Interview „Ich bin bis oben voll mit Liebe“
Obszönitätenschleuder und Moralistin: Ein Gespräch mit Anke Engelke über Zensur im Fernsehen, ihre Angst vor den Eltern, die Schuhe von Dieter Bohlen – und wie es ist, einen unschlagbaren Großmeister zu beerben
Anke Engelke: Was ist das denn für ein Mikrofon? Sennheiser! Die Achtziger! Das sollte jede moderne Frau in der Handtasche haben. Zum Zuschlagen. Sehr gut.
die zeit: Sie haben mal gesagt, bevor Sie im deutschen Fernsehen eine wichtige Position einnehmen, müsste man dort erst mal richtig aufräumen. Jetzt sind Sie als Nachfolgerin von Harald Schmidt wichtig. Und was ist mit dem Aufräumen?
Engelke: Es geht mir mächtig auf den Zeiger, dass es so viel schlechtes Fernsehen gibt. Diese Welle von Reality-Formaten missfällt mir total. Ich mag auch grundsätzlich nicht, dass alles in Trends oder Booms eingeteilt wird. Ich befasse mich aus dieser Warte nicht mit dem, was ich mache. Ich bin fest davon überzeugt, dass man in Deutschland einen hervorragenden Fernsehabend verbringen kann. Aber vieles ist wahnsinnig überflüssig, auch wenn es viel geschaut wird. Weil es viel beworben und ihm eine Relevanz zugeteilt wird, die es nicht hat.
zeit: Würden Sie das Dschungel-Camp räumen?
Engelke: Ich hab reingeschaut, aber ich hab’s nicht ertragen. Ich halte eigentlich viel von Dirk Bach, ein ganz kluger, politischer Mensch, auch ein guter Schauspieler. Deshalb war ich ein bisschen erschrocken, was er da gemacht hat. Und dann sagten mir auch die Menschen, die da mitgespielt haben, nicht wirklich was. Plötzlich hab ich selbst mit den Begriffen A-, B- und C-Prominente hantiert. Wer bin ich, dass ich das beurteilen darf? Da müssen wir mal kurz Definitionen checken, um mit Woody Allen zu sprechen. Warum hört das Alphabet da bei C auf? Das ist nicht meine Kategorisierung.
zeit: Also weg damit.
Engelke: Ich meinte mit Aufräumen auch, dass ich es nicht gut finde, dass Kinder das alles sehen können. Da bin ich eine eisenharte Verfechterin der – Zensur nicht, das ist zu hart. Aber es muss was passieren. Ich fand es auch nicht gut, dass Ladykracher sonntags morgens um zehn wiederholt wurde. Das stört mich unglaublich, auch schon, bevor ich Mutter war. Ich habe Pädagogik studiert und wollte eigentlich Lehrerin werden. Das scheint ein Leitmotiv von mir zu sein: Für Kinder und Jugendliche ist das Fernsehen Müll.
zeit: Ihre gesamte Arbeit hat eine pädagogisch-subversive Komponente.
Engelke: Ich möchte wirklich nicht belehren. In der Unterhaltung hat das erst mal nichts zu suchen. Und doch bin ich auf Leute gestoßen, die auch ein Fernsehen machen wollen, das sich von dem kölschen schenkelklopfenden „Frauen = doof, Männer = sexbesessen“ verabschiedet.
zeit: Funktioniert es tatsächlich, das Fernsehen als moralische Anstalt?
Engelke: Im Idealfall von Ladykracher kann das passieren. Obwohl ich nur eine Komödiantin bin, eine Schauspielerin, die etwas Lustiges fabriziert, bewegt das ganz viel. Der wunderbare Filmregisseur Romuald Karmakar hat gesagt: „Da dreh ich mir ’nen Wolf ein halbes Jahr lang, und du erreichst mehr mit einem Sketch!“ Da sach ich: Ja, Alter, nimm dir mal den Stock aus der Hose, entspann mal ein bisschen, und raunz nich so rum. Früher waren da Berührungsängste. Ich war nicht etwa die Galionsfigur, ich stand für den Untergang der guten Kultur. Das ist jetzt anders.
zeit: Aber jetzt müssen Sie viermal in der Woche senden, da haben Sie gar keine Zeit, lange an klugen Sketchen zu feilen.
Engelke: Wir proben schon seit ein paar Wochen für die Late Night Show. Alles noch recht provisorisch, ich geh auf einem muffligen Milbenteppich ein und aus. Aber es gibt schon Sketche, Interviewsituationen.
zeit: Also machen Sie Ladykracher hoch vier?
Engelke: Wir haben tatsächlich überlegt, es Lady kracher Late zu nennen. Aber das hätte falsche Erwartungen geweckt. Ladykracher hat eine gewisse Unruhe, die ich in der Late Show nicht haben will. Der Begriff ist zwar ein bisschen doof, aber ich denke an einen „Lounge“-Charakter. Um viertel nach elf möchte ich den Tag entspannt Revue passieren lassen, kommentieren, satirisch beleuchten, komisch, klug, interessiert.
zeit: Ihr Sender hat verlautbart, eine Sternstunde wäre es, wenn Angela Merkel ihre Kanzlerkandidatur in Ihrer Sendung ankündigte.
Engelke: Da haben sie mir echt ein Ei gelegt. Das muss ich ausbaden. Genauso, dass ich Sat.1 angerufen und gesagt hätte, ich wäre gerne die Nachfolgerin von Harald Schmidt. Aber ich verstehe meinen Sender, die müssen ja irgendwas sagen.
zeit: Was wäre Ihre Sternstunde?
Engelke: Da kann eine Mutter von zwölf Kindern sitzen, wie ich vor einem Jahr eine hatte, deren einer Sohn mich nach der Show lustig angebaggert hat. Ey, Alter, lies mal Zeitung, ich bin vergeben! Da sitzt also ’ne zwölffache Mutter, und hinterher kommt der lustige Horst Köhler und erzählt, dass er genauso ein Familienmensch ist. Das fänd ich super. Oder da sitzt ein Sportler, dem ich extrem dümmliche Fragen stelle, die aber jeder andere auch gestellt hätte.
zeit: Was würden Sie Michael Schumacher fragen?
Engelke: Leute, ich habe bei Wetten, dass…? schon mal dreieinhalb Stunden neben Michael Schumacher gesessen und sehr gut geschlafen. Ich habe kurz versucht, ihn anzusprechen. Der Mann ist mir ein Rätsel, der wollte nicht mit mir sprechen. Deshalb fragen wir seine Frau. Mit der kann man mal reden. Warum haben die Tanten so wenig an, wenn sie mit dem Schampus kommen? Was ist da los? Wir entwerfen jetzt mal ’nen neuen Look für die Häschen da! Ich war häufig selbst Talk-Gast und dachte oft: Checkst du eigentlich, wie ich heute Abend drauf bin? Ich frag Clint Eastwood bei der Oscar-Verleihung auch, wie es ihm geht. Natürlich kann ich auch klügere Sachen fragen, zu seinem Film Mystic River und Kindesmissbrauch. Aber will ich das auf dem roten Teppich? Nein. Und er erklärt mit einer solchen Coolness, dass es ihm gut geht, dass ich mich in die Kamera drehe und gelassen in Ohnmacht falle.
zeit: Es wäre schön, wenn Sex weiterhin eine große Rolle in Ihrer Sendung spielen würde.
Engelke: Da hab ich die Absolution von allen möglichen Stellen bekommen. Sie sagen das, Alice Schwarzer sagt das, nur meine Eltern sagen es nicht.
zeit: Die obszöne Sprache wirkt wie ein Harnisch, mit dem Sie in die Schlacht ziehen.
Engelke: Ich kultiviere das, ich fühle mich dann immer sehr befreit. Es ist mir eine große Freude, Menschen zu schocken für einen kurzen Moment. Ich bin da so zwanghaft. Ab und zu muss ich einfach einen rausschießen, dass die Leute aufwachen und merken, der Tag ist noch gar nicht vorbei.
zeit: Auch in der neuen Show?
Engelke: Meine Lieblingsszene, darf ich die mal kurz vorspielen? Am Geburtstag von Miles Davis sitzt Johanna, eine meiner Ladykracher-Rollen, im Chanel-Kostüm da und spielt mit ihrem Goldschmuck: „Miles Davis, ja, das ist doch dieser Negertrompeter. Oh, man darf nicht mehr Neger sagen?! Ah, dann darf man wahrscheinlich auch nicht mehr sagen, dass die mehr Rhythmusgefühl haben und schneller im 100-Meter-Lauf sind als wir. Was wollen Sie denn von mir? Wieso Klischees?“ Am Tag haben wir 80 von den Dingern gedreht. Mehr geht nicht, wegen Maske und Kostüm. Ich kann so was nur mit Perücke spielen. Ich kann die Figur sonst nicht fühlen. Alle sagen dann: Oh, Diva-Alarm.
zeit: Haben Sie bei Ihrer Regine-Hildebrandt-Parodie tatsächlich deren Schlüpfer getragen?
Engelke: Ist kein Witz. Es klingt wahnsinnig albern. Aber ich bin keine gelernte Schauspielerin, es verunsichert mich schon, wenn ich die falschen Schuhe anhabe.
zeit: Findet man nach 80 Rollenspielen am Tag noch zurück ins eigene Leben?
Engelke: Das ist relativ leicht. Ich zieh die Perücke aus, und dann ist Schluss. Das ist ein Versteckspiel, wenn ich mich in Rollen begebe. Ich benutze sehr viel Dialekte und Figuren, die ich aus meinem Umfeld kenne, um etwas zu sagen, was ich mich als Anke nicht trauen würde.
zeit: Wie groß ist die Gefahr, dass alles im Leben nur noch Material für die nächste Sendung ist? Sie sind in die Talkshow von Sandra Maischberger gegangen, um sie zu studieren, um sie auszusaugen wie ein Vampir.
Engelke: Sie dachte, ich plane eine eigene wöchentliche Show, als ich sagte, ich wolle sie sein. Aber sie hat das nicht kapiert. Mein Traum ist, Sandra Maischberger als Sandra Maischberger zu interviewen. Sie ist relativ leicht hinzukriegen. Ich frage dann: „Weißt du noch, wie uns das nahe gegangen ist, als man uns die Affäre mit Gerhard Schröder unterstellt hat?“ Was soll sie da sagen? Erzähl du doch, Sandra! Nein, erzähl du doch, Sandra! Dann erzähl ich es, und dann kann sie mich gerne verbessern. Jetzt hab ich sie natürlich neurotischer dargestellt, als sie ist. Aber was hatten Sie noch gefragt? Ach ja, ich beobachte, sehe alles und jeden als potenzielles Thema. Aber es passiert selten, dass ich jemanden spiele und ihn wirklich verletze.
zeit: Aber müssen Sie als Moralistin nicht bestimmte Leute hart rannehmen?
Engelke: Da müssen wir wieder mal Definitionen klären. Was ist denn moralisch? Ich darf und muss kritisch sein. Aber ich muss fair bleiben.
zeit: Warum?
Engelke: Weil ich mich zu sehr damit auseinander setze, wie es den Menschen danach geht. Vielleicht ist das frauenspezifisch, eventuell mein Naturell. Vielleicht auch meine Erfahrung mit einem fiesen Umgang mit mir. Ich bin kein gehässiger Mensch. Ich bin bis hier oben voll mit Liebe, mit Lust und Freude an dem, was ich mache, dass ich niemanden in eine blöde Situation bringen will. Wir haben eine sehr, sehr kluge Definition gefunden für Menschen, die wir nicht einladen: Arschlöcher. Kann man so drucken, meine Mutter freut sich, wenn sie’s liest.
zeit: Und wer ist zum Beispiel eines?
Engelke: Man kann ja nach einem Jahr mal gucken, wer nicht da war und gerne kommen wollte oder hätte kommen müssen. Charlotte Roche fragte mich neulich: „Wie kannst du denn Uschi Glas einladen zu Danke Anke?!“ Weil ich die super finde. Zur Sache, Schätzchen ist ein Hammer-Film. Ist zwar ’nen bisschen was her, müsste mal was nachkommen, aber kann man ja auf DVD noch mal nachkolorieren.
zeit: Warum machen Sie Werbung mit Supermachos wie Beckenbauer und Bohlen? Ist das der ultimative befreite Feminismus?
Engelke: Ich glaube, ja. Als ich das unterschrieb, wusste ich natürlich nichts von den beiden Jungs. Wenn ich 400 Millionen dafür bekomme, ein Handy in die Kamera zu halten, bin ich doch blöd, wenn ich es nicht mache. Das ist zufällig das Handy, das ich sowieso habe, also muss ich mich nicht verbiegen. Damit setze ich mich ständig auseinander: Wer ist wann ein Arschloch? Beckenbauer sagte zum Beispiel: „Anke, du machst was falsch. Über Menschen, die ich mag, rede ich öffentlich. Über Menschen, die ich nicht mag, rede ich nicht.“ Sofort bin ich an die Decke gegangen: Nein, wir sind doch politisch, wir haben doch ’ne Meinung! Aber Scheiße, war das ein geiler Spruch, den nehm ich mir jetzt mal zu Herzen. Bohlen war einfach wahnsinnig handzahm und konnte sich nicht selber die Schuhe zumachen ohne seine Freundin. Das hat mir sehr gut gefallen.
zeit: Werden Sie ihn einladen?
Engelke: Harald Schmidt hat gesagt: Irgendwann musst du alle einladen.
zeit: Wie oft haben Sie es schon bereut, Harald Schmidt als Gott bezeichnet zu haben?
Engelke: Ich bereue das erst, seit ich mich definieren muss. Wenn Harald Schmidt Gott ist, dann bin ich? Scheiße! Ich hab so eine Strategie für kurze Interviews. Da sag ich Sachen wie: Ich hab mich in die Band gefickt. Dann biete ich was, dann schreiben sie keinen Mist. Ich lüg auch nicht wirklich, ich übertreibe nur. Dann darf ich aber drei Wochen nicht nach Hause fahren zu meinen Eltern. Diese Harald-Schmidt-ist-Gott-Nummer resultierte daraus, dass ich immer gefragt werde, warum es keine lustigen Frauen in Deutschland gebe. Mir fällt dazu partout nichts ein. Bei uns werden Frauen mit Kabarettpreisen ausgezeichnet, die so was von humorlos sind. So ’ne Trockenpflaumen, über die kann ich nicht lachen. Was soll ich dann also sagen? Ich kann doch nicht immer dieselben vier Frauen nennen, Elke Heidenreich, Hella von Sinnen, Cordula Stratmann und Barbara Schöneberger, das glaubt mir doch kein Mensch mehr.
zeit: Steckt der Fehler im System? Kluge Frauen haben im Fernsehen per se keine Chance?
Engelke: Ich würde das gerne behaupten, aber ich kann es nicht belegen. Ich habe mir von Alice Schwarzer die Absolution geholt. Ich darf sagen: Ich habe alles den Männern zu verdanken. Das find ich unfassbar emanzipiert, dass ich das sagen darf. Super. Und ich bedank mich bei euch, ihr Kerle! Sie haben mir alle nichts getan, im Gegenteil, sie haben mir Chancen gegeben. Sie haben mich herausgefordert – ich liebe Herausforderungen, deshalb habe ich auch keine Angst vor der Late Night. Das erste halbe Jahr wird ganz, ganz bitter. Da kann ich in die Selbsthilfegruppe gehen, in der Gottschalk, Schmidt, Willemsen sitzen. Alle die Schlauen sitzen da und heulen heute noch, dass man es ihnen in der ersten Zeit so schwer gemacht hat. Setze ich mich dazu und freue mich.
zeit: Ist das typisch deutsch? Jemandem, der ganz oben ist, erst mal die Luft rauslassen?
Engelke: Neid und Missgunst sind immer ein Thema, wenn es um Erfolg beim Fernsehen geht. Mir neidet aber niemand mehr was. Die Menschen gönnen mir das und sagen: „Hömma, is doch ejal, Anke, wat da jeschrieben wird. Da is morjen dä Fisch drin.“ Ich weiß auch, warum: Weil ich das seit 25 Jahren mache. Weil ich als kleines Mädchen schon da gestanden bin mit dem sabbelnden Hund und gesagt habe, ganz altklug, bäh: Liebe Kinder, morgen wird das Wetter schön. Geht raus zum Spielen. Wir sehen uns übermorgen wieder. Tschüs. Wo jeder Programmchef gedacht hat: Bescheuert, die Alte. Das haben die Menschen alles mitbekommen. Und sagen jetzt: Das ist unsere Anke.
zeit: Was macht für Sie denn den Erfolg einer Sendung aus?
Engelke: Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass mich Quoten nicht interessieren. Aber mich interessieren absolute Zahlen. Ich will wissen, wie viele Leute mich auf der Straße komisch angucken werden, weil ich Penis gesagt habe.
Das Gespräch führten Katja Nicodemus und Christof Siemes
- Datum 25.03.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 25.03.2004 Nr.14
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