Ich habe mir oft gedacht, es aber stets für mich behalten, wie grauenhaft diese traditionellen Kreuze sind, an denen ein verstümmelter, mit dem Tod ringender Körper hängt. Schon als Junge habe ich mich manchmal gefragt, was das wohl für eine Religion ist, in der man Kindern zumutet, das Bild eines leidenden, sterbenden oder bereits toten Mannes zu betrachten, dessen Hände von Nägeln durchbohrt sind. Welche Auswirkungen haben solche Bilder? Warum sollten die geistlichen Oberhäupter einer Religion wollen, dass ihre Gemeinde, einschließlich der Kinder, regelmäßig etwas derart Grausiges anstarrt, voller Liebe anstarrt, und angesichts des schrecklichen Anblicks auch noch begeistert ist?

Mir waren Kreuze immer suspekt, auch wenn ich im Dunstkreis von Boston aufgewachsen bin, historisch gesehen eine privilegierte Umgebung für einen in christlichem Umfeld lebenden Juden, ein Milieu ohne heftige oder heftig geäußerte Antipathien gegen Juden. Mir war nie ganz klar, warum das Kreuz ein solches Unbehagen in mir auslöste, und da es in meinem unmittelbaren Umkreis keine Rolle spielte, ging ich der Frage nicht nach. Vielleicht, weil ich schon als Kind von dem Leid wusste, das die Hirten des Kreuzes allen zugefügt hatten, die es nicht annehmen mochten. Vielleicht. Möglicherweise war es auch nur oder hauptsächlich die empfindliche Reaktion eines Kindes. Immerhin war ich mit zehn zu den Vegetariern konvertiert, weil ich den Anblick von Fleisch unerträglich fand.

Sieht man von Äußerungen gegenüber einigen engen Freunden ab, wollte ich meine Gedanken über das Kreuz für mich behalten und etwaige Kommentare zu diesem religiösen Symbol lieber jenen überlassen, denen es lieb und teuer ist. In den letzten Jahren habe ich meine Einstellung allerdings revidiert. Im Grunde ist der gekreuzigte Jesus als Ikone ein Ausdruck der Ästhetisierung, um nicht zu sagen: der Fetischisierung von Gewalt und Schrecken, und dies haftet auch unterschwellig dem sichtlich harmloseren Kreuz an. Mit diesem Gedanken setzte ich mich erstmals intensiv auseinander, nachdem James Carroll in seiner Geschichte der katholischen Kirche und der Juden (Constantine’s Sword, Houghton Mifflin 2001) deutlich machte, dass die Kirche im Lauf der Geschichte das Kreuz in ein Symbol für viele schändliche und scheußliche Dinge verkehrt hatte, zu denen – nicht zum geringsten Teil – ein kriegerischer Eroberergeist und die Dämonisierung der Juden als Christus-Mörder zählten.

Weil das Kreuz die Geschichte von Jesu Tod he-raufbeschwört, stellt es zwangsläufig auch die Rolle derer zur Diskussion, die ihn angeblich getötet haben. Es ist schwer, sich den Augenblick des Mordes ohne den Mörder vorzustellen. Es ist ebenso schwer, den ungerechten Tod eines geliebten Menschen zu beklagen, ohne dem Mörder zu grollen, ohne Wut zu verspüren und den Wunsch nach Strafe oder Rache. Der tödliche Beweis dafür findet sich in der Geschichte des Kreuzes, eines kriegerischen Symbols, das Kreuzfahrer und andere Christen bei ihren Angriffen auf Juden geschwenkt haben, und in künstlerischen Darstellungen der Passionsgeschichte während der Karwoche, die nicht selten als Anlass für Übergriffe auf ansässige Juden diente.

Durch Mel Gibsons Film scheint nun eine offene Diskussion über die schrecklichen Kreuzigungsbilder nicht nur zulässig, sondern moralisch unumgänglich. Er nimmt die Fetischisierung von Grauen und Tod, die innerhalb des Christentums existiert, und zieht daraus eine krankhaft logische Schlussfolgerung. Optisch und symbolisch ist Gibsons Passion Christi eine sadomasochistische, orgiastische Schaustellung, welche die Juden in dem Maße dämonisiert, wie sie die Betrachter erniedrigt, die sich an den Schreckensbildern ergötzen. Den eigentlichen emotionalen Höhepunkt des Films bildet eine unerträglich lange, zeitlupenhaft plastische Darstellung des gesamten Kreuzigungsaktes. Dieses Schwelgen in fortwährend sadistischen Szenen rückt wieder einen Teil der Jesus-Geschichte in den Mittelpunkt, dem die katholische Kirche seit den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils weniger Bedeutung beigemessen hatte; mit diesen grausamen, unvergesslichen Bildern werden alle verhöhnt, die Jesus folgen wollen. Damit hat Gibson unbeabsichtigt den Irrweg des Todeskults entlarvt. Indem er ein Gottesbild zeichnet, welches das Leben, die Liebe und die guten Taten Jesu dominiert und verdeckt (wie es fast für den ganzen Film zutrifft), hat Gibson auch die Armseligkeit dieses Gottesbildes bloßgelegt.

Man mag Gibsons Splatter-Opus rechtfertigend interpretieren und etwa anführen, es zeige nur die grenzenlose Liebe, mit der Jesus für die grenzenlosen Sünden der Menschheit zu leiden bereit gewesen sei. Aber die Auswirkungen solcher Bilder und die obsessive Freude am Darstellen und möglichen Betrachten solcher Szenen lassen sich nicht mit ein paar geschickt gewählten Worten vertuschen.

Im Laufe der Geschichte und bis heute haben Christen den jüdischen Gott fälschlicherweise als "rachsüchtig" abgestempelt und den Juden vorgeworfen, sie würden nach dem Racheprinzip leben – und das, obwohl sie im Grunde seit Jahrtausenden wehrlos und nicht fähig waren, Rache zu üben. Doch als wirksamer antisemitischer Topos, der die Träger der religiösen Tradition dämonisierte, welche die Christen nun für sich beanspruchten, war dieser Vorwurf absolut klug und verständlich. Im Sinne einer Projektion diente der Vorwurf auch als Verteidigungsmechanismus, denn seit Jahrhunderten haben Christen, die der Lehre der katholischen Kirche gefolgt sind, mehr als jede andere religiöse Gruppe Rache geübt, indem sie Nichtchristen – Juden, Muslime, die amerikanischen Ureinwohner im 16. und 17. Jahrhundert – verfolgt und niedergemacht haben. Angestachelt durch Bilder, die bei weitem nicht so schrecklich waren wie Gibsons grausame Szenen der Geißelung und Tötung Jesu, haben sich Christen über Jahrhunderte hinweg dazu berufen gefühlt, die Prophezeiungen der heiligen Worte zu erfüllen, die da lauteten, Juden und alle, die nicht zu Jesus kommen wollen, niederzumetzeln und leiden zu lassen. Bevor Jesus stirbt, lässt Gibson ihn göttliche Rache gegenüber den Juden vorhersagen; dann, am Ende des Films, schickt er ein Erdbeben und lässt das Innere des Tempels der vermeintlich schuldigen Juden zerstören. Auf diese Weise erhalten Juden einen ersten Vorgeschmack auf die Rache, die bald über sie kommen und die ersten zwei Jahrtausende fortdauern wird.

Natürlich ist das Christentum auch eine Religion der Liebe. In den Händen vieler fortschrittlicher Christen – Katholiken wie Protestanten – hat sich das Christentum in modernen Zeiten und insbesondere während der letzten Jahrzehnte gewandelt und darauf besonnen. Selbst die konservative nachkonziliare katholische Kirche hat sich in vierzig Jahren außergewöhnlich weit in diese Richtung entwickelt. Gibson jedoch, der die liberalisierenden Anstöße des Zweiten Vatikanischen Konzils ablehnt, gibt sich jede erdenkliche Mühe, die Uhr zurückzudrehen. Er verschafft einem blutgetränkten christlichen Todeskult in all seinem Grauen, Entsetzen und sichtbaren Gewaltdrang erneut Geltung, wenn er etwa eine (weiberfeindliche) Teufelin und ihre blutdürstigen jüdischen Günstlinge "Kreuziget ihn! Kreuziget ihn!" rufen lässt. Gibson tut weiterhin alles, um den Juden ihre zentrale mittelalterliche Rolle als schreckliche, greifbare Gegner von Gott und allem Guten überzustülpen.