kommentar Die Angst unter Europas Juden wächst
Das Wiener Zentrum zur Beobachtung rassistischer Tendenzen in der EU legt diese Woche seine neue Antisemitismus-Studie vor. Die erste Version hatte heftigen Streit ausgelöst
Der Skandal um die erste europäische Antisemitismus-Studie ist noch in lebhafter Erinnerung. Er steckt der Leiterin des Wiener „Monitoring Center“ zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit innerhalb der EU (EUMC), der Deutschen Beate Winkler, immer noch in den Knochen. Im vergangenen Jahr hatte der Streit zwischen den Wiener Antirassismus-Wächtern und den Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung, die diese Studie verfasst hatten, immerhin zum Bruch geführt.
Die Kernaussage des Berichts, wonach vor allem in islamischen Gemeinschaften innerhalb der EU eine antisemitische Gewaltbereitschaft wachse, war dem EUMC methodisch zu undifferenziert, vielleicht aber auch politisch zu heikel. Die Wiener forderten Nachbesserung und hielten den Report zunächst zurück. Die Berliner fühlten sich dadurch in ihrer Forscherehre angegriffen, unterstellten politische Motive und alarmierten alle Welt mit dem Vorwurf der Zensur durch das EUMC. Diese relativ junge Organisation stand daraufhin sogar eine Zeit lang im Ruch, den europäischen Antisemitismus verharmlosen zu wollen. Das war zwar offenkundiger Unsinn, aber doch sehr irritierend, ein fatales Produkt aus gekränkter Eitelkeit auf der einen und politischer Ängstlichkeit sowie dilettantischer Kommunikationspolitik auf der anderen Seite.
Jetzt soll diese Affäre endgültig begraben werden. Am Mittwoch stellt das EUMC in Brüssel eine neue Studie vor, die auf breiterer Datenbasis und zusätzlichen Recherchen beruht: „Manifestations of Antisemitism in the EU“. Die Sammlung von Beobachtungen ist umfassend und ausführlich, sie war gründlicher vorbereitet und bietet daher eine breitere Basis als der ursprüngliche Bericht. Bessere Nachrichten allerdings kann auch die neue Arbeit nicht bringen, es bleibt dabei: Der Antisemitismus in der Gemeinschaft der 15 ist virulent und steigt. Und damit wächst auch die Angst in den jüdischen Gemeinden des „alten Europa“. Dabei ist die Erweiterung der Union, mit der viele Juden wegen der notorischen rassistischen Traditionen in den Beitrittsgesellschaften beträchtliche Sorgen verknüpfen, noch gar nicht berücksichtigt.
Noch hütet das Wiener EUMC die neue, 344 Seiten starke Studie wie ein Staatsgeheimnis. Nichts soll vorzeitig durchsickern. Die Angst, durch Indiskretionen und voreilige Kommentierung eine neue Skandalisierung auszulösen – etwa durch eine Mitgliedsregierung, deren Land in der Studie schlecht weg kommt – ist beträchtlich. Und nach dem 11.März von Madrid und der weiteren Eskalation der Gewalt im Nahen Osten ist die Diskussionsatmosphäre um Antisemitismus und islamistische Gewaltbereitschaft mit zusätzlicher Spannung aufgeladen. Das Umfeld der Veröffentlichung ist also mindestens so kompliziert wie vor einem Jahr.
Der neue Bericht stützt sich (ähnlich wie die frühere Arbeit der Berliner Antisemitismusforscher) auf Daten und Unterlagen der einzelnen nationalen Außenstellen des EUMC in den Mitgliedsländern der Union (in der Regel wissenschaftliche Forschungsinstitute und Experten in Nicht-Regierungsorganisationen, NGOs). An sie hatte das EUMC einen standardisierten, sehr umfangreichen Themenkatalog geschickt.
Gefragt wurde darin unter anderem nach:
- gewaltsamen Übergriffen gegen Juden, ihre Gemeinschaften, Organisationen oder Eigentum (Friedhöfe, Synagogen, religiöse Symbole);
- der zu Grunde gelegte Gewaltbegriff reicht von rassistisch motivierter physischer Aggression (Mord, Körperverletzung) über Brandstiftung bis zur Androhung von Gewalt (etwa durch Telefonterror);
- subtileren Formen der Diskriminierung, etwa in Form von antisemitischen Tendenzen in Medien, in der öffentlichen politischen Auseinandersetzung, im Internet, aber auch in Graffiti, auf öffentlich gezielt verteilten Flugblättern;
- Meinungsumfragen oder wissenschaftlichen Studien zum Antisemitismus in den jeweiligen Ländern;
- antisemitischer Literatur;
- positiven Beispielen für systematische Bemühungen um Bekämpfung rassistischer und antisemitischer Vorurteile, sei es durch Regierungen, andere öffentliche Stellen oder NGOs;
- positive Reaktionen von Politikern und anderen Meinungsführern mit dem Ziel, Polarisierungen und negativen nationale Entwicklungen entgegen zu wirken;
- dem Verhalten der Regierungen: „Wie hat die Regierung auf steigende antisemitische Gewalt reagiert?“
- Datum 25.03.2004 - 13:00 Uhr
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- Serie cvd
- Quelle (c) ZEIT.de, 29.3.04
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