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Dirigentinnen am Pult großer Orchester sind in Deutschland noch immer rar von 

Als die amerikanische Dirigentin Marin Alsop zur neuen Chefin des Bournemouth Symphony Orchestra ernannt wurde, kalauerte eine große deutsche Tageszeitung: "Prima, eine Donna am Pult!" Wäre irgendwo auf der Welt wieder ein Mann zu Chefdirigenten-Ehren gekommen, das Blatt hätte wohl kaum etwas wie "Klasse, ein Kerl am Pult!" getitelt.

Frauen am Pult mittlerer und großer Orchester sind immer noch eine Rarität. Dagegen haben Geigerinnen, Flötistinnen, Klarinettistinnen zahlenmäßig oft schon mit ihren männlichen Kollegen gleichgezogen. Und selbst erzkonservative Herrenclubs wie die Wiener Philharmoniker akzeptieren mittlerweile Frauen in ihren Reihen. Doch wenn eine Frau zur Generalmusikdirektorin bestellt wird, gleicht das einer kleinen Sensation, und die Kritiker lassen sich vorzugsweise über die Abendrobe der neuen Maestra aus, anstatt sich auf die Bewertung musikalischer Leistungen zu beschränken.

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"In diesem Metier ist die Macht des Mannes noch ungebrochen", sagt Elke Mascha Blankenburg, Dirigentin, Frauenrechtlerin und Autorin des jüngst erschienenen Buches Dirigentinnen im 20. Jahrhundert. Da herrsche noch das 19. Jahrhundert, sagt auch Patrick Dinslake, der neue Vorsitzende der Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen. Damals wurde der Mythos des vergötterten Maestro begründet, der sich sein Orchester unterwirft und, priestergleich, zu höchsten Höhen führt. Absolute Herrscher am Pult und Gebieter über die Partituren wie Hans von Bülow, Arturo Toscanini, Wilhelm Furtwängler oder Herbert von Karajan sind in der Welt der klassischen Musik die Leitbilder, bis heute. Der Stabführer als Heros, als übermächtige Vaterfigur. "Ein richtiger Dirigent", sagt Elke Mascha Blankenburg, "hat eben immer noch ein Mann zu sein."

Im Jahre 2002 gab es in Deutschland 76 Opernhäuser mit regelmäßigem Spielbetrieb. Von den 76 Generalmusikdirektoren waren zwei weiblich: Catherine Rückwardt, seit 2000 Generalmusikdirektorin am Mainzer Staatstheater, und Karen Kamensek, seit 2002 in gleicher Position am Opernhaus Freiburg tätig. Dazu kommen 34 eigenständige Symphonieorchester, von denen eines von einer Frau geleitet wird: Romely Pfund, seit 1998 Generalmusikdirektorin der Bergischen Symphoniker Solingen/Remscheid.

Blankenburg rechnet in ihrem Buch minutiös vor, dass in den vergangenen 25 Jahren nur sieben Chefpositionen an eine Frau vergeben wurden. Das Deutsche Bühnenjahrbuch verzeichnet für 2002 unter "Musikvorstände" sechsmal so viele männliche wie weibliche Namen. Die meisten Frauen sind Repetitorinnen, die mit Sängerinnen und Sängern Rollen am Klavier einstudieren und musikalische Kärrnerarbeit leisten. Ganz nach oben schaffen es nur die wenigsten. "Die gläserne Decke existiert noch", sagt Catherine Rückwardt. Das Gesetz: je älter der Maestro, desto geachteter, findet auf Frauen natürlich keine Anwendung. "Sie müssen jung sein", sagt Elke Mascha Blankenburg.

Da ist Simone Young so etwas wie ein Silberstreif am Horizont. Sie wird ab 2005 neue Leiterin der Hamburger Staatsoper und Chefdirigentin der Hamburger Philharmoniker. Nie zuvor wurde einer Frau in Deutschland mehr zugetraut. "Ein Lichtblick", sagt Elke Mascha Blankenburg, "es bricht etwas auf." Die Australierin war künstlerische Direktorin der Oper in Sydney und gehört zu den bekanntesten Frauen in der internationalen Dirigentenszene. Ihre Berufung nach Hamburg könnte wie ein kräftiger Impuls wirken, hofft Elke Mascha Blankenburg.

"Je mehr Vorbilder, desto besser"

"Je mehr Vorbilder, desto besser", sagt Alicja Mounk, von 1991 bis 1994 Generalmusikdirektorin am Ulmer Theater, jetzt Leiterin der Opernschule an der Staatlichen Musikhochschule Karlsruhe. Dabei tun sich die wenigen Dirigentinnen, die eine Spitzenposition erobert haben, zuweilen schwer, das Vorbild zu geben. Sie wollen nur eins: als Künstlerin wahrgenommen und nach ihren musikalischen Leistungen beurteilt werden. "Ich will nicht als etwas Besonderes gesehen werden, nur weil meine Chromosomen anders gelagert sind", sagt Carolin Nordmeyer, Assistentin des Generalmusikdirektors und Studienleiterin am Theater Bielefeld. Es dürfe nur darum gehen, was jemand "da vorne kann". Eine professionelle Haltung, die bei Frauenrechtlerinnen nicht unumstritten ist. "Ob sie wollen oder nicht, sie haben eine Vorbildfunktion", sagt Constanze Holze vom Archiv Frau und Musik in Frankfurt am Main. Schließlich zögen sie aus ihrem "Exotendasein" durchaus auch einen Vorteil. Das Archiv hat sich zum Ziel gesetzt, nicht nur die Arbeit von Dirigentinnen, sondern auch das Schaffen von Musikerinnen und Komponistinnen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen.

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