Im Moment ist alles ruhig. Es geht nur eine sanfte Brise. Heute ist kein Tramuntana-Tag. Der berüchtigte Wind drückt nicht wie üblich, aus den Bergen kommend, mit heftigen Böen ins Land. Die Wolken ziehen von den Pyrenäen langsam heran, treiben über die Ebene des Alt Empordà und dann der Costa Brava und dem Mittelmeer entgegen. Vom Castell de Quermançó aus schweift der Blick behaglich rundum in die Ferne. In der Nähe sieht es weniger behaglich aus. Die Burg selbst ist arg zerzaust. Ihre Außenmauern stehen noch, darin ein halber Turm, entkernt, und eine Art Hochplateau. Der Rest ist Ruine und das Betreten auf eigene Gefahr.

Vor 35 Jahren hätte es mit Quermançó einmal bergauf gehen können. Der Welt berühmtester Katalane, Salvador Dalí, war damals im Norden seiner Heimat unterwegs, um eine Burg oder ein Schlösschen zu kaufen, das er dann seiner Frau Gala als Rückzugsort schenken wollte. Quermanço kam in die engste Wahl, der exponierten Lage und mancher reizenden Burglegende wegen. Doch die Besitzer mochten nicht verkaufen, und so erwarb Dalí schließlich das Schlösschen Púbol weiter südlich im Baix Empordà. Das ist inzwischen längst zum Museum Castell Gala Dalí herausgeputzt, wird jedes Jahr neu auf Vordermann gebracht und empfängt die Saison über 100000 Besucher. In Quermançó dagegen pfeift weiter der Wind durch ausgefranste Schießscharten, und der Regen kann fallen, wohin er will.

Aber vielleicht hilft Dalí dem alten Gemäuer ja doch noch auf. Auch 15 Jahre nach dem Ableben ist sein Name eine Menge wert, und das gilt insbesondere dieser Tage, rund um seinen 100. Geburtstag am 11. Mai. Manche verrückte Idee von früher gewinnt plötzlich neuen Reiz. Dalí hat zum Beispiel einmal laut darüber nachgedacht, ein Nashorn in Quermançós Burggraben Kreise ziehen zu lassen, nur um Touristen schamlos Geld abknöpfen zu können. Von etwas anderem Kaliber war schon seine Idee, der Burg eine Orgel draufzusetzen, mit Naturantrieb gewissermaßen: Wenn die Tramuntana durchs Land jagte, würden die Orgelpfeifen allein von der Windkraft in Gang gesetzt; die Böen spielten der Gegend folglich ihre ganz eigene Melodie vor.

Der stark böige Wind fahre den Leuten hier ins Hirn, heißt es

Die neuen Besitzer von Quermançó sind bereits fast so weit. In Kürze werden die atmosphärischen Messungen abgeschlossen sein, und in Barcelonas Universität Ramon Llull wird schon an der Orgel gezimmert. Im September soll Einweihung sein. Unser Blick schweift noch einmal über das marode Mauerwerk, und der Zweifel am Terminplan steigt. September? Aber das Programm steht bereits, mit Theater, Tanz und Orgelspiel und einem frisch einstudierten Premierenspektakel unter dem Titel Dalírium .

Doch selbst wenn die Orgel am Ende pünktlich bereitstünde – sie wird nicht die sein können, die Dalí im Sinn hatte. Denn als die Bewohner des benachbarten Dorfes Vilajuïga vom Plan mit der Windmusik erfuhren, fürchteten sie um ihre Nachtruhe, beschwerten sich und erwirkten, dass nun die Reichweite der Orgel auf circa zehn Meter heruntergeregelt wird.

Dalí wäre von so viel Rücksicht entsetzt gewesen. Er liebte es skrupellos. In jedweder Öffentlichkeit gab er den genialischen und schrillen Künstler mit großem Nachdruck und Trara. Die Empordanesen, anfangs argwöhnisch, gewöhnten sich schließlich an den bedeutenden Exzentriker in ihrer Mitte. Sie verstanden ihn womöglich nicht. Aber irgendwann lernten sie wenigstens, stolz auf ihn zu sein. Und heute werden bereits Vierjährige im Kindergartenverband durch das Dalí-Museum in Figueres getrieben, um etwas über den schillernden Sohn des Landes zu lernen. Dem erwachsenen Touristen wird von der Stiftung Gala-Salvador-Dalí gleich ein "Dalí-Dreieck" ans Herz gelegt: Neben Galas Schloss in Púbol lassen sich das Teatre-Museu Dalí in Figueres besichtigen sowie das Wohnhaus des Paares in Port Lligat, an der Costa Brava zwischen Cadaqués und dem Cap de Creus gelegen.

In Figueres ist Dalí aufgewachsen. Nach Cadaqués ging es immer zur Sommerfrische, über die Hügel voller Olivenbäume und alter Weinstöcke hinaus ans Meer. Als Dalí 1930 von seinem Vater (wegen grober Respektlosigkeiten) verstoßen wurde, zog er sich zurück nach Port Lligat, in eine kleine Fischerhütte ohne Strom und fließendes Wasser. Dort entwickelte er, bemuttert von Gala, seine eigene Spielart des Surrealismus, die mittlerweile keinen guten Leumund mehr hat, auch wenn sie in den Poster-Shops dieser Welt immer noch sehr gut ankommt.