technik Bill Gates’ starke Schwäche

Nicht Bußgelder, sondern die Software-Rebellen von Linux gefährden Microsoft

Kein Zweifel: Bill Gates hat sich verdient gemacht um die Informationsgesellschaft. Der Microsoft-Gründer und seine Experten marschierten zwar nicht immer an der Spitze des Fortschritts. Aber am Ende waren meistens sie es, die mit Software aufwarteten, die in Büros und daheim reißenden Absatz fand. Das gilt vor allem für ihre Betriebssysteme. Die verschiedenen Varianten von Windows stecken heute in fast jedem PC und in vielen Servern, die in Unternehmen ihren Dienst tun. Überall steuern sie als Kommandozentrale die Abläufe im Inneren der Rechner. Damit wurde ein Standard gesetzt, der den Umgang mit Computern enorm erleichterte. Trotz aller Klagen über Funktionstüchtigkeit, Rechnerabstürze und anderer technischer Probleme: Microsoft machte – neben Apple – die komplexe Technik auch für Laien beherrschbar. Doch niemand scheint es Gates zu danken.

Statt Anerkennung und Lob zieht der Softwarekönig wachsenden Zorn auf sich. Es ergeht ihm so wie allen Alleinherrschern, die ihre Macht immer weiter ausdehnen wollen, dabei Fehler machen und Revolten provozieren. Inzwischen kämpft Bill Gates an vielen Fronten. Nach jahrelangen Kartellverfahren in den Vereinigten Staaten versuchen jetzt auch die Wettbewerbshüter in Brüssel, ihn in die Schranken zu weisen. Der schwerwiegende Vorwurf: Die Gates-Company missbrauche ihr Quasimonopol und die daraus resultierende Marktmacht, um Konkurrenten zu behindern – und selbst neue Märkte für sich zu reservieren und Newcomer zu blockieren.

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Gates ist ein Marketing-Genie und hat inzwischen so viel Geld, dass er die Erfindungen anderer in Windeseile mit eigenen Produkten kontern kann, sobald sie sich als zukunftsträchtig erweisen. Und wenn er die neuen Programme dann auch noch mit seinem Betriebssystem verquickt, hat er stets einen riesigen Vorteil. Denn was beim Kauf schon drin ist im Computer, muss nicht erst noch draufgespielt werden; wie beispielsweise der Internet Explorer oder der Mediaplayer. Was einige Nutzer als komfortabel empfinden, kritisieren andere als Bevormundung. Und: Konkurrenten sehen in dieser Praxis ein höchst unfaires Geschäftsgebaren.

Ähnlichen Konfliktstoff gibt es bei der Server-Software. Wettbewerber beklagen, dass die technischen Schnittstellen zu den Microsoft-Betriebssystemen zu spät oder zu spärlich offen gelegt werden. Das mache es ihnen unmöglich, mit eigenen Produkten rechtzeitig am Markt zu sein. Manchmal kauft Gates auch Rivalen einfach auf, wenn sie ihm gefährlich werden könnten. Das spart zwar nicht unbedingt Geld, aber Zeit. Auf diese Weise hatte er bislang immer die Nase vorn – und eine wachsende Schar von Kritikern im Nacken.

So wie es zum Redaktionsschluss dieser ZEIT- Ausgabe aussah, verdonnert ihn die Brüsseler Wettbewerbs-Kommission zu einem Bußgeld von einer halben Milliarde Euro. Auch wenn das eine Rekordsumme ist, kann sie Gates locker verkraften, immerhin sitzt Microsoft auf rund 50 Milliarden Dollar Cash. Und was die gleichzeitig erteilten Auflagen für den Wettbewerb bringen, ist nach den Erfahrungen in den USA umstritten. Vor allem aber: Gates wird Einspruch einlegen und den Europäischen Gerichtshof bemühen. Dessen Urteil bleibt erst einmal abzuwarten.

Wahrscheinlich wird kein Marktkontrolleur dieser Welt Bill Gates bremsen können. Das hat einen ganz simplen Grund. Wer Microsofts dominierende Marktmacht wirksam eingrenzen will, der müsste das Prinzip Microsoft knacken. Dieses Prinzip basiert darauf, den Quellcode der Software, also dessen Strickmuster, geheim zu halten. Das betrachtet Gates als sein Eigentum, über das nur er ganz allein verfügen kann. Dieses geschlossene System ist die Grundlage seines kommerziellen Erfolges. Jede Verpflichtung zur Offenlegung bedeutete aber, vehement in Microsofts Rechte einzugreifen. Das aber stünde im Widerspruch zur Marktwirtschaft: Die basiert ja gerade auf Eigentumsrechten, die bei Software durch Patentierung geschützt wird.

Gefährlich werden können Microsoft hingegen jene Software-Rebellen, die von Anfang an auf Offenheit setzten. Aus einer kleinen, aber globalen Gemeinde von Freaks entstand die Open-Source-Bewegung. Ihr Kern ist ein Betriebssystem namens Linux. Dessen Strickmuster ist für alle zugänglich. Jeder darf die Software frei nutzen, kopieren, verändern und weitergeben. Die beliebige Verwertung ist erlaubt, vorausgesetzt, dass Weiterentwicklungen ebenfalls frei verwertbar bleiben, sobald sie veröffentlicht werden. Nichts ist mehr geheim. Alles kann von allen kontrolliert werden. Und: Eine Monokultur eines einzigen Anbieters wird verhindert. Denn ähnlich wie in der Landwirtschaft hat sich diese als höchst anfällig erwiesen.

Microsoft machen zunehmend Sicherheitsprobleme zu schaffen. Der Champion in der Computerwelt ist verwundbar: Spam-Attacken, Viren, Würmer und Trojaner setzen ihm sowie seinen Produkten zu. Wer die Macht hat, wird leicht zum Ziel von Angreifern und Saboteuren. Und seine Kunden gleich mit. Die sind für jede Alternative dankbar.

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