Herrgottsschnitzer Aus anderem HolzSeite 2/2

So viel Hedonismus, so viel Begeisterung bei offenbar ausreichend Geschäftstüchtigkeit, um die kleine Familie Haseidl fröhlich über Wasser zu halten, sind schön. Aber dem Reporter fehlt doch etwas in diesem Idyll. Er hat sich das Echte – besonders in seiner biblischen Form, besonders nach dem Genuss von Mel-Gibson-Trailern – doch als etwas vorgestellt, das uns zittern und zagen und schaudern lässt. Das uns züchtigt.

Er will mehr über die Vergangenheit erfahren, über das harte, daher also wahre und echtere Leben der Vorfahren des Tobias Haseidl. Er besucht Florian Stückl, einen sanften Mann, der seit ein paar Monaten die Schnitzschule von Oberammergau leitet. Hier kann man das Holzbildhauerhandwerk studieren, und in den frühen achtziger Jahren hat auch Tobias Haseidl hier gelernt. Stückl nimmt ein Buch zu Hilfe, um dem Reporter die Geschichte der Oberammergauer Herrgottsschnitzer zu erzählen. Und rasch bereitet er dem Reporter die nächste Enttäuschung. Denn es stellt sich schnell heraus, dass sich die fromme Tätigkeit von Anfang an als blühendes Geschäft auf dem Frömmigkeitsmarkt beschreiben lässt.

Um das Jahr 1520 erwähnt ein Chronist des nahen Klosters Ettal zum ersten Mal die Oberammergauer Herrgottsschnitzer, die »das Leiden Christi so fein und klein schnitzen konnten, dass es in einer Nussschale Platz hatte«. Die Menschen hängten sich damals in jeden Raum ein Kruzifix und eins in den Stall dazu. Die Nachfrage war groß. Für die Ställe lernten die Schnitzer rasch, in Massen einfache Christus-Figuren anzufertigen, den so genannten Stallherrgott. Weg- und Feldkreuze wurden gebraucht. »Verleger« trugen die Schnitzarbeiten zu Fuß auf Kraxen über die Dörfer; die Geschäftstüchtigsten unter ihnen sollen es zu Filialen bis nach St.Petersburg gebracht haben. Die Holzschnitzer hatten neben Kruzifixen Heiligenfiguren und Holzspielzeug im Angebot. Mit der Industrialisierung wurden die Oberammergauer Passionsspiele weltbekannt. Als das 20. Jahrhundert anbrach, reisten Passionstouristen aus England und Amerika an und trugen Oberammergauer Schnitzwerk als Souvenirs mit nach Hause. Später wagte eine Abordnung von Holzschnitzern sogar die Überfahrt nach New York, um dort für ihre Arbeit zu werben. Und als die Nachfrage nach Kruzifixen in der Nazizeit sank, fertigten die Schnitzer hölzerne Reichsadler an. Gleich nach dem Krieg kam es dann zu einem schuldbewussten Kruzifix-Boom.

Erst spät wurde auf der Holzschnitzer-Bühne das Drama vom Kunstwerk in den Zeiten seiner technischen Reproduzierbarkeit gegeben. Ende der siebziger Jahre kamen die ersten Maschinenfräsen auf, sagt Stückl. Mit denen ließen sich Holzskulpturen nach einem Modell in Serie fertigen, acht oder zwölf auf einen Streich, in hartem Ahornholz. Tobias Haseidl erklärt, woran man die Maschinenarbeit erkennt: daran, dass alles rund und glatt ist. Die Maschinenfräsen können keine harten Schnitte setzen. Die Verräter am Echten, Handgeschnitzten haben ihr Zentrum im Südtiroler Gröden, in den Dolomiten, wo auch noch immer brave Handarbeiter leben, wie Florian Stückl rasch hinzufügt. Er will das angespannte Verhältnis nicht noch weiter strapazieren. Spannung herrscht auch zwischen den Oberammergauer Holzschnitzern und den Geschäften im Ort, die viel Grödener Fabrikware verkaufen. Da kann man leicht übers Ohr gehauen werden, denn Geschäft ist Geschäft. Doch auch für ungeübte Konsumenten gibt es Anhaltspunkte: Ein Christus am Kreuz für 50 Euro wird mit einem handgeschnitzten aus der Haseidl-Werkstatt wenig zu tun haben. Haseidl nimmt das Zwanzigfache.

Wie um alles endgültig zu verwirren, gibt es neben der handgeschnitzten und der maschinengefrästen Ware auch noch die vorgefräste: Der Künstler lässt ein Erfolgsmodell bis auf die letzten zwei Millimeter vorschleifen, spart sich den aggressiven und mühsamen Arbeitsgang des Aus-dem-Holz-Hauens und verleiht dem Rohling dann den letzten, künstlerisch-individuellen Schliff. Wenn er ehrlich ist, wie der Schuldirektor Stückl, verlangt er für so eine Arbeit auch weniger Geld. Aber für die Ehrlichkeit des gesamten Oberammergauer Holzschnitzwarenhandels wolle er seine Hand nicht ins Feuer legen, sagt Stückl und lacht.

Wo ist nun das Echte, das der Reporter in Oberammergau finden wollte? Beginnt das Unechte bei der vorgefrästen Skulptur zwei Millimeter unter der Oberfläche? Und wie kann man die vorgefräste von der ganz aus dem Holz gehauenen Figur unterscheiden? Mit dem Auge überhaupt nicht. Vielleicht mit den Mitteln der Inquisition? Soll man die Kruzifixe foltern? Sie auf die Feuerprobe stellen? Die Reise nach Oberammergau zeigt: Das Spannungsfeld aus Kunst, Gewerbe und Religion ist ein Bermudadreieck, in dem das »Echte« spurlos verschwinden kann, ohne dass man es merkt oder vermisst. Die Aura eines Kunstwerks bleibt Glaubenssache.

Ein Film besteht aus 24 Einzelbildern pro Sekunde. Mel Gibsons Passion ist 127 Minuten lang. Wenn zwei Drittel davon den Titelhelden zeigen, dann sind es 121920 Bilder vom Sohn Gottes, die hier pro Vorführung ins Land getragen werden. In Deutschland laufen circa 400 Kopien des Films, das macht über 48 Millionen Jesus-Bilder. In den USA ist der Film mit der zehnfachen Kopienzahl gestartet. Florian Stückl schätzt, dass dem circa 100 Kruzifixe gegenüberstehen, die jährlich in Oberammergau geschnitzt werden. Der Kaiser Konstantin V. im Byzanz des Jahres 760 hätte dem Gibson Mel, dem Haseidl Tobias und allen anderen Herrgottsschnitzern unterschiedslos bei lebendigem Leib die Zungen herausreißen lassen. Bei ihm galt noch das Bilderverbot der Bibel wider den heidnischen Brauch des Götzendienstes. Wer Bilder Gottes anfertigte oder verehrte, wurde grausam bestraft. Vielleicht ist es genau diese archaische Grausamkeit, nach der Gibsons Film sich trotzig und blutgierig sehnt. Das Mittelalter fand wenigstens darin noch eine Art von Gewissheit. Das ist vielleicht ein schlechter Anlass für Nostalgie. Wir wollen dankbar dafür sein, dass die archaische Grausamkeit, vorerst und in unserem Kulturkreis, ihren Ort auf der Leinwand gefunden hat. Und dass der Bildhauer Tobias Haseidl nicht den Zorn Gottes fürchtet, wenn er einen Herrgott schnitzt, sondern auf die Gnade der persönlichen künstlerischen Erfüllung hofft. Das Echte scheint auf Erden nicht zu haben zu sein. Aber Schönheit schon. Sie hat natürlich ihren Preis.

 
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