die zeit : Herr Köhler, der Weltwährungsfonds, den Sie vier Jahre lang geleitet haben, beschäftigt sich hauptsächlich mit Problemländern. Gehört Deutschland inzwischen dazu?

Horst Köhler : Deutschland hat schwere ökonomische Probleme, die aber gelöst werden können. Die Weltwirtschaft, die sich in einem Erholungsprozess befindet, gibt Anlass zu Hoffnung. Erholung zeigt sich vor allem in den USA, starkes Wachstum in China, Indien, überhaupt in Asien. Nach einer langen Stagnation sehe ich Besserung in Japan. Russland hat robustes Wachstum, Lateinamerika stabilisiert sich, weil Brasilien und Argentinien wieder wachsen. Das weltwirtschaftliche Szenario ist insgesamt positiv.

zeit : Europa passt nicht in diese Reihe. Europa wächst nicht, Deutschland auch nicht.

Köhler : Europa wächst noch nicht so, wie es könnte. Es gibt aber auch hier Ermutigung. Allerdings hinkt Deutschland hinterher. Aus weltwirtschaftlicher Sicht ist es nicht günstig, dass die USA im Wachstum vorlaufen, weil das die globalen Ungleichgewichte noch verschärfen könnte.

Helmut Schmidt : Wie lange kann sich Amerika das Doppeldefizit im Haushalt und in der Leistungsbilanz in der heutigen Größe leisten? Meine Antwort verschweige ich im Augenblick. Ich will erst einmal Ihre hören.

Köhler : Dieses Doppeldefizit ist ein Problem. Das werden auch die Amerikaner selber nicht wegdiskutieren. Aus weltkonjunktureller Sicht aber war es kurzfristig hilfreich, dass die Amerikaner eine aggressive Zinssenkungspolitik betrieben und mit massiven Steuersenkungen auch fiskalpolitisch die Wirtschaft stimuliert haben. Das zahlt sich jetzt aus. Ich hoffe auch, dass die Investitionen in den USA nachhaltig wachsen und so das Abflachen des Konsums kompensieren, das irgendwann kommen muss, weil die US-Haushalte auf der Basis hoher Verschuldung konsumieren.