Leben in Deutschland Wie man in Deutschland alt wird

Vorurteilen zum Trotz sind die meisten Alten weder unglücklich noch verarmt. Viele genießen nach langen Arbeitsjahren ihr Dasein. Erst jenseits der 80 Jahre wird das Leben oft zur Last

Aus Leben wird Leiden. „Ich will lange leben – ich will nicht alt werden.“ Es klingt wie ein Verzweiflungsschrei, was Monika Maron da zu Papier gebracht hatte. Doch auch sie kann den Zug nicht aufhalten. Im Juni dieses Jahres wird die Berliner Schriftstellerin 63Jahre alt. An ihrem Geburtstag werden die Komplimente wie am Fließband rollen: „Oh, Sie haben sich aber gar nicht verändert.“

Es sind ja stets die anderen, die neugierig bis gierig verfolgen, was das Alter anrichtet. „Hast dich wacker gehalten, alter Junge!“, wird der Schöpfer von Ekel Alfred hören, wenn demnächst die Medienwelt den 80. Geburtstag von Wolfgang Menge feiert. Und seine Frau Marlies, fast auf den Tag zehn Jahre jünger als er, viele Jahre lang Redakteurin dieser Zeitung in Ostberlin, wird ständig genervt mit Fragen: „Schreiben Sie noch?“ – „Was machst du den ganzen lieben langen Tag?“ Da die Antwort „Ich gehe mit den Hunden spazieren, lese viel und sehe meinen Enkel“ die Fragenden offenbar nicht befriedigt, ackert sie nun das Alte Testament durch. „Donnerwetter! Alle Achtung“, raunt es ihr jetzt zu.

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Die Umwelt beäugt die Älteren nicht nur genau, sie hat auch präzise Vorstellungen, wie diese sich zu verhalten haben, nämlich altersgemäß. Dass der alte Menge sich immer noch so schrill bunt kleidet, halten seine Berliner Nachbarn für verfehlten Jugendwahn. Und die 2002 gestorbene ZEIT- Herausgeberin Marion Dönhoff fand bei der Feier ihres 90. Geburtstags den rappelscharfen kurzen Rock der nicht mehr so jungen Präsidentin der Frankfurter Viadrina und jetzigen Kandidatin für das Bundespräsidentenamt Gesine Schwan schlicht unschicklich.

So banal wie wahr: Das Alter und das Altern hat viele Gesichter. Wir alle wollen zwar alt werden, aber nicht alt sein. „Ich bin ein älterer Herr und fühle mich wie alle älteren Herren jünger, als ich wirklich bin“, sagte der 80-jährige Paul Flora, der große Zeichner aus Österreich, worauf eine Journalistin ihn als Greis charakterisierte. „Alter ist Scheiße“, stellte der von Altersbeschwerden geplagte Henri Nannen, ehemals Herr über den stern, lakonisch fest, und die alte Dame, weit über 90, abhängig von Pflegerinnen und des Lebens müde, murmelte: „Das Alter ist eine Zumutung.“

Doch Alter ist nicht gleich Alter. Gene und Lebensumstände prägen den Alterungsprozess, er verläuft unterschiedlich schnell, unterschiedlich stark. Da sind die jungen Alten, so zwischen 60 und 70, und es gibt die alten Alten, die Hochbetagten ab 80. Jene umtriebig, aktiv, sofern nicht noch in Lohn und Brot, auf Reisen und in Hörsälen, in Vereinen und Museen, im Garten oder auf Campingplätzen, und diese, von Beschwerden des Alters, besonders den Demenzerkrankungen, heimgesucht und Einbußen der Lebensqualität erduldend.

Das Alter wird immer länger und die Alten immer mehr: Bei der letzten Bürgerschaftswahl in Hamburg war fast jeder dritte Wahlberechtigte über 60 Jahre alt. Lag vor 150 Jahren die Lebenserwartung eines Menschen bei seiner Geburt noch bei 40 Jahren, werden Frauen heute durchschnittlich 80, Männer knapp 75 Jahre alt. Nicht nur bei den Jungen stieg die Lebenserwartung, sondern auch bei sehr alten Menschen. Ein 80-Jähriger hat heute noch acht Jahre vor sich, doppelt so viel wie vor drei Jahrzehnten. Gestiegen ist auch die Lebensqualität der Älteren. Die 70-Jährigen von heute sind körperlich und geistig so fit, wie 65-Jährige es vor 30 Jahren waren, außerdem sind sie gesünder als ihre Altersgenossen von damals.

„Mehr Alte in die Politik“

Natürlich spüren auch sie die Jahre. Öfter gehen sie zu Beerdigungen als zu Hochzeiten. Ihr Leibesumfang nimmt zu, eine durchzechte Nacht bleibt länger in den Knochen. Beim Treppenstei-gen geraten sie ins Schnaufen. Und das Gedächtnis! „Wo habe ich es nur hingelegt?“ Sie müssen gar nicht so alt sein wie der Philosoph Hans-Georg Gadamer, der, als er 95 wurde, erzählte: „Die Hälfte meines Lebens suche ich etwas. Das ist meine Hauptbeschäftigung heute.“

Aber trotz Schnaufen und Tüdeligkeit, die Lebensalter haben nicht nur Schwächen, sondern auch Stärken. Doch diese werden von der Gesellschaft wenig wahrgenommen. „Das Potenzial, das viele Menschen im reifen Erwachsenenalter aufweisen, also zwischen 55 und 75, wird unterschätzt“, sagt Clemens Tesch-Römer, der Leiter des Deutschen Zentrums für Altersfragen in Berlin. „Die vorhandene Erfahrung wird zu häufig nicht mehr genutzt, weder in der Arbeitswelt noch im bürgerschaftlichen Engagement.“

Ein Beispiel ist die Politik. Der angesehene Psychologe und Altersforscher Paul B. Baltes verweist darauf, wie horrend unterrepräsentiert die ältere Bevölkerung etwa im Bundestag ist. In der letzten Legislaturperiode waren nur 1,6 Prozent der Abgeordneten älter als 65. Älter als 70 war nur ein Abgeordneter. Der gegenwärtige Bundestag zeigt die gleichen Schwächen. Zwei Abgeordnete repräsentieren die Jahrgänge 1932 bis 1935, 0,3 Prozent. Ihr Anteil an der wahlberechtigten Bevölkerung beträgt dagegen fünf Prozent. Und Baltes fragt polemisch:„Könnte es sein, dass unsere Politiker zu jung sind, dass sie deshalb die mit dem Älterwerden der Bevölkerung zusammenhängenden Probleme der Zukunft nicht begreifen können?“

Der Bundestag muss ja nicht wie das britische House of Lords bestückt sein, wo fast die Hälfte der ehrenwerten Lords die 70 überschritten hat. Im Unterhaus sind immerhin von über 600 Abgeordneten rund 100 älter als 60 Jahre. Deutschland dagegen hisst auf der politischen Bühne die Fahne der Jugend. Eine Art Ressourcenverschwendung sei das, meint Baltes. „Gerade in einer Zeit, da immer mehr Leute immer älter werden, in der vor allem die 60- bis 70-Jährigen immer gesünder werden, ist es notwendig, die besonderen Fähigkeiten aller Lebensalter und Generationen in das Kalkül effektiver Politberatungen und Politikentscheidungen einzubringen.“

Die ganze Gesellschaft, so scheint es, fordert die Kompetenzen und Fähigkeiten ihrer Alten allenfalls in Grenzen heraus. Ab in den Ruhestand, möglichst früh, um Platz zu schaffen für die drängelnde Jugend. Die Stellenanzeigen suggerieren es: Gesucht wird der vielsprachige, mobile, weltenkundige, mit einem Sack voller Erfahrungen bepackte 30-Jährige. Allenfalls bei den Heiratsanzeigen hat der (männliche) Ältere, zu Wohlstand Gekommene Chancen, zumal wenn er noch Golf spielt und auf Kreuzfahrten nicht seekrank wird.

Altersdiskriminierung bekommen die Alten durchaus zu spüren, aber ein Gesetz dagegen gibt es – anders als in anderen Ländern – in Deutschland nicht. Ein entsprechender Entwurf des Justizministeriums verschwand in der Schublade, als die Arbeitgeberverbände lauthals protestierten. Die Senioren bleiben im Erwerbsleben außen vor. Was bleibt ihnen da anderes übrig, als sich in ihrem Ruhestand gemütlich einzurichten? Wobei diese Gemütlichkeit zu einem vollen Terminkalender führt. Die Vergnügungen und die Erfüllung hinausgeschobener Träume müssen geplant sein: Besuch von Vorträgen, Konzerten, Vorlesungen (rechtzeitig bei Kant für Anfänger im Hörsaal sein, um vor den Studenten einen Platz zu ergattern), kurze Trips, lange Reisen, mit den Enkeln nach Usedom und ins Weihnachtsmärchen, Kunstmessen, Flohmärkte, Arztbesuche, Golf spielen („Haben Sie noch Geschlechtsverkehr, oder spielen Sie Golf?“).

Museen, Theater – was wären die Kulturveranstaltungen ohne die Alten („Wir wollen unsere Klassiker nicht nackt auf der Bühne sehen!“)? Hannelore Schlaffer, 65 Jahre alt, Professorin für Neue Deutsche Literatur, hat in ihrem Büchlein Das Alter klug beobachtet, wie der aus dem Berufsleben ausgeschiedene Mann seiner Gattin nicht mehr entkommt: Keine unbeobachteten Geschäftsreisen mehr, die Arbeit kann nicht mehr als Ausrede für Affären mit der Sekretärin herhalten. Also muss er im Schlepptau seiner Frau in die Geschäfte gehen, darf nicken zu dem, was sie aussucht, und dies nach Hause tragen. „Vom Kaufhaus sieht man die Gattin unbeschwert“, schreibt sie, „den Gatten mit Plastiktüten bepackt zum Parkhaus schreiten. Der erfolgreiche Geschäftsmann ist zum Ladendiener seiner Frau geworden.“ Und trefflich hat Loriot in Pappa ante Portas dieses Drama aus der Perspektive einer Gattin beschrieben, die plötzlich den unterbeschäftigten Alten den ganzen Tag zu Hause hat.

Deutschlands Alte: Es geht ihnen gut, und sie fühlen sich wohl, ob sie nun gerade in den Ruhe-stand getreten sind, den 80. Geburtstag hinter sich oder den 100. vor sich haben. Die ältere Generation hat sich häuslich eingerichtet, ob in den eigenen vier Wänden, wo die weitaus ganz große Mehrzahl der Alten und sehr Alten lebt, oder in Heimen, wo nur ein geringer Teil untergebracht ist. Von den über 95-Jährigen sind es lediglich neun Prozent. (Allerdings sind 37 Prozent der Bewohner eines Heimes über 95 Jahre alt.)

In der Berliner Altersstudie, einer grundlegenden interdisziplinären Untersuchung des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung über die Situation alter Menschen in Berlin (zwischen 70 und 103 Jahren), wurde mit vielen in der Öffentlichkeit grassierenden Klischees über die Vorstellungen vom Alter aufgeräumt. Nach dieser Untersuchung sind die meisten alten Menschen mit ihrem Leben zufrieden. Zwei Drittel fühlen sich gesund, fast zwei Drittel fühlen sich gesünder als ihre Altersgenossen. Über zwei Drittel meinen, dass sie ihr Leben selbst bestimmen können, und fühlen sich selbstständig und unabhängig. Mehr als neun von zehn alten Menschen haben noch ausgeprägte Lebensziele. Nur ein Drittel ist vorwiegend vergangenheitsorientiert.

Reicht die Rente für den Bordeaux?

Zum Wohlbefinden älterer Menschen gehört das Gefühl, materiell so versorgt zu sein, dass man bis an das Ende seiner Tage klarkommt. Günter K. hatte Muffensausen, als er mit 65 in den Ruhestand geschickt wurde und mit seiner Frau über Rentenbescheid und Erspartem brütete. Wird es langen? Er sah sich zwar nicht am Hungertuch nagen, fürchtete aber, auf seinen Bordeaux verzichten zu müssen. Ein paar Monate später wirkte die Welt schon rosiger. Günter K. schwang den Tennisschläger und verkündete: „Mir geht es blendend.“

Die Sorge war verschwunden, der Kopf war frei, er war in seine neue Lebensrolle hineingeschlüpft. Er hörte auf, seine noch tätigen Kollegen zu beneiden, die im Büro hinterm Schreitisch hockten, sondern blickte auf seine eigene Vergangenheit zurück und stellte dabei überrascht fest, dass sein Leben mit 65 doch eine angenehme Wendung genommen hatte – zum Besseren sogar. So gesehen wurden die einstigen Kollegen zu „armen Schweinen, die noch arbeiten müssen und von denen immer mehr verlangt wird“.

Die so heftig geführte Diskussion über die Renten lässt unseren Rentner relativ kalt. Seine Rente bleibt mehr oder weniger stabil – jedenfalls ist das seine Überzeugung. Gewisse Einbußen, keine Erhöhung, höhere Arztgebühren meint er verschmerzen zu können. Die Lebenszufriedenheit der Alten sei in den letzten Jahren sogar leicht gestiegen, sagt Tesch-Römer. Probleme mit der Rente hätten heute eher die Jüngeren, „sie können die Höhe ihrer Alterseinkünfte überhaupt nicht vorhersagen. Wie soll man da eine vernünftige private Planung der finanziellen Sicherung im Alter machen?“ Gut betuchte Pensionäre mit Vermögen im Hintergrund, so will es der Chef der Augustinum-Altersheime allerdings bemerkt haben, hätten sich während der New-Economy-Blähungen verleiten lassen zu zocken. Ein Fehler, denn nun schauen sie etwas belämmert aus ihren luxuriösen Heimstätten ins Grüne und bestellen statt Taittinger ein Pülleken Prosecco.

Altersarmut dagegen ist entgegen der herrschenden Vorstellung so gut wie nicht vorhanden. Nach der Berliner Altersstudie verfügen die über 70-Jährigen sogar über ein leicht höheres Einkommen als das statistisch ermittelte Durchschnittseinkommen eines Haushalts. Doch es herrscht massive Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Alte Frauen sind deutlich schlechter gestellt. Vor allem wenn sie geschieden sind, krebsen sie an der unteren Grenze, wo die Armut beginnt, wo die Sozialhilfe einsetzt. Das gilt besonders dann, wenn sie in jüngeren Jahren nicht durchgehend erwerbstätig waren. Witwen haben es da besser. Oft kumuliert ihre eigene Rente mit der Hinterbliebenenrente.

Mit den Jahren kommt die Weisheit

Doch alte Menschen entwickeln häufig eine besondere Fähigkeit, mit Gebrechen und Einschränkungen umzugehen. Altersweisheit nannte man das früher, und so nennt es Paul Baltes auch heute wieder. Er hat daraus zusammen mit anderen seine Weisheitsforschung entwickelt. Das Alter bringt es mit sich, dass Menschen „ihre Ansprüche und Erwartungen entsprechend ihren abnehmenden Handlungsmöglichkeiten reduzieren“, heißt es im Vierten Altenbericht der Bundesregierung . Dies hilft ihnen, „ein hohes Wohlbefinden aufrecht zu erhalten und auch ein Schicksal eines Lebens in Armut zu bewältigen, beziehungsweise als weniger gravierend anzusehen“. Das Wohlbefinden insgesamt hängt mit steigendem Alter immer weniger vom verfügbaren Einkommen ab, stellt der Altenbericht fest. Andere Faktoren, unter anderem Gesundheit, Mobilität, soziales Netzwerk, spielen dann eine größere Rolle.

Viele Alte scheinen – entgegen der landläufigen Meinung – auch seelisch stabiler zu sein als Jüngere. „Alte Menschen haben zwar viele Verlusterlebnisse, sind auch schon mal verstimmt, aber Depressionserkrankungen sind bei ihnen weniger häufig“, sagt Ulrich Hegerl von der Universität München und Sprecher des Kompetenznetzes „Depression, Suizidalität“.

Mit zum Wohlbefinden gehört das Gefühl, noch gebraucht zu werden. Da steht der Trend aufseiten der Älteren: Single-Haushalte, doppelt verdienende Eltern, Patchwork-Familien machen aus der guten alten russischen Babuschka eine moderne Gesellschaftsstütze. Ohne die Großmutter und den Großvater käme manche Familie arg in die Bredouille. Der materielle Transfer von den Älteren zu den Jüngeren ist von immenser Bedeutung. Da langt der Alte in sein Erspartes, um das Reihenhaus seines Sohnes mit zu finanzieren. Da schließen die Großeltern für die Enkel einen Ausbildungsvertrag ab oder löhnen für die zu Bruch gegangene Spülmaschine. Die Berliner Altersstudie kommt zu dem Schluss, dass rund 30 Prozent aller über 70-Jährigen im Durchschnitt 2000 Euro pro Jahr (4000 DM 1999) ihren Kindern zukommen lassen.

Rechnete man die Stunden (à 10 Euro) ab, in denen Großeltern ihre Enkel betreuen, käme ein schönes Sümmchen zusammen, das das Herz des Finanzministers höher schlagen ließe, könnte er darauf Steuern erheben. Jede sechste Großmutter sieht mindestens eines ihrer Enkelkinder täglich, jede vierte mehrmals in der Woche. Und die Großväter verbringen mehr Zeit mit ihren Enkeln als früher mit ihren eigenen Kindern. Auch Hamburgs Schulsenator will, da seine Liberalen den Sprung in die Bürgerschaft nicht geschafft haben, mit seinem „süßen Enkel“ mehr Zeit verbringen…

Also auf mit dem Kleinen ins Legoland – natürlich mit dem Auto. Auch wenn die Mehrzahl der über 60-Jährigen nicht Auto fährt, so klemmen sich viele Ältere zu gerne hinters Steuer und zockeln gemächlich über Landstraßen und Autobahnen. Wenn sie dann noch den Campingwagen angekoppelt haben, werden sie nicht selten zu einer Nervenprobe für jene, die an ihnen vorbei wollen.

„Mehr Höflichkeit im Straßenverkehr“ ist der immer wieder geäußerte Wunsch älterer Autofahrer, und sie verweisen stolz auf die Statistik, die ihnen bescheinigt, dass ihre Altersgruppe viel weniger Verkehrsunfälle verursacht als andere. Sie mögen ungern hören, dass sie dennoch ein Risiko darstellen. „Mit dem Lebensalter lassen die Reaktionsgeschwindigkeit und die Schnelligkeit, mit der Informationen verarbeitet werden, nach. Man braucht einfach länger, um auf eine rote Ampel oder ein bremsendes Auto zu reagieren“, sagt Tesch-Römer. Sollte man alte Leute deshalb einem Spezialtest unterziehen, vielleicht einen Altersführerschein einführen? Nicht nötig, meint er, allerdings: „Warum eigentlich keine Überprüfung von Seh- und Reaktionsfähigkeit ab einem Alter von 70 oder 75 Jahren? Das ist auch im Interesse älterer Verkehrsteilnehmer.“ Laut einer Umfrage aus dem Sommer des vergangenen Jahres befürworten 86 Prozent der Bevölkerung einen solchen Test, 79 Prozent der Befürworter sind über 60 Jahre.

Die 83 Jahre alte Marion Dönhoff mochte keinesfalls auf ihren Führerschein verzichten, als sie einen schweren Unfall baute. „Ich fahre genauso gut wie vor 20 Jahren“, stellte sie kategorisch fest. Wie für viele andere ihrer Altersgenossen auch bedeutete für sie selbst Auto zu fahren, die Unabhängigkeit zu bewahren. Wenn was schief geht, ist halt die Technik schuld.

„Die Bedienungsknöpfe sind eben zu klein“, empörte sich die noch jugendliche ZEIT- Redakteurin Susanne Gaschke, als sie den Audi A3 testete und feststellte: „Es müsste sich doch herumgesprochen haben, dass wir in einer alternden Gesellschaft leben und dass künftig immer mehr Menschen Freude an großen schönen Knöpfen haben werden.“ Die alte Dame, die ihr Leben lang so gern Musik gehört hatte, klagte nicht. Aber man sah ihr die Verzweiflung an. Zuerst hatte der Verkäufer sie nicht verstanden, als sie einfach ein neues Radio verlangte, und nun ist das neue Teil nebst integriertem CD- und Kassettenabspieler für sie ein Buch mit sieben Siegeln. Zu viele Knöpfe, zu viele Schalter, eine klein gedruckte, unverständliche, mit englischen Ausdrücken gespickte Bedienungsanleitung. Eine Art simplen Volksempfänger mit zwei Knöpfen, ein und aus, laut und leise, wünschte sie sich. Der Elektrohändler musste passen.

„Junge und alte Menschen leben mit Sachen, die jüngere Menschen gestaltet haben. Aber für wen gestalten Jüngere? Für ihresgleichen“, schrieb Gero von Randow in einem Artikel über altersgerechtes Design. Technik, die von Älteren verstanden und bedient werden könnte, wäre ungeheuer hilfreich. Die intelligente Küche mit dem unkomplizierten Herd, der sich abschaltet, wenn das Wasser im Topf verdampft oder die Milch übergelaufen ist.

Die Altersängste wachsen beim Thema Internet. Die Zahl derjenigen, die furchtlos damit umgehen, ist noch verschwindend gering. Doch viele würden zu gerne ihren Brockhaus von 1968 über eBay anbieten oder den preiswertesten Flug nach Mauritius herausfinden. Aber wie? Die Hemmschwelle vor dem Computer ist groß und das Können gering. Die Furcht, auf die falsche Taste zu drücken und womöglich alles zum Absturz zu bringen, lässt sie den achtjährigen Enkel zu Hilfe rufen, der sie übers Telefon locker auf die richtige Fährte bringt.

Die Katze als Seelentrost

Manchmal ist viel Weisheit gefragt, um mit versteckten Diskriminierungen fertig zu werden. Wenn man den Älteren schon gerne ihr Auto wegnähme und ungeduldig wird, wenn sie vor dem Fahrscheinautomaten kapitulieren, so sollte man ihnen doch wenigstens den Kanarienvogel, die Katze oder den alten Dackel gönnen. Die volksnahe Bild- Zeitung jaulte mit den Alten auf: Wollte doch der Leiter des Berliner Tierheims Rentnern über 65 keine Hunde mehr an die Hand geben. Begründung: „Der Hund soll sein Herrchen oder Frauchen nicht überleben.“

Dem unsensiblen Tierheimleiter sei der Vierte Altenbericht der Bundesregierung zur Lektüre empfohlen: „Ein Haustier gibt allein stehenden alten Menschen das Gefühl, gebraucht zu werden. Es kann über den Verlust einer Person hinwegtrösten, und es kann helfen, neue Kontakte zu knüpfen. Es bewahrt so vor Vereinsamung. Emotionale Bedürfnisse werden befriedigt, und das Selbstwertgefühl wird gestärkt.“

Je älter der Mensch wird, umso deutlicher zeichnen sich die Altersverluste ab, bis sie nicht mehr zu übersehen sind, geschweige denn zu kompensieren und zu kaschieren. Mögen die Apotheken noch so viele Mittelchen für ein besseres Gedächtnis und gegen Inkontinenz feilbieten. Die Zeitspanne der 60- bis 70-Jährigen, auch der bis 80-Jährigen, mag sich noch vergnüglich gestalten, mit Spaß am Leben. Nur gilt dies auch für die alten Alten, die über 80-Jährigen, die 90-Jährigen, die Hochbetagten, für das vierte Lebensalter, wie Gerontologen die letzte Spanne vor dem endgültigen Aus nennen?

Ernst Jünger und Hans-Georg Gadamer konnten, schreibend und philosophierend, von Geburtstag zu Geburtstag hangelnd, Nachrufe zu Lebzeiten hörend und den 100. bei klarem Verstand erleben. Auch Johannes Heesters schlurft 100-jährig noch über die Bühne, obwohl ihm zu wünschen wäre, er folgte der Zeile aus einem Gebet von 1692: „Ertrage freundlich gelassen den Ratschluss der Jahre, gib die Dinge der Jugend mit Grazie auf.“ Der 85-jährige Helmut Schmidt ist gefragter denn je, Zeitzeugen seines Kalibers und Alters, die noch bei klarem Verstand sind, werden rar. Auch der 76-jährige Kurt Masur wird den Taktstock nicht aus der Hand legen; Dirigenten sind oft sehr alt. Was heißt: Das hohe Alter und Altern überhaupt lassen sich nicht über einen Leisten schlagen.

Hoffnung mit Trauerflor

Unübersehbar aber ist, dass jenseits der 80, 85 Jahre, im vierten Lebensalter, nicht nur Höchstleistung immer seltener wird. Es ist ein Lebensabschnitt, in dem jedem zweiten Greis der Geist erlahmt. Was den Bundespräsidenten nicht hindert, den Jubilaren zum 100. zu gratulieren. Waren es vor 40 Jahren noch übersichtliche 165, so musste 1998 die präsidiale Post schon 2500-mal abgehen, davon allerdings nur 365-mal an männliche Adressaten.

Ob in Zukunft das maximale Lebensalter weiter ansteigt, ob also in Deutschland Ende dieses Jahrhunderts die meisten Menschen zwischen 85 und 115 Jahre alt werden, ist unter Wissenschaftlern offen. Aber Morbidität und Mortalität sind nicht deckungsgleich, sie können weit auseinander klaffen. Man kann morbide sehr alt werden. Werden diese im höchsten Alter hinzukommenden Lebensjahre auch gute Jahre sein?, fragt Paul B. Baltes. Er nennt diesen letzten Lebensabschnitt „Januskopf des Alters“ oder „Hoffnung mit Trauerflor“. Es geht nicht darum, die Altersgrenzen weiter nach oben zu treiben, etwa durch genetische Manipulationen, sondern es geht um ein qualitätsvolles Leben bis zum Ende. „Add life to years, not years to life“ ist sein Motto wie das der gerontologischen Gesellschaft der USA.

Das hohe und höchste Alter ist gekennzeichnet von Gebrechen. Der Schwerhörigkeit entgehen nur ganz wenige, die Sehkraft lässt nach, der Stock wird zum dritten Bein. Vergesslichkeit nimmt zu, Orientierungsstörungen treten auf, die richtigen Worte zu finden fällt schwer, Schmerzen quälen. Alle Formen der Demenz bis hin zur Alzheimer-Krankheit überschatten den letzten Lebensabschnitt. Gelingt es der Forschung, Alzheimer in den Griff zu bekommen, wäre die Altersdemenz eine halb so große Bedrohung. Fast eine Millionen Menschen über 65 Jahren leiden an einer Demenz. Bei den über 90-Jährigen jeder Zweite. Man kann es drehen und wenden wie man will, die grauen Zellen schwinden dahin wie der Schnee in der Sonne. Die Intelligenz nimmt ab bei allen Menschen, beim einfachen Arbeiter am Fließband wie bei einem hochtrainierten Geist.

Noberto Bobbio, der italienische Rechtsphilosoph, der 95 Jahre alt wurde, fragt in seinem Büchlein De senectute, ob das Alter zu kurz sei. „Für viele alte Menschen, die sich nicht mehr selbst helfen können, dauert es zu lange! Wer unter alten Menschen lebt, weiß, für wie viele von ihnen der letzte Lebensabschnitt nicht zuletzt dank der medizinischen Fortschritte, die in vielen Fällen eher am Sterben hindern, statt das Leben angenehm zu machen, zu einem langen, oft sehnlichen Warten auf den Tod geworden ist. Kein Weiterleben, sondern ein Nicht-sterben-Können.“

„Lieber Gott, lass mich sterben“, flüsterte ein alter Herr im Sessel, die Zeitung auf dem Schoß. Doch die Natur erfüllte ihm seinen Wunsch nicht so schnell, sie trübte seinen Geist und hielt ihn bei gutem Appetit. Die Jahre gingen ins Land, bis er, nicht mehr wissend, wer wer war und welche Stunde schlug, über seiner Zeitung für immer einschlief.

Der Sterbewunsch führt nicht automatisch zum Suizid. Auch wenn unter hoch betagten Männern die Selbstmordrate sehr viel höher ist als in anderen Altersgruppen, besonders in der Altersgruppe der 85- bis 90-Jährigen. Der Arzt und Psychotherapeut Paul Götze vom Universitätskrankenhaus in Hamburg initiiert gerade ein Forschungsprojekt über Suizidalität bei älteren Menschen. Es ist ein archaisches Relikt, dass unter Naturvölkern die Alten zum Sterben ins Meer oder in die Wildnis gingen, um das Überleben des Volkes zu sichern. Dennoch, so meint er, ist von diesem „ursprünglichen Gedankengut viel mehr noch lebendig, als wir uns eingestehen möchten. Der alte kranke Mensch wird mehr als eine Last denn als eine Aufgabe empfunden!“ Der Arzt ist davon überzeugt, dass selbstmordgefährdeten älteren Menschen geholfen werden kann, wenn man ihr Selbstwertgefühl wieder stärkt.

Sie brauchen Zuwendung. Viele von ihnen, auch wenn sie nicht laut klagen, fühlen sich allein, einsam gar, isoliert, auch dann, wenn sie in Heimen leben, zumal, wenn sie demenzkrank sind. Sie leben häufig ohne Partner, oft im Witwenstand. von den über 80-Jährigen sind es weit mehr als die Hälfte. Das familiäre Netzwerk fängt viele von ihnen auf. Irgendwann, nicht immer, setzt Pflege ein, zu Hause, oder wenn die Übersiedlung in ein Heim unvermeidlich wird. Die große Aufmerksamkeit, die der Pflege in den Medien – zu Recht – geschenkt wird, verzerrt gelegentlich das Bild. So beschließt der weitaus größte Teil der Alten sein Leben zu Hause, nur ein kleiner Teil in Heimen. Eineinhalb Millionen empfangen Leistungen aus der Pflegeversicherung. Die ambulanten Dienste tun ihr Möglichstes, doch die Besuche bei ihren Schützlingen werden in genau aufgeschlüsseltem Minutentakt erledigt – waschen, anziehen, ab zum nächsten Fall. In Sachen Pflege sind die Defizite nicht zu übersehen.

Es ist nicht leicht, mit dem Alter fertig zu werden, und alt werden kann man nicht lernen. „Es passiert, ob wir es ertragen oder nicht“, schreibt Monika Maron. „Rückblickend lernen wir alle das gleiche: Die Zeit vergeht so schnell. Manchmal, wenn ich diesen herzlosen Hochmut in den Augen eines Fünfunddreißigjährigen finde, denke ich dann an eben das, was ältere Frauen und Männer dann schon immer gedacht haben: Ach, wenn du wüßtest…“

Haug von Kuenheim, Jahrgang 1934, trat 1963 in die Redaktion der ZEIT ein. Er arbeitete auf verschiedenen Positionen, bis er sich 2001 dem Alter gehorchend ins Private zurückzog

 
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