europaEuropa kommt nach Usedom

Auf der geteilten Ostsee-Insel wollen Polen und Deutsche am 1. Mai gemeinsam ein großes EU-Fest feiern - aber die Bürokratie stellt die Völkerfreundschaft auf eine harte Probe

Wenn Gerd Schulz an die Nachbarn im Osten denkt, dann sieht er ein schwarzweißes Foto. An der Grenze zu Polen rütteln deutsche Soldaten am Schlagbaum, reißen daran mit aller Gewalt, weil sie den Weg freischlagen wollen für Hitlers Armee. Die Soldaten tragen Stahlhelme, und als der Schlagbaum bricht, lächelt einer von ihnen, als sei etwas Bewundernswertes gelungen. Es ist der 1.September 1939, der Tag, von dem man später sagen wird, dass Deutschland mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg begann.

Das Foto lässt Gerd Schulz nicht los, bis heute nicht, und heute ist er 56 Jahre alt. Ihm gehört inzwischen ein Strandhotel im Badeort Kölpinsee auf Usedom, einer geteilten Insel. Hier Deutschland, drüben Polen, hier Wohlstand, drüben Wohlstandsaspirant, hier Europäische Union, drüben bald auch, vom 1. Mai. an Der Hotelier Gerd Schulz will helfen, diese Grenze endgültig zu überwinden. Bald will er ein unbekanntes Bild in sein Gedächtnis kleben, ein Bild vom vereinigten Europa, ein farbenfrohes, zuversichtliches Bild.

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In Oranienburg, DDR, wuchs Gerd Schulz auf, und als er im Geschichtsbuch der siebten Schulklasse zum ersten Mal das Foto mit dem zerborstenen Schlagbaum sah, dachte er: Das waren „die anderen“, die aus der BRD, wir nicht, wir waren der Widerstand gegen Hitler. Als der Student Schulz später die Gedenkstätte Auschwitz besuchte, rieten ihm Polen: „Sprich hier besser nicht Deutsch.“ Schulz erschrak, plötzlich fühlte er sich „in das Tätervolk integriert“, und seine Distanz zu dem schwarzweißen Foto verringerte sich. Langsam begann er etwas von der „gesamtdeutschen Verantwortung“ zu begreifen, die er meint, wenn er über sein wichtigstes Projekt spricht. Über das Fest. Ein Freudenfest. Sein Fest. Ein deutsch-polnisches Volksfest nannte er es anfangs, jetzt heißt es Europafest. Die größte Veranstaltung in Mecklenburg-Vorpommern am Tag der EU-Osterweiterung. Eine historische Feier, drei Tage lang, an einem historischen Platz. Swinoujście, die polnische Stadt an der Grenze, gehörte vor Kriegsende zu Deutschland, hieß Swinemünde und war damals Hauptstadt der Insel.

Im Kellerbüro seines Hotels, gleich hinter der Heizungsanlage, gründet Gerd Schulz im Mai 2003 eine bilaterale Arbeitsgruppe, später ein Organisationskomitee Europafest (OK), in dem zunächst nur Gerd Schulz die Bundesrepublik Deutschland repräsentiert. Er glaubt, dass sich seine Insel von Europa begeistern lässt, wenn es der OK-Boss Schulz nur richtig anstellt. „Polen und Deutsche sollen merken, dass sich bald etwas ändert“, sagt er.

Hundert Künstler schaffen das längste Bild aller Zeiten

Gerd Schulz, der Chef des Tourismusverbandes Usedom, tut alles, damit eine „große Idee“ gelingt. Die Idee von der vereinigten Insel in der Ostsee, von einer neuen Epoche in der europäischen Geschichte. 1. Mai 2004, Schlag Mitternacht. Ein deutscher Gesandter, der berühmte schwäbische Hochseilartist Johann Traber, balanciert im Lichtkegel der Feststrahler eine azurblaue Flagge mit 25 Sternchen hinein ins neue EU-Land. Gerd Schulz sieht die grandiose Szene schon vor sich, und die versöhnliche Botschaft dieses neuen Bildes soll genauso charakteristisch werden wie die vernichtende Botschaft des schwarzweißen Fotos damals.

Große Bilder brauchen große Ideen, große Ideen große Leidenschaften. Geht es nach den Polen, soll es ein Fest der Superlative werden. Das polnische Organisationskomitee gedenkt seine Republik mit Aplomb ins erweiterte Europa hineinzufeiern. Herr Specjałski (diplomatisch), und Herr Wilkoński (euphorisch) sprechen von wunderbaren Projekten, durch die sie ihr Volk symbolisch in die Europäische Union eintreten lassen möchten. Beim Europafest geht es um Bilder und Sinnbilder und um das Guinness Buch der Rekorde.

Die Emphase, mit der Herr Wilkoński vom längsten Bild redet, das in Europa je geschaffen wurde, lässt sich höchstens von deutschen Sicherheitsinteressen dämpfen. Zbigniew Wilkoński, freier Theater- und Filmregisseur aus Stettin, koordiniert das Projekt „Bild“ östlich der Grenze Ahlbeck – Swinoujście, Usedom – Wolin, Deutschland – Polen. Die Idee mit dem längsten Bild habe ihn vor einem Jahr angeweht. Sofort habe er sie seinem Stadtpräsidenten vorgestellt: 50 Künstler aus dem polnischen Verband Bildender Künstler in Stettin und 50 des Pommerschen Künstlerverbandes Greifswald verewigen gemeinsam und honorarfrei ihre Visionen des Europäischen. Ein Allegorienreigen in Acryl, für alle Zukunft. Es sei doch großartig, sagt Herr Wilkoński erfreut, dass die beiden Völker an diesem Tag über die Kunst zueinander geführt, vereint, ja versöhnt werden könnten. Über den sicher entscheidenden symbolischen Gehalt hinaus ist das Projekt freilich eine nicht zu unterschätzende PR-Aktion für Swinoujście, die polnische Grenzstadt, die man in Deutschland Swinemünde nennt. Geht es nach Zbigniew Wilkoński, wird das mit 300 Meter Leinwand längste je in Europa geschaffene Bild zur Hälfte auf Woliner, zur anderen Hälfte auf Usedomer Strand errichtet.

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