Chongqing

Lederpolster, Stereoanlage, sogar ein kleiner Kühlschrank: Für chinesische Verhältnisse ist der Bus des japanischen Herstellers Toyota geradezu luxuriös ausgestattet. Dennoch wird sich kaum jemand freiwillig in die rückwärtige Kabine dieses neuartigen Fahrzeugs begeben – denn wer dort einmal auf der Liege ruht, wird diesen Ort lebendig nicht mehr verlassen. Der Bus ist die jüngste Errungenschaft der chinesischen Strafjustiz, eine mobile Hinrichtungsanlage.

Bislang hielten die chinesischen Behörden westliche Medien von ihren Exekutionen fern. Doch auf das neue japanisch-chinesische Produkt ist man offenbar stolz, weshalb die ZEIT als erste westliche Zeitung Gelegenheit bekommt, sich in der Provinz Sichuan von diesem Fortschritt im chinesischen Hinrichtungswesen zu überzeugen. Der erste Toyota-Exekutionsbus (Wagen-Nr. SCT6700RZB54L) ist einsatzbereit. Hereinspaziert, China hat nichts zu verbergen!

Von außen unterscheidet sich der Hinrichtungs-Toyota in nichts von einem gewöhnlichen Polizeibus mit Blaulicht. Drinnen gibt es bequeme Sitzbänke für Staatsanwalt und Richter, von denen aus sie das Geschehen im hinteren, durch eine schalldichte Wand abgetrennten Teil des Wagens auf einem modernen Flachbildschirm verfolgen können. Für den Protokollführer steht ein Schreibtisch mit Computer zur Verfügung, die Stereoanlage dient wohl dazu, die passende Atmosphäre zu erzeugen.

Dagegen ist die eigentliche Hinrichtungskammer klinisch kühl eingerichtet, wie es einem Ort zukommt, an dem schon in wenigen Wochen Menschen systematisch getötet werden sollen. Durch die hintere Wagentür wird das tragbare Exekutionsbett mit dem bereits gefesselten Opfer auf ein klappbares Stahlgestell geschoben, daneben sind vier Klappstühle für das Überwachungspersonal angebracht. Im Arbeitsbereich des Henkers zwischen Bett und Trennwand stehen ein Geräteschrank, ein kleines Waschbecken und ein tragbarer Kühlschrank, in dem das Gift aufbewahrt werden soll. Die Giftspritze wird auf eine Schiene geschraubt, an der der Arm des Verurteilten festgebunden wird. Dann muss der Henker nur noch auf einen Knopf drücken.

Besser Spritze als Genickschuss

Die Firma Jinguan ("Goldene Krone") in Sichuan, die den Toyota-Bus umbaute, will sich die Einrichtung patentieren lassen. Es geht um Aufträge von über 300 Mittleren Gerichtshöfen des Landes. Bisher sind in China nach Medienberichten 19 Hinrichtungswagen im Einsatz. Dazu zählt ein Modell des chinesischen Autoherstellers "Goldener Drachen", welches, ebenfalls in Sichuan umgebaut, erstmals am 20. Februar in der südchinesischen Provinz Guizhou zum Einsatz kam. "Ich weiß vom Fernsehen, dass der Tod per Spritze schmerzlos ist", soll der Verurteilte Zhang Shiqiang nach staatlichen Medienberichten vor seiner Hinrichtung gesagt haben. Gegenüber den bisher üblichen Genickschüssen könnte man Chinas neue Hinrichtungsmobile sogar für einen humanitären Fortschritt halten. "Auf einer weichen Matratze liegend, nimmt der zum Tode Verurteilte Abschied vom Leben", berichtete die Tianfu Morgenzeitung .

Doch die Sorge um die Verurteilten dürfte das geringste unter den Motiven für die Einführung der mobilen Exekutionsstätten sein. Schwerer wiegt wohl, wie die Tianfu Morgenzeitung berichtet, dass die meisten Gerichte bislang keine festen Hinrichtungsplätze haben – man suche ständig neue Orte. Zudem führe die Zuschauermenge bei Exekutionen im Freien häufig zu Verkehrsstaus. Es geht, mit anderen Worten, darum, die unmenschlichen Tötungspraktiken der chinesischen Strafjustiz effizienter zu gestalten.