Dies könnte das Drehbuch für einen Wirtschaftskrimi sein. Es geht um Aufträge über annähernd sieben Milliarden Euro. Korruption sei im Spiel, sagt die Staatsanwaltschaft und hat die Vorstandsetage der Deutschen Bahn AG (DB) nach Beweisen durchsucht. Der Vorwurf: Das Staatsunternehmen soll einen ehemaligen Politiker eingekauft haben, um leichter ans große Geld zu kommen. Unsinn, sagen die Bahnmanager und beteuern ihre Unschuld. Doch ganz gleich, ob die deutsche Justiz zugreift: Im Hintergrund lauert schon die EU-Kommission, die einen klaren Fall von Rechtswidrigkeit wittert – und mit Bestrafung droht. Ausgang offen.

Zu kompliziert für einen zündenden Plot? Es ist jedenfalls ein Stück deutscher Realität.

Seinen vorläufigen Höhepunkt fand der Krimi Anfang vergangener Woche im Berliner Bahn-Tower am Potsdamer Platz. Dort präsentierte sich im Büro des Vorstandsvorsitzenden Hartmut Mehdorn eine Abordnung der Staatsanwaltschaft Neuruppin – mit einem Durchsuchungsbefehl. Der Bahnchef unter Korruptionsverdacht? „Sie wissen“, schrieb Mehdorn tags darauf mit gebremster Wut an seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, „dass ich mich seit meinem Amtsantritt bei der Bahn massiv gegen Korruption eingesetzt und diesen Anti-Korruptionskurs mit allem Nachdruck durchgesetzt habe.“

Fast sieben Milliarden Euro, das ist die Summe, die der Bund den Ländern jährlich als „Regionalisierungsmittel“ zur Verfügung stellt. Die Länder oder ihre Zweckverbände bestellen und bezahlen damit den Nahverkehr auf der Schiene. Für das Verkehrsunternehmen ist das eine Sache ohne Risiko. Denn jeder Zug wird mit einem festen Preis bezahlt, auch wenn er leer durch die Gegend fährt. Sind die Waggons dagegen voll, kassiert das Unternehmen die Garantiesumme plus zusätzliches Geld aus dem Ticketverkauf. Ein sicheres und lukratives Geschäft also für den Betreiber – und der heißt in der Regel Deutsche Bahn AG.

Diese mit der Bahnreform eingeführte Praxis hat sich zu einer handfesten Affäre ausgewachsen. Zwar interessiert sich der Staatsanwalt seit dem Wochenende nicht mehr für Mehdorn persönlich. Aber jetzt ist sein Kollege Klaus Daubertshäuser im Visier, im DB-Vorstand zuständig für politische Beziehungen. Zu Deutsch: für eine effiziente Lobby. Und damit auch für Hartmut Meyer. Der SPD-Mann war bis Herbst 2003 Verkehrsminister von Brandenburg und hatte im Dezember 2002 ein Geschäft mit DB Regio, der Nahverkehrstochter der Bahn, abgeschlossen. Die Laufzeit: zehn Jahre. Garantierte Einnahmen für die Bahn: insgesamt 1,9 Milliarden Euro.

Der Fall Meyer ist anrüchig

Noch während seiner Amtszeit als Verkehrsminister, so die Staatsanwaltschaft, habe Meyer mit der Bahn über einen Beratervertrag gesprochen, im Februar 2004 wurde er als „Beauftragter des Bahnvorstandes“ engagiert. Seitdem ist der 60-Jährige oberster Bahn-Lobbyist in Brandenburg und versucht mit Insider-Kenntnissen gute Geschäfte zwischen Bahn und Landesregierung anzubahnen.

Interessenkonflikte? Politischer Anstand? Schamfristen? Bahnchef Mehdorn windet sich: „Ein Unternehmen wie die Bahn, das wie kein anderes im politischen Spannungsfeld steht, braucht Unterstützung auf politischer Ebene.“ Das sei „auch in anderen Unternehmen völlig normal“.