Zeitschrift Im Herrenzimmer

Die neue Zeitschrift „Cicero“ will ein Kursbuch für das neue Bürgertum sein, Geld und Geist versöhnen und Deutschland auf den richtigen Weg bringen

Was kommt nach Rot-Grün, wenn die Epoche der Achtundsechziger zu Ende geht? Kehrt der bürgerliche Geist zurück, gibt es gar eine neue Bürgerlichkeit? Manche Intellektuelle hoffen darauf, und so kann es nicht schaden, dem bürgerlichen Geist seine künftige Heimatstatt zu zeigen.

Die neue, im Schweizer Ringier-Verlag erscheinende Monatszeitschrift Cicero versteht sich ausdrücklich als Quartiermacher des neuen Bürgertums und Kursbuch des Kommenden. Das Magazin für politische Kultur ist exzellent gemacht, ohne Schnickschnack, eine Geistesvilla mit Herrenzimmer und Kamin. An den Wänden hängen die Vorbilder, der New Yorker, Atlantic Monthly, auch der Merkur. Da will man hin, das möchte man sein.

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Aber wie es so ist mit Zeitschriften-Projekten: Steil ist alle Theorie, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen. Die Redaktion mag stramm den Kurs vorgeben, aber die Autoren segeln hart am eigenen Wind. Arthur Miller erzählt, wie er vor Jahr und Tag Fidel Castro begegnete, dem großen Melancholiker, der in seinem kubanischen Freiluftbordell Tausende politische Gefangene hinter Gitter gesteckt hat. So einen wie Armando Valladares zum Beispiel, der erschütternd beschreibt, wie er 22 Jahre in kubanischer Folterhaft saß, weil er sich geweigert hatte, an seiner kleinen Postsparkasse einen Castro-Aufkleber anzubringen.

Keinen Beitrag gibt es zum Irak-Krieg, keinen zum Streit um Mel Gibsons Passionsfilm. Essays muss man im Cicero mit der Lupe suchen. Stattdessen gibt es viel Tagesjournalismus, zum Beispiel ein dünnlippiges Interview mit Horst Köhler und eine entzückte Grußadresse an die künftige Bundeskanzlerin „Maggie“ Merkel. Prächtig stehe sie da, nach ihrem triumphal gewonnenen Präsidentenpoker: „Sie wollte Schäuble nie. Aber sie hat ihn von Westerwelle richten lassen.“ Wo Platz ist, schwärmt Cicero von „Führungswillen, Entschlussfreudigkeit und Machttrieb“. Eine Autorin feiert Berlusconis Tochter Marina als das „weibliche Antlitz unternehmerischer Macht“. Im zarten Alter von 32 Jahren habe sich die eiserne Lady „den Medienkosmos Fininvest auf die schmalen Schultern“ geladen. Kein Wort darüber, dass Berlusconis Fininvest der Demokratie das Wasser abgräbt.

Und sonst? Robert Spaemann warnt in einem älteren, für Cicero aktualisierten Text davor, Europa nicht als Werte-, sondern als Rechtsordnung zu errichten. Tilman Spengler spricht mit dem Maler Jörg Immendorff, und Klaus Harpprecht hält eine Grabrede auf den Leitartikel, so scharfzüngig geschrieben, als sei’s ein Beweis, dass der Leitartikel so lebendig ist wie am ersten Tag. Ein sanftmütiger Maxim Biller rühmt Berlin, ein aufgerauter Milton Friedmann macht sich im Interview über das Kyoto-Abkommen lustig. Der Ex-Verteidigungsminister Scharping planscht in der Tinte und sinniert in einem dürftigen Elaborat über den dürftigen Zustand der SPD. Dafür besucht der Schriftsteller Peter Schneider ehrfürchtig das Bundeskanzleramt und schaut dem Hausherrn tief in die Seele seiner verblassenden Macht. „Er hört das Sirren der Leere in dem riesigen Gebäude.“ Eigentlich, so der Hofpoet, könne der Kanzler das Vaterland retten, wäre da nicht der linke Windmühlenminister Trittin, der „die Umwelt mehr liebt als die Menschen und Millionen von Hausfrauen mit Tüten leerer Flaschen durch die Einkaufsstraßen treibt“. Doch wie viele „soziale und moralische Ressourcen“ wüchsen einer Nation zu, erhöbe sie sich endlich erfolgreich aus den „Trümmern (!) eines lähmenden und zukunftsblinden Status quo“.

Überhaupt, die vielen Windmühlen. Gegen nichts kämpft Cicero aufopferungsvoller als gegen deutsche Windmühlen auf deutschen Wiesen. Weil Atomkraft schöner ist? Manchmal gewinnt man den Eindruck, man müsse nur Windmühlen und Sozialstaat auseinander schrauben, und schon werde Deutschland am Riff des argentinischen Schicksals vorbeisteuern. Heroisch und doch menschlich. „Was macht heroisch?“, möchte Cicero von Hessens Ministerpräsident Koch wissen. „Wenn Menschen friedlich für eine gute Sache kämpfen, wie der Dalai Lama oder Mutter Teresa.“

So denkt man im Herrenzimmer von Cicero, wippt am Tresen der Weltgeschichte und lässt sich von Niedriglöhnern einen Dom Perignon reichen. Und doch – in der Prachtvilla gibt es auch ein Souterrain, und hier sitzen die Quertreiber und kippen Wasser in den Wein der frommen Denkungsart. Frank A. Meyer nimmt sich die Managerbezüge vor. Elf Millionen für Herrn Ackermann, zehn Millionen für Herrn Schrempp. Solche Manager, schreibt er, seien keine Bürger, sondern Kleinbürger, von Deklassierungsängsten geschüttelt, vom Ultraliberalismus eines Hayek getrieben. Wie Söldnerführer plünderten sie die ihnen „anvertrauten Unternehmen, von Enron bis Worldcom“.

Der wahre Bürger mag das nicht. Wenn sich die kapitalistische Elite weiter so aufführe, so ahnt Heinz Evers von der Beratungsgesellschaft Kienbaum, bekomme die Marktwirtschaft ein Legitimationsproblem. Zwischen 1997 und 2002 kletterten die Bezüge von Vorstandsmitgliedern um 80 Prozent, die ihrer Beschäftigen um 15 Prozent. Will ein Bankangesteller so viel verdienen wie sein Chef Ackermann in einem Jahr, muss er sich ranhalten und 250 Jahre arbeiten. „Nur eine radikale Neuausrichtung der Vorstandsgehälter kann die Misere beenden.“

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