Aus Leben wird Leiden. "Ich will lange leben – ich will nicht alt werden." Es klingt wie ein Verzweiflungsschrei, was Monika Maron da zu Papier gebracht hatte. Doch auch sie kann den Zug nicht aufhalten. Im Juni dieses Jahres wird die Berliner Schriftstellerin 63Jahre alt. An ihrem Geburtstag werden die Komplimente wie am Fließband rollen: "Oh, Sie haben sich aber gar nicht verändert."

Es sind ja stets die anderen, die neugierig bis gierig verfolgen, was das Alter anrichtet. "Hast dich wacker gehalten, alter Junge!", wird der Schöpfer von Ekel Alfred hören, wenn demnächst die Medienwelt den 80. Geburtstag von Wolfgang Menge feiert. Und seine Frau Marlies, fast auf den Tag zehn Jahre jünger als er, viele Jahre lang Redakteurin dieser Zeitung in Ostberlin, wird ständig genervt mit Fragen: "Schreiben Sie noch?" – "Was machst du den ganzen lieben langen Tag?" Da die Antwort "Ich gehe mit den Hunden spazieren, lese viel und sehe meinen Enkel" die Fragenden offenbar nicht befriedigt, ackert sie nun das Alte Testament durch. "Donnerwetter! Alle Achtung", raunt es ihr jetzt zu.

Die Umwelt beäugt die Älteren nicht nur genau, sie hat auch präzise Vorstellungen, wie diese sich zu verhalten haben, nämlich altersgemäß. Dass der alte Menge sich immer noch so schrill bunt kleidet, halten seine Berliner Nachbarn für verfehlten Jugendwahn. Und die 2002 gestorbene ZEIT- Herausgeberin Marion Dönhoff fand bei der Feier ihres 90. Geburtstags den rappelscharfen kurzen Rock der nicht mehr so jungen Präsidentin der Frankfurter Viadrina und jetzigen Kandidatin für das Bundespräsidentenamt Gesine Schwan schlicht unschicklich.

So banal wie wahr: Das Alter und das Altern hat viele Gesichter. Wir alle wollen zwar alt werden, aber nicht alt sein. "Ich bin ein älterer Herr und fühle mich wie alle älteren Herren jünger, als ich wirklich bin", sagte der 80-jährige Paul Flora, der große Zeichner aus Österreich, worauf eine Journalistin ihn als Greis charakterisierte. "Alter ist Scheiße", stellte der von Altersbeschwerden geplagte Henri Nannen, ehemals Herr über den stern, lakonisch fest, und die alte Dame, weit über 90, abhängig von Pflegerinnen und des Lebens müde, murmelte: "Das Alter ist eine Zumutung."

Doch Alter ist nicht gleich Alter. Gene und Lebensumstände prägen den Alterungsprozess, er verläuft unterschiedlich schnell, unterschiedlich stark. Da sind die jungen Alten, so zwischen 60 und 70, und es gibt die alten Alten, die Hochbetagten ab 80. Jene umtriebig, aktiv, sofern nicht noch in Lohn und Brot, auf Reisen und in Hörsälen, in Vereinen und Museen, im Garten oder auf Campingplätzen, und diese, von Beschwerden des Alters, besonders den Demenzerkrankungen, heimgesucht und Einbußen der Lebensqualität erduldend.

Das Alter wird immer länger und die Alten immer mehr: Bei der letzten Bürgerschaftswahl in Hamburg war fast jeder dritte Wahlberechtigte über 60 Jahre alt. Lag vor 150 Jahren die Lebenserwartung eines Menschen bei seiner Geburt noch bei 40 Jahren, werden Frauen heute durchschnittlich 80, Männer knapp 75 Jahre alt. Nicht nur bei den Jungen stieg die Lebenserwartung, sondern auch bei sehr alten Menschen. Ein 80-Jähriger hat heute noch acht Jahre vor sich, doppelt so viel wie vor drei Jahrzehnten. Gestiegen ist auch die Lebensqualität der Älteren. Die 70-Jährigen von heute sind körperlich und geistig so fit, wie 65-Jährige es vor 30 Jahren waren, außerdem sind sie gesünder als ihre Altersgenossen von damals.

"Mehr Alte in die Politik"