pharmaindustrie Die Verlierer sind unter uns

In den Labors und Vorzimmern von Aventis und Sanofi macht sich Angst vor der drohenden Fusion breit

Die kleine Arzneifabrik im Kölner Westen hat bisher alles überlebt. All das, wovor man sich in diesen Tagen fürchtet in den anderen Werken des Aventis-Konzerns: die Übernahme durch einen Wettbewerber, den Verlust der Forschung, den Arbeitsplatzabbau. Aber wird die Kölner Arzneifabrik auch die nächste Runde überstehen? Seit Ende Januar gibt es ein Übernahmeangebot: Der französische Konkurrent Sanofi will Aventis schlucken. Und kürzlich hat auch noch der Schweizer Wettbewerber Novartis Interesse an dem Pharmaunternehmen bekundet. So oder so würde Aventis seine Unabhängigkeit verlieren. Und nirgendwo weiß man besser, was das bedeutet, als in Köln-Bocklemünd.

Vor knapp 20 Jahren wechselte das Werk in der Nähe des Westfriedhofs erstmals den Besitzer: Aus dem Naturarznei-Hersteller Nattermann wurde eine Tochter von Rhône-Poulenc. Und als die französische Mutter vor fünf Jahren mit der Frankfurter Hoechst AG verschmolz, wurde an der beigebraunen Fassade in Köln der Name des neuen Verbunds angeschraubt: Aventis. Die Fusionsfeiern fanden in der Straßburger Zentrale statt, die Kürzungen an der Peripherie des Konzerns. In Bocklemünd blieb von 1000 Mitarbeitern nur die Hälfte übrig. Und diese 500 Menschen bangen jetzt um ihren Job.

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Im Grunde ist es ein Wunder, dass das kleine Werk überhaupt noch produziert. „Pflanzenmedizin hat für einen großen Pharmakonzern keine Relevanz“, sagt einer der Unternehmensberater, die zu den Architekten von Aventis gehörten. Die Bocklemünder Arzneifabrik stand damals auf der Abschussliste. Lohnproduktion rettete den Standort: Der Aventis-Konzern und auch die Konkurrenz lässt in Köln billig Pillen pressen. Doch wie lange trägt so eine Strategie? Der Berater überschlägt, wie sich die Lohnnebenkosten in der Vergangenheit entwickelt haben und welche Einbußen die Gesundheitsreform bringt – gerade für Low-Tech-Medizin. „Wenn man heute noch mal dranginge, stünde Bocklemünd sofort wieder auf dem Block“, sagt er. Und dann sagt er noch, dass er seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Schließlich könne man nicht ausschließen, dass demnächst Beratungskompetenz gefragt sei…

„Bei uns gibt es nix mehr zu streichen“

Der oberste Arbeitnehmervertreter bei Aventis versucht verzweifelt, Zuversicht auszustrahlen. Bocklemünd arbeite „konkurrenzlos günstig“, verteidigt Gesamtbetriebsratschef Friedhelm Conradi die Kölner Mannschaft. Die deutschen Standorte seien alle rank und schlank. „Bei uns gibt es nix mehr zu streichen“, sagte er. „Ich möchte wissen, wo die noch Synergien realisieren wollen.“ Synergien nennt man das Sparpotenzial bei Zusammenschlüssen; die , das sind die Sanofi-Manager rund um den Konzernchef Jean-François Dehecq.

Wenn sich der Betriebsrat in Fahrt redet, sagt er Sätze wie: „Dem Dehecq trau ich so weit, wie ich ein Klavier werfen kann.“

Das Misstrauen bei den Mitarbeitern hat auch Dehecqs Deutschland-Besuch nicht gemindert, im Gegenteil. Anfang Februar hatte sich der französische Firmenchef nach Frankfurt aufgemacht, um für seine Pläne zu werben. Frankfurt ist die Stadt der Fondsmanager und Anlageberater, aber gleichzeitig auch der alte Firmensitz von Hoechst. Hier arbeiten 8000 von 9000 deutschen Aventis-Leuten. Den Bankern machte Dehecq Hoffnung auf jährliche Einsparungen von 1,6 Milliarden Euro. Das bedeutet aus Sicht der Analysten: 5000 Stellen weniger – schätzungsweise 1500 davon in Deutschland. Der Belegschaft dagegen versprach der Franzose Beständigkeit. „Wir wollen keine Arbeitsplätze abbauen. Ich will die Forschung in Deutschland stärken“, sagte er. Danach war die Unruhe größer als vorher.

Es geht um hoch qualifizierte Arbeitsplätze und auch um Frankfurts Ruf als Forschungsstandort. Seit Goethes Zeiten galt die Rhein-Main-Region als Apotheke der Welt. Der Dichter verkehrte bei Merck in Darmstadt, einer wohlhabenden Bürgerfamilie dank profitabler Pillengeschäfte. Das Frankfurter Unternehmen Hoechst entstand etwas später, war dafür aber bis Anfang der 1980er Jahre der Umsatz-Weltmeister der Branche. Doch seit einigen Jahren liegen Amerikaner und Engländer vorn.

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