeln viele in der Partei. Um Trost für die Genossen will sich „Münte“ persönlich kümmern. Für die Organisation und den Umbau der Parteizentrale wird als neuer Bundesgeschäftsführer der langjährige Mitarbeiter Münteferings Kajo Wasserhövel zuständig sein. Benneter sitzt irgendwo dazwischen. Vorsorglich redet er seine Rolle klein, sagt, er wolle „vor allem in die Partei hineinwirken“, werde „an die Basis reisen“ und „reden, erklären, mitnehmen“. Ein erster Versuch am vergangenen Wochenende in Dresden ging ziemlich daneben, er stockte, verhaspelte sich, die Genossen waren erleichtert, als er zum Ende kam.

Sechs Jahre nach seinem Rausschmiss, 1983, durfte Benneter wieder in die Partei eintreten. Fortan machte er sich im abgeschotteten Milieu der Westberliner SPD auf den Weg nach oben und nach rechts. Landesvorstand, Schatzmeister, Abgeordnetenhaus. 2002 zog der Anwalt mit einem Direktmandat für Zehlendorf in den Bundestag ein. Benneter sagt noch immer: „Ja, ich bin ein Linker.“ Hält man ihm Zitate aus seiner wilden Jugend vor, grinst er breit. Im März 1977 hatte ihn der stern in einem Interview gefragt: „Glauben Sie im Ernst, daß sich die Arbeitslosigkeit durch Verstaatlichung von Großkonzernen beseitigen lässt?“ Benneter: „Natürlich.“

Verglichen damit, klingen die Linksabweichler der SPD des Jahres 2004 geradezu neoliberal.

 
Service