Mit dem Echten ist es so eine Sache. Wir suchen es und das Reine, Wahre, Unbedingte dazu. Manche suchen es in Gott, und von heute an sind wir alle eingeladen, Gott im Kino zu suchen. Gewiss, das ist eine eher skurrile Idee, doch Mel Gibson möchte uns den "wahren" Christus zeigen in seinem "echten" Leid, zu dessen Illustration er viel Filmblut vergießt. Und ist das nicht wieder falsch, wieder nur Theater, Hollywood, Kommerz? Aber wo gibt es dann das echte "Echte"? War zum Beispiel die Vergangenheit "echter", als fromme, alte Oberbayern reinen Herzens im Kerzenschein Kruzifixe schnitzten?

Der Reporter packt seinen Koffer und reist nach Oberammergau. Bald steht er in der König-Ludwig-Straße vor dem Kofel, einem Berg, der sich besonders fett hinhockt, um sich dann am Gipfel besonders kokett und spitz in die Wolken zu zwirbeln. Links hat der Holzbildhauer Tobias Haseidl seine Werkstatt. Hier wird der Leib Christi nach alter Art aus dem weichen Holz der Linde gehauen oder aus dem der Zirbelkiefer. Hier muss also nun das Echte wohnen, ganz nah bei Gott oder wenigstens dem Bildnis seines Sohns.

Zuerst verleiht der Künstler dem nackten Holzklotz ein Profil. Die Maße nimmt er mit dem Zirkel von einem Plastilinmodell ab, weil sich auch der erfahrenste Holzschnitzer mit dem Auge leicht verschätzt. Dann steigt am Ende nach all der Arbeit Jesus mit zu kurzen Unterschenkeln aus dem Holz; ein "verhockter" Jesus. Die Arbeit beginnt am höchsten, am weitesten vorstehenden Punkt. Bei der Statue, an der Haseidl gerade den letzten Schliff anlegt, war es das Knie. Schultern und Füße sind andere wichtige Fixpunkte. Die Arme werden später mit Dübeln und Leim an den Schultern befestigt. Disziplin ist entscheidend. Ziel der ersten Arbeitsphase ist die Nachbildung des Modells, "als hätte man ihm einen Strumpf übergezogen". Wer sich zu früh an die Details macht, begeht leicht Fehler, die sich später nicht mehr korrigieren lassen.

Der vielleicht 40 Zentimeter große Christus, an dem Haseidl gerade arbeitet, reckt sich in einer tänzerischen Geste himmelwärts. Es sei ein halb gekreuzigter, halb auferstehender Christus, sagt sein Schöpfer. Er mag die toten, leidend nach unten sackenden Christus-Figuren nicht. Der Künstler redet wie ein Wasserfall, wie einer, der nicht oft nach seiner Arbeit befragt wird: Man werde schon etwas schrullig, wenn man den ganzen Tag allein in der Werkstatt arbeitet. Seine Kunden sind vielleicht ein wenig wie er. Sie suchen das Besondere, das Authentische und Handgemachte irgendwo im Grenzbereich von Kunst, Handwerk und Religion. Haseidl verkauft seine Arbeiten nicht über einen der vielen Holzschnitzerläden im Ort. Er präsentiert seine Werke auf Messen, und er wird weiterempfohlen. Er ist dankbar für sein Talent und das Privileg, davon leben zu können. Der Wunsch seiner Kunden nach dem Echten geht ihm allerdings manchmal fast schon wieder zu weit. Sie wollen rohe Holzfiguren, sagt er. Bemalung käme ihnen schon "unecht" vor. Sie wüssten gar nicht, wie viel authentische Arbeit im Bemalen steckt.

Das Aus-dem-Holz-Hauen sei eine aggressive Tätigkeit, sagt Tobias Haseidl. Dazu hört er gern aggressive Musik. Erst kürzlich ist er von Rock auf Klassik umgestiegen, von Guns N’ Roses auf Beethoven. Es stimmt, Guns N’ Roses waren auf dieser Reise nicht vorgesehen, aber verschweigen darf der Reporter ihren Auftritt nicht. Genauso wenig wie den Ring im Ohr des mit 39 Jahren noch recht jungen Bildhauers. Man darf sich den Haseidl Tobias nämlich nicht als frommes altes Männlein vorstellen. Der Künstler kommt zwar aus einer alten Holzschnitzerfamilie. Sein Großvater mütterlicherseits war noch ein echter Herrgottsschnitzer. Der Enkel aber ist ein aufgeklärter Individualist.

Künstlerglück in der Millimeterarbeit

In seinem hell eingerichteten Haus lebt er glücklich in einer Patchworkfamilie; aus diesen Räumen führt kein Weg in die dunklen Schreckenskammern mittelalterlicher Gottesfurcht und Frömmigkeit. Haseidl ist ein moderner Katholik, der mit seinem Gott einen recht privaten und undogmatischen Umgang zu führen scheint. Die Kirche weist einem wie ihm eher den Weg zur Globalisierungskritik als zum Kondomverbot. Und Gott zeigt ihm offenbar eher die Schönheit der Welt als die Sündigkeit seines Lebens.

Gern spricht er von der Beliebigkeit der modernen Kunst, von seinem Leiden daran, dass alles schon einmal da gewesen sei. Sein persönliches Glück als Künstler findet er im Detail – wenn er sich in Millimeterarbeit durch viele Schichten von Tradition und Handwerk hindurchgeraspelt hat, an seine Figur letzte Hand anlegt und ihr im Ausdruck von Gesicht und Händen den Haseidl-Touch verleiht. Er hat es gerne lebendig und expressiv, fast theatralisch. Das ist seine Zuflucht – die kleine Drehung des Arms, die Neigung des Kopfes. Das ist der Eigenwille, den er sich leistet. Auf die Momente, in denen er ihn ausleben kann, arbeitet er hin. Dieses Spiel mit den Formen dehnt er so lange wie möglich aus. So wachsen seine Arbeiten aus dem Holz. Der Reporter denkt an die Szenen aus dem Film Terminator 2, in der sich der böse Roboter aus flüssigem Metall in seine eigene Form erhebt: ein Schöpfungsakt. Das Gestalten ist eine göttliche Lust. Haseidl genießt sie voller Heiterkeit. Er will nicht beten, er will spielen.