Fünfzehn ist ein heißes Alter. Da ahnt man plötzlich, dass alles möglich ist, und es gibt noch keinerlei Pragmatismus. Kein Wunder, dass viele Romane, die aufs Ganze gehen, Helden dieses Alters aufweisen. Bei Hermann Hesse ist es fast das Gesamtwerk, von Unterm Rad bis hin zum Steppenwolf, der zwar nominell bald 51 ist, aber über Jahrzehnte und Kontinente hinweg vor allem im spiegelbildlichen Alter von 15 Jahren Widerhall findet.

Hermann Hesse multipliziert mit Japan ergibt Haruki Murakami

Der japanische Bestsellerautor Haruki Murakami scheint direkt aus der Verschmelzung hervorgegangen zu sein, die mit Hermann Hesse und Japan geschah. Allen Unkenrufen zum Trotz könnte sich der Suhrkamp Verlag ja bereits dadurch einigermaßen halten, dass Jahr für Jahr die Bilanzen durch die Hermann-Hesse-Lizenzen für Japan aufgefrischt werden. Da nimmt es nicht wunder, dass Murakamis Held in seinem neuen Roman gleich anfangs feststellt: "Mein fünfzehnter Geburtstag erscheint mir als ein passender Zeitpunkt für meine Flucht. Davor ist es zu früh, danach vielleicht zu spät."

Das ist im Grunde auch schon der ganz Plot, der große Pubertäts-Erwachsenen-Plot, mit Ausreißen aus dem Elternhaus und einem Weg, der anschließend nach innen angetreten wird, in die eigene Seele. Und da sind viele rätselhafte Bilder. Es gibt allerdings einen Punkt, der Murakami von Hesse unterscheidet: Er ist verdammt cool. Er hat das alles schon hinter sich, was Hesse niemals verstanden hätte: den Weg durch die Hippiekultur, durch Popsongs, Werbung und Science-Fiction, durch die ganzen zeitgenössischen Verrenkungen dessen, was Hesse noch gemütlich "magisches Theater" nannte. Da ist man nicht mehr romantisch auf der Suche, sondern von vornherein sehr abgebrüht. Womöglich ist Murakami einer der ersten Autoren, die mit der Globalisierung wirklich Ernst machen: Sein Japan sieht aus wie ein amerikanischer Highway, und die Seelen sind ausstaffiert mit dem, was alle kennen. Das Böse ist bei ihm nicht mehr der Teufel, das Spießbürgertum oder das oberflächliche Lotterleben, wie es wahlweise in Entwicklungs- und Bildungsromanen bisher der Fall war. Es kommt eher in der Gestalt des schottischen Zylindermannes aus der Johnny-Walker-Werbung daher und zwinkert ein bisschen mit den Augen.

Wo es das Böse gibt, wächst das Gute auch. Der junge Kafka Tamura macht sich auf die Suche nach "dem Sinn des Lebens", das wird ohne Umschweife ausgesprochen. Fantasy und existenzialistisches Pathos sind dabei eins. Die Erzählung entwickelt dabei einen beträchtlichen Sog, Murakami kann bedeutsam und sehr einfach schreiben. Von verschiedenen Seiten baut sich eine Spannung auf und wird auf den ersten 100, 200 Seiten auch immer größer, bis sie sich wiederum in verschiedene Richtungen verflüchtigt und unkenntlich macht. Geheimnisvolle Vorfälle, wie die plötzliche Ohnmacht einer Schulklasse bei einem Ausflug in den Bergen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, werden nie aufgelöst, sie sind Teil einer Magie, die der Erfahrungswelt des 15-Jährigen entzogen ist und bei der am Ende nur wesentlich ist, dass er um sie weiß.

Wie bereits in früheren Büchern von Murakami stehen eine naturalistisch gezeichnete Wirklichkeitswelt und eine fantastische, übersinnliche Traum-Seelen-Welt nebeneinander. Das Fantastische geht jedoch nicht aus der Wirklichkeit hervor, sondern ist fein säuberlich von ihr getrennt: Das ist ein altes Rezept für tiefe und triviale Wirkungen.

Anspielungen auf die Kultur der Erwachsenen sind Seifenblasen

Kafka Tamura heißt wirklich wegen Franz Kafka so, den hat er nämlich in der Schule gelesen und findet ihn toll. Auch Beethoven kommt ausgiebig vor, und der geheimnisvolle androgyne Bibliothekar Oshima weiht Kafka auf einer langen Autofahrt in die Interpretationsproblematik der D-Dur-Sonate Schuberts ein. Doch all die Anspielungen auf die Erwachsenenkultur verhalten sich letztlich wie Seifenblasen. Sie lenken nur davon ab, dass es sich um einen Roman für Jugendliche handelt, die in die Geheimnisse des Lebens eingeführt werden wollen.